Mütter Plakative Weibsbilder

Mütter sind dumm, Mütter opfern sich auf, Mütter sind grausam. Vom Märchen bis zur Fernsehwerbung – das Bild der Mutter kennt nur Extreme

Die Bundesregierung will etwas für die Mütter tun. Sie unterstützt das Vorgehen der EU gegen »gesundheitsbezogene Werbung« für Kindernahrung. Den Herstellern von Brotaufstrichen, vitaminhaltigen Bonbons und Milchschnitten soll untersagt werden, ihre Produkte als gesundheitsfördernd anzupreisen: Schluss mit der »Extraportion Milch«, mit »Vitaminen und Naschen« und der »von Experten empfohlenen Tagesration Kalzium« im Fruchtzwerg!

Verbraucherschützer halten solche Verbote für Etappensiege der Aufklärung. Aber welches Bild der Mütter, an die sich diese Werbung ja richtet, offenbart eine solche Kampagne? Die Werbebranche und ihre aufklärerischen Gegner sind sich einig in einem Mutterbild von edler Einfalt, stiller Güte und beliebiger Manipulierbarkeit. Wenn Mutti sich Nougatcreme als Medizin einreden lässt, muss Vater Staat sie mit allen Mitteln davon abhalten, die Zähne ihrer lieben Kleinen und am Ende die Volksgesundheit aufs Spiel zu setzen.

Anzeige

Mütter sind, wie es in der Marketingsprache heißt, »Familienmanager und Konsumentscheider, die ein einzigartiges Potenzial für Werbungtreibende bieten«. Sie bestimmen zum großen Teil, wofür das Geld der deutschen Haushalte ausgegeben wird. In der Werbung jedoch erscheinen sie als vielseitig verängstigte, völlig unselbstständige Wesen: Sie fürchten Gefrierbrand, kratzige Handtücher, Kaffee ohne Verwöhn-Aroma, Windeln ohne ausreichende Saugkraft und kalktrübe Gläser. Wenn sie aber die richtigen Produkte kaufen, klappt’s auch mit dem Nachbarn (Mann, Chef, Kind). Dieses uralte Schema erobert – immer wieder modernisiert – stets neue Felder des Konsums. Das Grund-Sentiment bleibt gleich: Es zieht sich eine Spur der Angst durch die mutterzentrierte Werbung – vom Waschzwang der frühen Jahre bis zum heutigen Bio-Kult, vom Lenor-Gewissen und dem patenten Rat der Clementine bis hin zu den erlösenden Worten des Babynahrungsmultis Claus Hipp über die Reinheit seiner Breigläschen (»Dafür bürge ich mit meinem Namen«).

Angesichts der niederschmetternden Schlichtheit dieser Strategie, die jede denkende Mutter als Beleidigung empfinden muss, läuft jede Ideologiekritik ins Leere. Die Masche ist einfach zu durchschauen. Dass sie dennoch wirkt, verlangt nach einer Erklärung. Man kann das allgemeine Gefühl mütterlicher Verunsicherung, das die Werbung ausbeutet, wohl doch nicht einfach als Effekt geschickter Manipulationen abtun. Es ist nicht auf die Welt der Werbung beschränkt.

Zahlreiche Ratgeber und Fachzeitschriften für Mütter versprechen pragmatische Hilfe in allen Erziehungsfragen. Nach jeder wohlmeinenden Beratung aber weiß man auch wieder ein paar Dinge mehr, die Mutter und Kind falsch machen können. Symptomatisch für die Zweischneidigkeit dieser Literatur sind zum Beispiel diese Listen von Dingen, »die Ihr Kind jetzt können sollte« – detailliert aufgeschlüsselt für jeden Monat des ersten Jahres im Leben eines Kindes. Es wird zwar immer eilfertig hinzugefügt, man möge dies bitte nicht als strenge Checkliste für eine normale Entwicklung verstehen. Aber der Zweifel ist gesät.

Die Professionalisierung der Erziehung durch die Expertenindustrie unterminiert das Vertrauen der Mütter in ihre mitgebrachten Fähigkeiten. Der britische Soziologe Frank Furedi hat dafür das Wort »Elternparanoia« geprägt: Das Paradox, das Mütter »paranoid« werden lässt, besteht darin, dass ihnen vermittelt wird, sie seien zwar hoffnungslos inkompetent, trügen aber auch eine größere Verantwortung für das Wohlbefinden ihrer Kinder als Eltern früherer Generationen. Die Professionalisierung der Erziehung infantilisiert die Eltern, die im Gegenzug ihren Nachwuchs behandeln wie eine gefährdete Art. Elternschaft, so Furedi, sei »von einer Routine-Erfahrung in eine hoch komplexe Sonderqualifikation transformiert worden.« Die Ratgeber-Literatur beruht auf der Grundannahme mütterlicher Unfähigkeit. Mütter erscheinen – weil zugleich inkompetent und omnipotent – in den Ratgebern als Risikofaktoren für kindgerechte Entwicklung.

Die Angst der Mütter, alles falsch zu machen, also ihre ständige Überforderung, ist das geheime Thema der vielen Mutter-Kind-Storys der Boulevardpresse. Dafür stehen die vielen Glamourmütter, deren Mutterschaft heute oft vom positiven B-Test an teilnahmsvoll in aller Öffentlichkeit verhandelt wird: Madonna, Claudia Schiffer, Mette-Marit, Frau Feldbusch, Victoria Beckham, Steffi Graf, Gwyneth Paltrow und Heidi Klum sind die derzeit meistbeobachteten Mütter. Die Rede über die Glamourmütter kennt vor allem zwei Themen: Erstens den verzweifelten Kinderwunsch und die Opferbereitschaft. Diese Frauen haben schließlich viel aufzugeben! (Nicht nur irgendeinen Job wie du, liebe Leserin!) Und zweitens den Undank der Männer und der Gesellschaft, das Eingeholtwerden von den gewöhnlichen Sorgen, schlimmstenfalls am Ende das Schicksal der Alleinerziehenden. »Hollywoods weibliche Superstars haben alles erreicht – jetzt wollen sie Kinder«, weiß Gala in einer kürzlich erschienenen Titelgeschichte zu berichten. »Was prominente Frauen alles tun, um schwanger zu werden.« Jennifer Anniston und Brad Pitt zum Beispiel haben schon vorsorglich ein Kinderzimmer komplett mit Teddybär eingerichtet. Julia Roberts dagegen setzt auf entspannendes Luna-Yoga, David Bowies Ehefrau Imam auf vielversprechende »afrikanische Fruchtbarkeitsrituale«. Und wenn es selbst damit nicht klappt, ist Adoption ein dankbares Thema. Angelina Jolie trägt sich nach Informationen aus gut unterrichteten Kreisen mit dem Gedanken an ein zweites Adoptivkind. Warum eigentlich kein leibliches? »Weil ich dann kein Waisenkind gerettet hätte!« Glamourmütter sind aufopferungsvoll, aber dennoch karrierebewusst und erfolgreich, und sie schaffen es irgendwie, mütterlich und sexy zugleich zu sein: »Funky Mamas«. Das Supermodel Heidi Klum gesteht, sie werde zwar eine Nanny beschäftigen, aber trotzdem »100-prozentig für mein Kind da sein. Ich möchte keine Mutter sein, die ihr Kind an eine fremde Person abgibt.«

Die Perfektion der Glamourmütter, die geradezu unerträgliche Leichtigkeit, mit der sie Kind und Karriere vereinbaren, ist für die Leserin nur auszuhalten, weil es den Undank der Männerwelt gibt: Cindy Crawford, war jüngst zu lesen, ist vom Supermodel zur »engagierten Mutter geworden. Doch die Freude an den Kindern Presley, vier, und Kaya, zwei, wird derzeit von bösen Gerüchten überschattet.« Ihr Mann betrüge sie, so die Deutung, gerade weil sie so perfekt und erfolgreich ist und er seine Unterlegenheit als »Schmach« empfinden müsse. Im Falle der Beckhams gehen die Expertenmeinungen über den Grund der Zerrüttung noch auseinander. Fühlte David sich vernachlässigt, weil ihr die eigene Karriere doch wichtiger war? Oder hat Victoria es nicht verwunden, dass sie, die ihn doch nach ihrem Bilde geformt und in die Society eingeführt hatte, als Mutter zum bloßen Accessoire seines Ruhmes geworden war? Hat sie ihn womöglich, frustriert durch das Ende ihrer Karriere, mit ihrer dominanten Art in die Arme einer anderen Frau getrieben?

Scheiternde Mütter sind ein immer wiederkehrendes Motiv der Sensationspresse. Von der Rabenmutter, die ihr Baby mit in den Big Brother- Container nahm, über die in der Babyklappe ausgesetzten Neugeborenen bis zu den detailliert ausgebreiteten Fällen von Kindesmissbrauch und Kindstötung vermag die dunkle Seite der Mutterschaft zu faszinieren. Der Bilderbogen böser, scheiternder Mütterlichkeit spannt sich von der »herzlosen Sandra R.«, die den kleinen Leon-Luca (zwei) vor die Container-Kameras zerrt, für die sie selbst gerne strippt, bis zur Horrorgeschichte der jungen Mutter, die ihr viertes Kind verdursten lässt.

Wer das Interesse an solchen Fällen für eine Dekadenzerscheinung der modernen Gesellschaft und ihrer Massenmedien hält, verkennt die Allgegenwart der kinderstehlenden Hexe, der mörderischen Zauberin und der bösen Stiefmutter in unseren Märchen (Dornröschen, Schneewittchen, Hänsel und Gretel) und schon in den ältesten Mythen der Menschheit (Lilith, Medea). Unsere populäre Kultur ist – bei Licht besehen – geradezu durchsetzt mit verstörenden Bildern gefährlicher, kindermordender Weiblichkeit. Weil hier an schockierende, tabugeschützte Dinge gerührt wird, werden die bösen Mütter im Märchen meist durch eine mildernde, rationalisierende Konstruktion – die Stiefmutter und ihre Doubles – verdeckt. Man denke nur an Glenn Close als Cruella DeVil (sic!) aus Disneys Welterfolg 101 Dalmatiner, die sich aus dem Fell der süßen Hundebabys, mit denen sich die kindlichen Zuschauer identifizieren, einen schicken Mantel machen lassen will. Oder an die berühmteste Fernsehserie der letzten Jahre: Das Familiendrama der Sopranos entfaltet sich um das dunkle Zentrum einer lieblosen Mutter – Livia Soprano –, deren Sohn Tony sich gegen den in der Tat ungeheuerlichen Gedanken wehrt, dass seine Mutter ihn ablehnt, ja dass sie ihn hasst und sogar umbringen lassen will.

Solche extremen Geschichten interessieren uns, weil in ihnen das Gegenbild zum Ideal der mütterlichen Fürsorglichkeit zum Ausdruck kommt. Unsere Bewusstseinsindustrie kennt neben der aufopfernden Mutter als mindestens ebenso starke Figur die selbstsüchtige Herrscherin, die einen Killer auf ihr Kind ansetzt. Wer einmal die Szene in Walt Disneys Schneewittchen gesehen hat, in der der Jäger das Messer zückt, um das Mädchen im Auftrag der Stiefmutter zu ermorden – und ihr Lunge und Leber (!) als Beweis herauszuschneiden –, der wird den Schrecken nie wieder vergessen.

Es gibt noch eine andere Kategorie von defizitären Müttern, die die Einbildungskraft heimsuchen: abwesende Mütter. Man glaubt es kaum, wie sehr die Figur der Mutter, die ihre Kinder aufgegeben hat oder sie aus verschiedenen Gründen nicht beschützen kann, die Fantasie der Jugendliteratur und des Kinderfilms beherrscht. Pippi Langstrumpf ist sicher das prominenteste Beispiel, aber Bambi, Dumbo und Babar haben mit dem gleichen Verlassensein zu kämpfen.

Wir sind umgeben von widerstreitenden Bildern – von der Mutter, die die Milchschnitte reicht, bis zur bösen Stiefmutter mit dem giftigen Apfel. Die Angst vor Mütterversagen verbindet diese beiden Bildwelten. Um uns aus dieser Angst herauszutasten und zu einer anderen Rede über die Mütterlichkeit zu kommen, müssen Formen entwickelt werden, die es erlauben, auf eine allgemein akzeptierte Weise über die weibliche Ambivalenz angesichts der Zumutungen der Mütterlichkeit zu sprechen. Die fürsorgliche und die aggressive Seite der Mütterlichkeit – inklusive der Wut auf die Kinder, auf den Ehemann, auf die eigene Mutter, auf sich selbst, die Kinderlosen, die Kinderfrau (oder die nicht vorhandene Kinderfrau) – brauchen legitime Ausdrucksformen.

Und hier gibt es nun endlich gute Neuigkeiten zu verkünden: In bestimmten privilegierten Kreisen sinkt der Rechtfertigungsdruck. Die Rede von der Rabenmutter wird zusehends geächtet. Wer jedoch trotzdem zu Hause bleiben möchte, um sich ganz dem Kind zu widmen, wird auch nicht mehr als dummes, unemanzipiertes Muttchen abgetan. Ob die verschiedenen Modelle von Mutterschaft, die heute möglich sind, miteinander ein Auskommen finden werden, ist nicht zuletzt eine kulturelle Frage.

Es scheint, dass sich die starren Fronten der alten Kämpfe langsam auflösen. In Amerika gibt es seit ein paar Jahren eine Zeitschrift– so will es der Untertitel des Hefts – für »denkende Mütter«. Brain, Child – das ist der Name des Magazins – wurde 1999 von Jennifer Niesslein und Stephanie Wilkinson gegründet, zwei befreundeten Journalistinnen in Lexington, Virginia, die kurz zuvor gleichzeitig ihre ersten Kinder bekommen hatten. Heute findet das weltweit einzige literarische Magazin, das sich ausschließlich der Mutterschaft widmet, bereits 30000 Käuferinnen, die sich stolz der Zielgruppe thinking mothers zurechnen. In der aktuellen Ausgabe gehen die beiden Herausgeberinnen in einem langen Essay der Frage nach, »was Mutterschaft für uns tut und mit uns anstellt«.

Auf eine befreiende Weise scheint es plötzlich möglich, ironisch und unsentimental, doch zugleich voller Emphase über Mutterschaft zu sprechen: über die Risiken vom ganz normalen Stress bis zu schlimmen Depressionen, kaputter Ehe und ruinierter Karriere – aber auch über das Leben mit Kindern als »wunderbare Gelegenheit, deine Seele zu erweitern«.

 
Service