Film
Zweifel in der Truppe
Hollywood hat die Antike wieder entdeckt. Die Helden sind aber modern. Sie wirken wie verzagte Soldaten der Gegenwart
Kein Zweifel, die Antike hat uns fest im Griff. In der politischen Debatte, auf dem Buchmarkt und vor allem im Kino sind der Hang zum Altertum und ein unaufhaltsamer Zug ins Kolossale nicht zu übersehen. Der vom römischen Reich übernommene Begriff des „Empire“ ist vermutlich der meiststrapazierte in der Diskussion um Globalisierung und amerikanische Politik. Von Magazinen und populärwissenschaftlichen Zeitschriften werden die Kelten und Ägypter im Monatsrhythmus neu entdeckt, und im Kinderzimmer sind die poppigen Monster des Digitalzeitalters von mythologisch angehauchten Kriegern abgelöst worden. Der ewig erfolgreiche Antiken-Roman hat sich mit Robert Harris’ Buch über den Untergang von Pompeji wieder ins Radar der Kritik manövriert, während Hollywood sich mit seinem Produktionsapparat auf Geschichten wirft, in denen bestenfalls knapp zivilisierte Männer mit schartigen Schwertern und wippenden Helmbüschen unterwegs sind.
Von Wolfgang Petersens Troja- Film lässt sich schon vor dem Kinostart sagen, dass er Staub aufwirbelt. Marketingtechnisch, weil er als eine der aufwändigsten und mit einem Budget von 200 Millionen Dollar teuersten Produktionen aller Zeiten annonciert ist. Zum anderen, weil unvorstellbare Soldatenmassen durch den heißen Sand des antiken Kleinasien stapfen werden. Hollywood ist im Recycling-Rausch, schon formieren sich weitere Heere am Horizont. Allein drei Produktionen um Alexander den Großen sind in Arbeit, Vin Diesel hält seine Option auf die Rolle des Hannibal, eine Gladiator- Fortsetzung ist auf dem Weg, und Mel Gibson kündigt gleich mehrere Historienprojekte an. Nebenbei hat das Fernsehen in den letzten Jahren die populären Klassiker der antiken Literatur wieder aufgefrischt und ist gerade dabei, sich den kompletten griechischen Sagenschatz vorzunehmen.
Natürlich hat es, seit Winkelmann die Welt Homers entdeckte, in der bürgerlichen Gesellschaft immer wieder Wellen der Antike-Begeisterung gegeben. Man denke an die historistische oder exotistische Literatur und Kunst des 19. Jahrhunderts, an die gipsverliebte Stummfilmzeit und an die fünfziger Jahre, die mit ihren Monumentalfilmen und Buchclub-Romanen das Altertum erst recht durch die Mangel der Kulturindustrie drehten. Inzwischen haben wir uns an die bizarrsten Personifikationen und Simulationen gewöhnt, von Marlon Brandos Marc Anton über die effeminierten, blutrünstigen Cäsaren in den Claudius- Romanen von Robert Ranke Graves bis zu den schmalbrüstigen, langhaarigen Christus-Darstellern der Hippie-Ära. Fast schien es, als könne sich die Antike nicht mehr erholen von der kombinierten Attacke der Set-Designer, Maskenbildner und Musical-Schöpfer: Spätestens in den Siebzigern war alles, was in Toga und Tunika, mit Säulen und Sandalen daherkam, Kitsch, Camp oder Persiflage.
Gefühle, Technik und Testosteron
Die überraschende Rückkehr derart überstrapazierter Stoffe und Motive, von der nicht zuletzt auch das Einspielergebnis des Herrn der Ringe und das offenbar ebenfalls anstehende Comeback des Ritterepos zeugen, mag etwas mit Eskapismus zu tun haben, mit einem Bedürfnis nach Orientierung in unsicheren Zeiten oder der Sehnsucht nach einer verlorenen Unmittelbarkeit. Allerdings war die Welt schon in den Neunzigern nicht mehr besonders übersichtlich. Zudem erstaunt der von zwei Jahrzehnten postmoderner Ironie völlig ungerührte Ernst, mit dem die Bilder und Erzählungen aus vergangenen Zeiten nun in die Populärkultur drängen.
Wer heute Geschichte inszeniert, ist in der Regel nicht auf den sense of wonder aus, jenes naive Staunen also, das die Vergangenheit in früheren Popularisierungen erzeugt haben mag, sondern auf eine Art Ehrfurcht, wenn nicht Schauder. Die neue Historienwelle hat nichts Verspieltes oder wirklich Glamouröses, und das Abseitige, Dekadente, Exotische mag sie nicht zelebrieren. Beharrlich verweigert sie sich der Subversion und Brechung, die doch gerade im Kino zu Retrokult und recycelten Genres gehört. Dass dieses Universum voller Krieg, Kämpfe und Katastrophen partout ernst genommen werden will, zeigt sich schon an einem geradezu obsessiven Drang zur Authentizität. In Romanen, Filmabspännen oder gar DVD-Kommentaren werden wir mit einer Fülle zweifellos präzise recherchierter Alltagsdetails beliefert, von den Bauprinzipien der römischen Wasserleitungen bis zur Herkunft und Machart der gestickten Ornamente auf den Gewändern.
Zum neuen Ernst gesellt sich jene dubiose Qualität, die im Angelsächsischen mit einem Terminus aus der Anatomie als visceral bezeichnet wird: „die Eingeweide betreffend“. Filme wie Gladiator oder Der Herr der Ringe erzeugen ihr beunruhigendes „Bauchgefühl“ durch suggestive, wenn nicht brachiale Inszenierungsstile. Mel Gibson ist mit seinem sadomasochistischen Sandalenfilm Die Passion Christi gleich unter die Haut gegangen. Auch der Pompeji- Roman von Robert Harris setzt auf den physischen Schock – etwa mit einem Sklaven, der mit aufgeschlitzten Waden in ein Becken voll mannslanger Muränen geworfen wird. Es ist eine libidinöse Besetzung des Barbarischen, Ursprünglichen, Dampfenden, Staubenden im Gange, die ihren Reiz haben mag in einer Gesellschaft, in der alles immer kleinteiliger, komplizierter, unsinnlicher und schwerer zu handhaben wird. Wer gerade vergeblich versucht hat, mit einer Nagelfeile die SIM-Karte ins neue, extracoole Handy einzusetzen, könnte die Vorstellung, mit Schwert oder Dreizack loszustürmen, durchaus als attraktiv empfinden.
Auf der Leinwand manifestiert sich die Sehnsucht nach der vormodernen Urgewalt natürlich am Spektakulärsten – zumal die digitale Revolution der letzten Jahre Hollywoods Schlachtenszenen und Massenaufmärschen völlig neuen realistischen Glanz verpasst hat. Das Big-Budget-Kino besitzt in der Tat die ideale Formel für die Schwebeteilchen der alten Geschichte, jene Gussform, in der das Kolossale und die starken Gefühle, Technik und Testosteron rückstandsfrei verschmelzen.
Spektakel des männlichen Körpers
Im Gegensatz zum Monumentalfilm der fünfziger Jahre sind die meisten erfolgreichen Großproduktionen der letzten Jahre allerdings Männerfilme im emphatischsten Sinn; sie beziehen ihre grundlegenden Motive aus dem male epic, aus Filmen wie Ben Hur, El Cid und Spartacus. Ähnlich wie bei diesen Klassikern, fallen im modernen Antikefilm „monumental“ und „männlich“ zusammen. Sein Schauwert ist fast ausschließlich an die Erscheinung des Mannes gebunden, genauer: an das Spektakel des männlichen Körpers.
Schon beim flüchtigen Blick auf die Standbilder aus Troja und Oliver Stones Alexander erschließt sich das homoerotisch-voyeuristische Moment des zeitgenössischen Sandalenfilms: viel Haut, sorgfältig epiliert, erlesene Coiffuren und Brustpanzer in Größe 85D. Zum Anblick des schwitzenden, ringenden, paradierenden männlichen Körpers tritt eine weitere eminent sinnliche Komponente. In der Herr der Ringe- Trilogie, in Gladiator und verwandten Produktionen gehört es zu den zentralen Anliegen der Kamera, die Textur der Accessoires erfahrbar zu machen, mit denen sich die Helden umgeben: das Schimmern eines bronzefarbenen Harnischs, das Zittern der Federn an einem Pfeil, der Dunst, der aus feuchten Taurollen aufsteigt. Es geht, wie es der amerikanische Autor Leon Hunt einmal formuliert hat, um die Frage „What are big boys made of?“, also buchstäblich um den Stoff, aus dem die Helden sind.
Erstaunlicherweise verbindet sich der Ernst des neuen Monumentalkinos also mit der Zerfaserung, Fragmentierung, Aufspaltung des Monumentalen. Und da kommt etwas Unbehagliches ins Spiel. Der ins Detail gehende, forschende, wenn nicht schamlose Blick auf die virilen Protagonisten erzählt von Angst und Irritation. Kein anderes Genre zieht größeren Effekt aus der Präsentation männlicher Qual als das male epic in seiner renovierten Form. Nirgends hat der Mann mehr zu leiden, nirgends auch erscheint der maskuline Code ungreifbarer, undurchschaubarer, unerträglicher. Wenn etwas für die Helden des neuen historisierenden Genrekinos spricht, dann die Tatsache, dass sie immer auf der Suche nach der Escape-Taste sind, nach einem Weg aus dem fatalen Computerspiel, dessen Matrix ihnen die Last des Handelns, von Mord und Totschlag, Geschichte, Verhängnis und Erlösung aufbürdet. Aragorn, der künftige König im Herrn der Ringe, sieht beständig aus, als könne er sich gut vorstellen, etwas ganz anderes zu machen – eine Band gründen, zum Beispiel –, Russell Crowes Gladiator scheint sich in seinem Panzer verkriechen zu wollen, und Brad Pitt schaut als eigentlich doch zorniger Achill derart zerquält und grüblerisch vom Troja- Plakat, dass man ihn eher für einen Zivi halten könnte, den ein unglücklicher Zufall in den Irak verschlagen hat.
Tatsächlich verbirgt sich hinter der popkulturell überglänzten, stilisierten Vorvergangenheit des neuen Monumentalkinos eine ausgemachte Heldenkrise. In den fünfziger Jahren hatte das Aufkommen der Männerepen sicherlich mit dem Beginn des Geschlechterkampfs zu tun – es war auch die Zeit des Incredible Shrinking Man und der 50 Foot Woman. Heute kommt man dem Phänomen vielleicht auf die Spur, wenn man sich einen aktuelleren Schlachtenfilm wie Black Hawk Down anschaut, in dem die Gesichter der jungen Ranger weniger Begeisterung als Beklemmung ausdrücken angesichts der Tatsache, dass sie nun endlich tun dürfen, „wofür sie ausgebildet wurden“.
Ridley Scotts Film über den desaströsen Einsatz der Amerikaner in Mogadischu 1993 markiert gewissermaßen das Ende einer Ära. Noch in den achtziger Jahren hatte sich der männliche Code auf der Leinwand, im Abenteuer- und Actionfilm, vergleichsweise konfliktfrei präsentiert und entfaltet – was vor allem deshalb funktionierte, weil dieser Code nicht dem Wirklichkeitstest unterzogen wurde. Inzwischen ist der Westen überall auf der Welt in Kriege und Scharmützel verwickelt, nehmen die Amerikaner täglich ihr Kontingent Särge aus dem Irak in Empfang, erscheint die Chance, dass der Mann ausrücken muss, um sich „als Mann zu bewähren“, sehr viel realer.
Hollywood, dem ansonsten stets reaktionäre Tendenzen unterstellt werden, trägt dieser Verunsicherung auf verquere Art Rechnung, wenn es in seinen neuen Mainstream-Produktionen den Krieg zum Paradigma männlicher Existenz erklärt. Im historisierenden Monumentalfilm hat die Traumfabrik überraschenderweise ein Genre gefunden, das es gestattet, auf Umwegen zu verhandeln, wovon die Politik nicht gern spricht. Zumindest auf der Leinwand scheint klar zu sein, dass es nicht mehr viel nützt, ein ganzer Mann zu sein in den Technik- und Materialschlachten der Moderne. Dass es Tote geben wird und diffuse Fronten, während das, worum man in Kriegen kämpft, deren Ende sich kaum mehr absehen lässt, immer unklarer wird.
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- Serie film
- Quelle (c) DIE ZEIT 06.05.2004 Nr.20
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