Es ist so herrlich beschaulich und nervenschonend, durch Finnland zu fahren (Wälder-Seen-Wälder-Seen), dass einen diese Mauer beinahe brutal anstarrt. Sie stellt sich allem und jedem in den Weg, sie hat schon den Fliegenden Holländer gebremst, der rasenden Königin der Nacht Einhalt geboten, den verzweifelten Rigoletto abprallen lassen, sie hat Tristan und Isoldes Sehnsucht gewehrt und dem Herzog Blaubart als bluttriefende Wand gedient.

Die rückwärtige Mauer von Olavinlinna, der Olafsburg von Savonlinna (vier Autostunden nordöstlich von Helsinki), ist die berühmteste in Finnland, denn sie ist die wesentliche Kulisse für die dortigen, 1912 ins Leben gerufenen Opernfestspiele. Alljährlich im Juli reisen die Enthusiasten an, der Innenhof der Burg (knapp 2200 Plätze) ist fast immer ausverkauft, und mehr und mehr bestimmt auch junges Publikum die Optik.

Natürlich spielen Savonlinnas Festivalleiter die Großwerke des konventionellen Repertoires, ohne deren Zugkraft reist niemand aus Rest-Europa an (etwa ein Viertel der jährlich 60000 Gäste kommt aus dem Ausland); doch mit unerschütterlichem Patriotismus achten die Macher darauf, dass sie finnische Moderne ins Programm platzieren. Viele heimische Opern des 20. Jahrhunderts sind in Savonlinna erstmals oder zum zweiten Mal gespielt worden (etwa Werke von Aulis Sallinen, Joonas Kokkonen, Paavo Heininen, Einojuhani Rautavaara, Kalevi Aho, Olli Kortegangas, Hermann Rechberger). Allergische Reaktionen des Publikums sind nicht überliefert. Das liegt wohl daran, dass die Stoffe entweder finnisch märchenhaft oder finnisch realistisch sind. Jedenfalls sind sie finnisch. In den vergangenen Jahren hatte Aarre Merikantos Oper Juha einen phänomenalen Erfolg, der bei den Savonlinna-Fans dadurch potenziert wurde, dass beinahe zeitgleich der finnische Filmemacher Aki Kaurismäki Juha ebenfalls ins Bild setzte, er allerdings als stummes Lied ohne Worte.

McDonald’s hat aufgegeben, jetzt spielt man für die Jugend Opern

Savonlinna, 28000 Einwohner, benötigt sein Festival als Marketing-Faktor zumal für den Nachwuchs heute mehr denn je, denn ihre eigene Jugend verliert die Kleinstadt (trotz Dolmetscher-Hochschule) zunehmend. Wer in einen Beruf strebt, setzt sich oftmals in die größeren Städte ab, nach Helsinki, Tampere, Jyväskyla und Oulu. McDonald’s hat seine Filiale in Savonlinna geschlossen, das ist symptomatisch für die friedvolle Verlassenheit, die über dem Städtchen liegt. So erstaunt es nicht, dass das Opernfestival 2004 neben Schlagern (wie Turandot, Fliegender Holländer, Hoffmanns Erzählungen, Maskenball, Cavalleria Rusticana und I Pagliacci ) eine Rarität, nämlich Rubinsteins Dämon, und auch eine Kinderoper präsentiert: Koirien Kalevala, das Hunde-Kalevala, in dem alle mythischen Helden des finnischen National-Epos auftauchen. Bekannt wurde Koirien Kalevala bei Finnlands Kindern durch den Illustrator Mauri Kunnas. Kann sein, dass sie jetzt die Bude stürmen.

Fährt man von Savonlinna abermals ein paar hundert Kilometer ziemlich nah an der russischen Grenze weiter gen Norden, kommt man nach ebenfalls nervenschonender Reise in einen finnischen Herrgottswinkel – nach Kuhmo, das sein Kammermusikfest sozusagen direkt im See austrägt. Ein idyllischerer Ort für die zarteste aller musikalischen Künste ist kaum denkbar. Selbstverständlich hat sich diese Heimeligkeit als Magnet für erholungsuchende mitteleuropäische Ensembles herumgesprochen; so nimmt in diesem Jahr das Petersen-Quartett sehr geneigt Residenz in Kuhmo.

Und weil die Liebe der Finnen zur Moderne als dem einzigen Fenster in die Zukunft ohne jede Schrecknis für die Hörgewohnheit daherkommt, ist im Experimentallabor Kuhmo die Mixtur aus Alt und Neu noch ausgereizter, differenzierter als in Savonlinna. In diesem Jahr scheinen Joseph Haydn und Luciano Berio, mit ihrer Kammermusik fast in die Totale gerückt, als Patrone zu wirken. Das ist deshalb möglich, weil in Kuhmo kaum ein einziges Konzert von einem Ensemble allein bestritten wird. Es herrscht das Gesetz der – auch personell – harten Fügung; erst gibt es beispielsweise ein Haydn-Streichquartett, dann Berios Sequenza für Akkordeon, dann wieder ein Haydn-Quartett. Daneben Martinu und Kurtág, Eisler und Krenek, Hindemith und Copland, Schönberg und Varèse – gewagter, brauchtumsferner geht es nicht. Gleichwohl sind Kuhmos Säle immer voll, typisch für ein Land, das mit der Gegenwart in der Musik aufgewachsen ist und keine Container voller alter Meister hinter sich herzieht.

Die fabelhafte Vielfalt kleiner Gruppen bis hin zur solistischen Einsamkeit funktioniert deshalb, weil die Musiker etwa der Helsinkier Spitzenorchester (Philharmoniker, Radiosinfoniker, Staatsoper) ihre Ferien stets im Ländlichen verbringen und zumal im beschaulichen Kuhmo das Angenehme mit dem Nützlichen verbinden. Gelegentlich blitzt in den Programmen der stählerne Blick des finnischen Übervaters Jean Sibelius auf, doch den hat Finnlands Avantgarde, deren Sinn nicht nach Schonung der Nerven, sondern nach deren Kitzel steht, längst auszuhalten gelernt. In Kuhmo ist er zweimal am Rande zuständig – für Petitessen. Nun, von Zeit zu Zeit hört man den Alten gern.