Mütter Es ist halt passiert

Viele Frauen bleiben kinderlos – aus den unterschiedlichsten Gründen. Aber seit Deutschland sich um die Zukunft der Sozialsysteme sorgt, müssen sie sich gegen den Vorwurf des Egoismus verteidigen. Ein persönlicher Bericht

Der Ratschlag klang ironisch, aber nicht nur. »Warum schleichen Sie sich nicht einfach nachts raus und kommen morgens früh wieder nach Hause?« Ich hatte der Tischnachbarin beim Kennenlern-Small-Talk – »Haben Sie Kinder?« – erzählt, dass ich trotz langjähriger Bindung keine habe. Das hatte mein charmantes Gegenüber auf die Idee gebracht, ich solle mir halt kurzfristig einen Bullen mit guten Genen schnappen. Bald, ehe die biologische Uhr aufhöre zu ticken. Wir kicherten. Doch mittendrin kippte das Kichern in Verlegenheit. Bei ihr, weil sie meinen Blick ins Leere schwinden sah. Bei mir, weil man bei derart absurden, intimen Scherzen doch empfindlich ist.

»An wem liegt es denn?« Die Antwort hatte die besagte Dame im Interesse ihrer Pointe mal unterstellt. Andere Wildfremde aber wollten es ganz genau wissen. Übrigens nur von mir, der Frau. Die Frage war aber nicht als Versuch der Schuldzuweisung gemeint, sondern auffordernd: Schon vor der Antwort drängelten die Einfühlsamen mit der Geschichte von einem Paar, bei dem es nach der vierten oder vierzehnten Hormonbehandlung respektive Injektion aufbereiteter Samenflüssigkeit schließlich doch geklappt habe. (»Die haben jetzt ein süßes Mädchen!«)

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Umso tiefer war stets das Unverständnis darüber, dass ich die genauen Ursachen unserer Kinderlosigkeit gar nicht wissen wollte. Eine Zurückhaltung, die meine Gesprächspartner gleich zu deuten wussten, je nach Milieu.

Die übrig gebliebenen Tiefenpsychologen signalisierten vorsichtig: »Eindeutig ein massiv verdrängter unerfüllter Kinderwunsch. Unter dieser Voraussetzung zahlt doch die Kasse…« Häufiger ist aber neuerdings die bevölkerungspolitisch missgelaunte Variante: »Klar, man genießt ja auch seine Wohnung (Karriere, Unabhängigkeit)…«

Dieser Verdacht, dass allein materielle Gier mein mangelndes Engagement für Nachwuchs begründe – später mehr dazu, wie es wirklich war –, kriegt schließlich regelmäßig Zunder:

Zunehmend werden Kinderlose in Talk-Shows und Kommentaren als Asoziale dargestellt, die »weder ihr Geld noch ihre Zeit und Kraft mit anderen teilen«; die der Gesellschaft, wie der Buchautor Herwig Birg allen Ernstes schreibt, lebenslang beweisen müssen, dass ihr Handeln »dennoch mit den Geboten der Sittlichkeit übereinstimmt«.

Fast wünscht man sich bei solchen Übergriffen zurück in jene Zeiten, in denen man über Kinderlosigkeit nicht mal sprach.

»Frag lieber nicht«, hieß es in den sechziger Jahren, wenn ich wissen wollte, warum Onkel Max und Tante Gerda, meine Lieblingserwachsenen, keinen Nachwuchs hatten, »die sind so traurig«. Das war lieb gemeint, aber sonst hatte das Tabu nur gemeine Seiten: Wenn kein Nachwuchs kam, wurden vor allem die Frauen als vertrocknete Jungfern angesehen, die ihre »natürliche« Bestimmung, also das Leben verpasst hätten. Als entehrt galten aber auch Männer (unter sich sagten sie: enteiert), die ihren Namen nicht in die Zukunft trugen.

Das Tabu ist gebrochen. Doch längst hat die Debatte um die demografische Kluft zwischen Jungen und Alten die Kinderlosigkeit mit einem neuen Rechtfertigungsdruck behaftet. Eine moralische Pflicht zur Fortpflanzung ist zumindest suggestiv die Konsequenz, wenn die Stirn gerunzelt wird über schrumpfende Finanzierungsquellen für die Renten- und Gesundheitssysteme.

Wer wollte das Riesenproblem verleugnen? Aber eine Lösungsstrategie ist es noch nicht, wenn komplexe gesellschaftliche Veränderungen und das politische Versagen, die Welt für Familien gut einzurichten, schlicht in private Schuld verwandelt werden. Und wir Kinderlosen pauschal als Karriere- und Genussmenschen ins Bild gesetzt, die den Zweitwagen passend zum Businesskostüm kaufen, die als Single für überhaupt nichts mehr Verantwortung übernehmen wollen – und für die Blagen nur Lärmquellen sind.

Doch Verteilungskämpfe erfordern eben neue Feindbilder, das haben wir schon bei Miami-Rolf gesehen, dessen Wohlleben auf Staatskosten ausgerechnet in Zeiten chronisch zunehmender Arbeitslosigkeit (und damit plausibler Unschuldsannahmen) Sozialhilfeempfänger pauschal als gewissenlose Schmarotzer codieren sollte.

Gegenüber Männern und Frauen ohne Kinder ist zwar laut Umfragen eine Mehrheit der Bevölkerung noch tolerant genug, jedem Einzelnen seinen Lebensentwurf zuzugestehen. Die meisten Bundesbürger lehnen etwa eine Kinderlosensteuer ab. Doch die Stimmung kippt.

Und obwohl es Alleinlebende gibt, die wenig verdienen und sich täglich in Vereinen für andere engagieren, und andererseits betuchte kinderreiche Familien, deren Horizont nur von der Zahl ihrer Urlaube bis zur Erhöhung ihrer Kontostände reicht, wird die Welt nicht mehr in Wohlhabende und Bedürftige, Chancenreiche und Abgehängte eingeteilt, sondern in Alt gegen Jung – oder egoistische Kinderlose gegen aufopfernde Nestbauer. So lässt sich auch von der Kompliziertheit der Gerechtigkeitsfrage trefflich ablenken. Meiner Klischierung zum Job- und Wellness-Maniac begegne ich jedenfalls immer öfter.

Mütter schicken mir zum Beispiel gern Geburtstagspostkarten oder CDs, in deren Titel das Wort »Powerfrau« vorkommt. Das trifft mein Selbstgefühl ungefähr so, als verwechsle man Woody Allen mit Sylvester Stallone. Anerkennend, aber zugleich gereizt heißt die Botschaft, die in Diskussionen oft auch explizit herausschießt: Wie viel Zeit du dir nehmen, was du dir leisten kannst, aber du musst (gemeint ist: willst) ja auch nicht… (Fieber messen, Vokabeln abfragen, sparen).

Viele dieser Mütter fühlen sich, sagen sie dann, mit ihren Kindern im Schatten der öffentlichen Wertschätzung. Zu Recht: Trotz all der familienpolitischen Sonntagsreden hat die Gesellschaft für die alltäglichen, unsichtbaren Anforderungen der Aufzucht und Erziehung, für Windelwaschen, Kochen, Ermahnen und Mathepauken nach wie vor wenig Respekt. Sonst wären entsprechende Prioriäten bei der Gestaltung der Städte, Schulen und Arbeitswelten nicht noch immer die Ausnahme.

Doch es ist die versammelte »Wertegemeinschaft«, nicht nur die kinderlose, die aushäusige Aktivitäten höher schätzt als reproduktive. Zugleich wird den Müttern immer mehr abgefordert: Zusätzlich zu ihrer Versorger- und emotionalen Beschützerrolle müssen sie auch noch Lehrerinnen, Psychologinnen, Animateurinnen, Chauffeusen sein. Ihre Angespanntheit projizieren sie dann in ein mythisches Bild von unserem kinderlosen Leben, das eher der Werbung für Laptops als der Wirklichkeit ähnelt. Besonders gilt das für die doppelt belasteten Frauen, die auch noch zerrissen sind zwischen den einander diametral widersprechenden Normen der Fürsorge und des Berufs. Das Glück mit ihren Kindern, um das ich sie beneide, scheinen sie in ihrer Überforderung kaum mehr zu sehen. Aber schon gar nicht die Möglichkeit meines Unglücks.

Sie sehen nicht die Traurigkeit darüber, dass ich, bei aller vielfältigen Erfülltheit und Freiheit, keine Spiegelung erlebe, kein Fortleben in einem Sohn oder einer Tochter, nicht die Freude an deren Lachen, Lernen und Wachsen, an ihrer Einmaligkeit. Dass mich bekümmert, ein archaisches Potenzial nicht erlebt zu haben, das – vielleicht doch? – in meinem Körper steckt.

Sie sehen auch nicht meine Angst vor dem Verschraten, weil ein Leben leicht etwas Steriles, Unflexibles bekommen kann, in dem weniger Unverhofftes passiert als mit Kindern, die ständig die Küche durcheinander bringen und die Woche. Gewiss drohen Kinderlose auch deshalb um sich selbst zu kreisen, weil sie nicht selbstverständlich jeden Tag mitbekommen, was die Jungen umtreibt.

Was allerdings durchaus möglich wäre: Man kann schließlich auch Anteil, ja Verantwortung für das Leben anderer Kinder als der eigenen übernehmen. Und Kinder sind oft ganz dankbar dafür, wenn sie die Sachen und Gewohnheiten anderer Erwachsener als ihrer Eltern erforschen können.

Doch bei all ihrer Überlastung gehen erstaunlich wenige Mütter auf Signale ein, mir oder anderen Kinderlosen ihre Söhne und Töchter mal zur Betreuung zu bringen – sie sagen: »zuzumuten«. Das liegt nicht nur am Klischee (das wie alle Klischees auch Beispiele kennt), wir seien da nicht interessiert. Spiegelbildlich haben die meisten Mütter vor allem die Übereinkunft tief verinnerlicht, dass der Nachwuchs »Privatsache« und daher ihre alleinige Zuständigkeit sei. Und: Kann man Leuten ohne Kinder überhaupt trauen? Die wissen doch gar nicht, wie man sich kümmert…

Manchmal ertappe ich mich schon dabei, dass ich geradezu aufdringlich von Eltern, Freunden, Patenkindern erzähle, um mir und anderen zu beweisen, dass es auch in meinem Leben Loyalität und soziale Einbindung gibt. Soll ich mir ein Schild umhängen: »Auch ich mag Kinder«? Oder wenigstens: »Dafür zahle ich hohe Steuern – aus Überzeugung«?

Zunehmend sind es auch Männer, die unsereins misstrauisch beäugen. Diejenigen Konservativen, denen beruflich engagierte Frauen schon immer suspekt waren, sterben zwar allmählich aus. Dafür geht es jetzt jungen Vätern, die sich auch um Haushalt und Kinder kümmern wollen (oder sollen), wie den geschilderten Müttern. Oder schlimmer. Denn ihre Doppelbelastung wiegt angesichts eines zugleich fortwirkenden, karriereorientierten männlichen Selbstbildes schwerer.

Kürzlich maunzte mich einer an, nur halb im Scherz: »Du hast ja für Deutschlands Zukunft noch nichts getan.« Es war einer von denen, die sich gern über »Gutmenschen« in sozialen Initiativen lustig machen. Ist Kinderkriegen jetzt zur einzig möglichen Form geworden, gesellschaftlich nützlich zu sein?

Auch von der Kompliziertheit der Kinderlosigkeit lenkt das Klischee ab. Denn zumindest bei Frauen ist ein Leben ohne Nachwuchs eher selten kategorisch beschlossen, von Anfang an geplant. Meist ergibt es sich vielmehr aus einem Lebenslauf, bei dem widrige Umstände auch die scharfe Grenze zwischen »gewollt« (böse) und »ungewollt« (nicht so böse) verschwimmen lassen. Nur der Einfluss auf diese Umstände, keine Moralpredigt wird Frauen zu anderen Entscheidungen motivieren.

Mit 20, Ende der siebziger Jahre, warf ich mich aus Überzeugung erst mal ins Studium und in alle möglichen Aktivitäten. Denn die Freundinnen meiner Mutter im Nachkriegsbürgertum wollte ich mir nicht zum Vorbild nehmen, die allein mit der Pflege ihres Gatten und ihrer Fingernägel beschäftigt sein durften. Beflügelt vom ersten Hauch der Frauenbewegung, taten mir damals alle leid, die schon früh schwanger wurden: Sie hatten eine Niederlage erlitten. In einem Land ohne Ganztagsbetreuung im Allgemeinen und in Redaktionen im Besonderen, wo ein unregelmäßiges Leben kaum vermeidbar ist, schien mir die Entscheidung zwischen Kind und Arbeit immer mehr ein Entweder-oder zu sein. Also habe ich sie auf- und vor mir hergeschoben – wie laut Befragungen der größte Teil der kinderlosen Frauen. Irgendwann ist es dann nicht mehr Überzeugung, sondern passiert.

Ich bewundere jene, die beides geschafft haben, Beruf und Kind, doch mir habe ich das jahrelang nicht zugetraut. Das hatte auch mit den potenziellen Vätern zu tun; ein Aspekt, der in der öffentlichen Debatte praktisch untergeht.

Beim ersten Mann, dem ich wirklich nahe war, war ich zu jung. Schade, er ist heute ein wunderbarer Vater. Dann gab es Beziehungen, die nicht von Dauer waren. Das wäre weiß Gott keine ungewöhnliche Voraussetzung gewesen für eine gemeinsame Elternschaft. Aber ich fand: keine besonders gute. Ist der Wunsch nach einem liebenden und verantwortlichen Unterstützer zu anspruchsvoll?

An dieser Stelle bekunde ich meinen Respekt für die vielen alleinerziehenden Mütter, inzwischen auch eine Hand voll Väter. Bei mir kam schließlich einer, der wäre es gewesen. Doch mit ihm »klappte« es nicht. Ähnlich ging es in meiner Umgebung vielen Paaren.

Warum es immer öfter nicht klappt? Vor allem hat der lange Aufschub Folgen: Fruchtbarkeit lässt mit dem Alter nach. Aber auch Stress, der allenthalben zunimmt, ist ein Faktor. Studien belegen zudem die keimschädigenden und hormonellen Wirkungen chemischer Stoffe. Bei einer der zahlreichen Demografiedebatten listete ich diese Einflüsse auf: »Glaube ich nicht«, zischten gleich zwei Diskutanten im Furor. Wo geglaubt wird, ist Ideologie nicht mehr weit.

Der Druck auf Kinderlose wird noch verstärkt durch die neuen Reproduktionstechnologien, die längst akzeptiert sind. Aber nicht nur das: Ihr Einsatz wird geradezu erwartet. »Warum macht ihr denn nichts?« Die Frage kann durchaus etwas Aggressives haben, wenn man sich selbst gerade dagegen entscheidet, gewarnt durch die Erfahrungen von Freunden, die sich erfolglos durch Laboruntersuchungen, Hormontherapien, Eisprungs- und Geschlechtsaktberechnungen gequält und dabei fast ihre Liebe verloren haben.

Bei aller Enttäuschung war ich immer überzeugt davon, dass Grenzen zum Leben gehören. Ethische Orientierungen sind letztlich individuell, und ich verstehe Paare, die aus Verzweiflung Nachhilfemethoden nutzen.

Deshalb waren mir Begriffe wie »Respekt vor der Schöpfung« oder »Demut vor dem Schicksal« bei entsprechenden Debatten viel zu groß.

Wenn sich aber mit medizintechnischen Möglichkeiten neue Normen einschleichen, dann muss man mit solchem Pathos wohl aufwarten. Den Wertepredigern in Sachen Familiengründung scheint der Druck in Richtung einer (scheinbaren) Machbarkeit, die zugleich einen florierenden Markt hervorgebracht hat, keine Kopfschmerzen zu bereiten. Mir bereitet er größere als der Verzicht.

Das schließt nicht aus, dass ich mich manchmal frage, ob meine Entscheidungen immer richtig waren. Ob ich mich zu sehr von gesellschaftlichen Strömungen habe beeinflussen lassen. Sicher war es ein Fehler, dass sich der Feminismus zumindest in Deutschland fast nur auf das eine wichtige Ziel konzentrierte, mehr Weiblichkeit in Politik, Beruf und Öffentlichkeit zu bringen. Die Mütter-Väter-Kinder-Schule-Arbeit-Frage haben ausgerechnet die Frauenbewegten vernachlässigt.

Aber garantiert nicht mehr als alle anderen.

 
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