Theater Die Global Player
Von Festivalmachern und ihrer Jagd nach dem unbekannten Theater
Ganz tief in ihrem Innern haust der Beuteinstinkt. Festivalmacher sind Jäger. Der Ehrgeiz treibt sie, in den letzten Savannen dieser Theaterwelt den spektakulären Fund, den kapitalen Fang zu machen. Wer das Jagdfieber nicht kennt, hat in diesem Job nichts zu suchen. Denn noch immer zehren die großen internationalen Festivals vom Nimbus des „Exotischen“, des „Einmaligen“.
Neulich sei sie nach Nowosibirsk gejettet, sagt Marie Zimmermann, eines „tollen Marivaux“ wegen. Ein wunderbarer Abend – und, fügt sie stolz hinzu, sie war als erste dran. Marie Zimmermann verantwortet das Schauspielprogramm der Wiener Festwochen, zuvor hatte sie die Theaterformen (Braunschweig/Hannover) reanimiert, derzeit bereitet sie für 2005 das Mammutfestival Theater der Welt in Stuttgart vor. Im Schnitt kommt sie auf 120 bis 150 Theaterreisen im Jahr, transkontinental. Mit fünf Auslandsausflügen rechnet sie, um beim sechsten etwas zu finden. Ihr Leben, sagt sie, sei wie ein Schweizer Käse. Man ist irgendwo und nirgendwo. Dabei wirkt sie erstaunlich fröhlich.
Auch Matthias Lilienthal, Zimmermanns Vorgänger bei Theater der Welt, heute erfolgreicher Leiter des Berliner HAU, einer Art institutionalisierten Dauerfestivals in Kreuzberg, entwickelt bei diesem Thema nur gute Laune. Im Gespräch zeigt er sich gegen Festivalskepsis hochgradig resistent. Gute vier- bis fünfhunderttausend Kilometer ist er damals um den Globus getourt für sein Theater der Welt, das 2002 in Köln, Bonn, Düsseldorf und Duisburg stattfand. Festivalitis? „Das müssten Sie mir erst mal erklären.“ Marktüberhitzung? „Ich sehe eine solche Überversorgung nicht.“ Sind viele Festivals nicht geradezu ein Synonym für Supermarktkultur, für Tempo, Hektik, sogar Beliebigkeit? Was halten Sie von einer „Entschleunigung“ in der Kultur? „Ach, wissen Sie, ich bin eher von der anderen Seite. Ich stehe auf eine urbane Kultur der Schnelligkeit.“ Lilienthal schwärmt von den Festivals in Teheran und Moskau, wo man auch mal „sechs, sieben Sachen am Tag anschauen kann“, und bedauert, dass Berlin so was nicht hat.
Wer mit Festivalmachern spricht, muss wissen, dass er es mit Enthusiasten, wenn nicht mit Triebtätern zu tun hat. Auch wenn Zimmermann und Lilienthal versichern, dass ihr Beruf nicht das „Jagen“, sondern in erster Linie das Auskundschaften sei: reden, reden, reden – vor allem mit Künstlern und „normalen Menschen“ vor Ort, weniger mit Produzenten und Verwertern. Von der erfahrensten Festivalmacherin der vergangenen Jahrzehnte, Renate Klett, die mehrfach Theater der Welt betreute, sind Legenden im Umlauf, die von vielmonatigen Rucksackreisen durch Tibet und die Sahara erzählen. Theater gibt es auch in den Einöden dieser Welt, man muss es nur finden.
In den vergangenen zehn, zwanzig Jahren allerdings ist die Welt dramatisch geschrumpft, auch die kulturelle Terra incognita. Festivalmacher sind zwar noch immer Vielflieger und Allesseher, doch die „ultimativen“ Entdeckungen können sie nicht mehr machen. Das Internet ist immer schon da gewesen. Theatralische Offenbarungen, wie sie einst die ersten Europa-Gastspiele eines Robert Lepage oder Peter Sellars bedeuteten, sind heute nicht mehr vorstellbar. Von Jahr zu Jahr ist der Festspielmarkt gewachsen: Wo früher Renate Klett sich auf außereuropäischen Theaterfestivals fast noch allein umsehen konnte, belauern sich heute die Scouts, Spione und Einkäufer im Dutzend – oft ist es ein Wettlauf mit offenem Portemonnaie. „Eine komische Situation“, sagt Lilienthal.
Festivalmachen lebt noch immer vom Enthusiasmus. Aber an die Stelle eines emphatischen Begriffs von Entdeckungsarbeit ist längst ein neuer Pragmatismus getreten. Nicht nur, dass heute kaum einer mehr an ästhetische Avantgarden glaubt; nicht nur, dass der Traum vom Ur-Theater, das irgendwo noch unentdeckt schlummert, ausgeträumt ist. Man ist insgesamt nüchterner geworden.
Zum Beispiel Nowosibirsk: Marie Zimmermann weiß, dass ihr russischer Marivaux binnen kurzem den Status des Geheimtipps verloren haben wird. Sie wird, wenn sie ihn einlädt, nicht auf Exklusivität beharren. Die Verknappung der Festivalbudgets lassen solche Capricen nicht mehr zu. Zumindest die großen Formate kann sich ein einzelnes Festival gar nicht mehr leisten; immer häufiger wird koproduziert und kofinanziert – mit anderen Festivals, mit großen Theatern. Aus Jägern werden Sammler, aus Konkurrenten Partner. Den Vorwurf der Medien, die Programme zeigten „zu viel Bekanntes“, nimmt man in Kauf. „Festivals“, sagt Lilienthal, „werden nicht für reisende Kritiker gemacht.“ Und Marie Zimmermann sagt: „Die Erstpräsentation ist allenfalls was fürs eigene Ego. Dem Publikum ist das vollkommen wurscht.“
Dem Verdacht allerdings, die Festivals könnten verwechselbar werden, treten beide energisch entgegen. Gerade die Orientierung an den Sehbedürfnissen des lokalen Publikums kann die Festivals vor der Beliebigkeit bewahren. Entscheidend ist, wie, wann und wo, das heißt: mit welcher Begründung, in welchen Räumen, in welchen programmatischen Zusammenhängen die Gastspiele präsentiert werden. Was hat das mit der mentalen Lage, mit dem Diskurs in meiner Stadt zu tun, will Lilienthal wissen. Und Zimmermann spricht von „Resonanzräumen“, von der Aufgabe, die internationalen Angebote mit der Historie, den Konflikten, den „liegen gebliebenen Themen“ am Ort zu vermitteln. Gehört die Zukunft den Festivals mit regionaler Verortung?
- Datum 06.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 06.05.2004 Nr.20
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