Film Zweifel in der TruppeSeite 2/2
Spektakel des männlichen Körpers
Im Gegensatz zum Monumentalfilm der fünfziger Jahre sind die meisten erfolgreichen Großproduktionen der letzten Jahre allerdings Männerfilme im emphatischsten Sinn; sie beziehen ihre grundlegenden Motive aus dem male epic, aus Filmen wie Ben Hur, El Cid und Spartacus. Ähnlich wie bei diesen Klassikern, fallen im modernen Antikefilm „monumental“ und „männlich“ zusammen. Sein Schauwert ist fast ausschließlich an die Erscheinung des Mannes gebunden, genauer: an das Spektakel des männlichen Körpers.
Schon beim flüchtigen Blick auf die Standbilder aus Troja und Oliver Stones Alexander erschließt sich das homoerotisch-voyeuristische Moment des zeitgenössischen Sandalenfilms: viel Haut, sorgfältig epiliert, erlesene Coiffuren und Brustpanzer in Größe 85D. Zum Anblick des schwitzenden, ringenden, paradierenden männlichen Körpers tritt eine weitere eminent sinnliche Komponente. In der Herr der Ringe- Trilogie, in Gladiator und verwandten Produktionen gehört es zu den zentralen Anliegen der Kamera, die Textur der Accessoires erfahrbar zu machen, mit denen sich die Helden umgeben: das Schimmern eines bronzefarbenen Harnischs, das Zittern der Federn an einem Pfeil, der Dunst, der aus feuchten Taurollen aufsteigt. Es geht, wie es der amerikanische Autor Leon Hunt einmal formuliert hat, um die Frage „What are big boys made of?“, also buchstäblich um den Stoff, aus dem die Helden sind.
Erstaunlicherweise verbindet sich der Ernst des neuen Monumentalkinos also mit der Zerfaserung, Fragmentierung, Aufspaltung des Monumentalen. Und da kommt etwas Unbehagliches ins Spiel. Der ins Detail gehende, forschende, wenn nicht schamlose Blick auf die virilen Protagonisten erzählt von Angst und Irritation. Kein anderes Genre zieht größeren Effekt aus der Präsentation männlicher Qual als das male epic in seiner renovierten Form. Nirgends hat der Mann mehr zu leiden, nirgends auch erscheint der maskuline Code ungreifbarer, undurchschaubarer, unerträglicher. Wenn etwas für die Helden des neuen historisierenden Genrekinos spricht, dann die Tatsache, dass sie immer auf der Suche nach der Escape-Taste sind, nach einem Weg aus dem fatalen Computerspiel, dessen Matrix ihnen die Last des Handelns, von Mord und Totschlag, Geschichte, Verhängnis und Erlösung aufbürdet. Aragorn, der künftige König im Herrn der Ringe, sieht beständig aus, als könne er sich gut vorstellen, etwas ganz anderes zu machen – eine Band gründen, zum Beispiel –, Russell Crowes Gladiator scheint sich in seinem Panzer verkriechen zu wollen, und Brad Pitt schaut als eigentlich doch zorniger Achill derart zerquält und grüblerisch vom Troja- Plakat, dass man ihn eher für einen Zivi halten könnte, den ein unglücklicher Zufall in den Irak verschlagen hat.
Tatsächlich verbirgt sich hinter der popkulturell überglänzten, stilisierten Vorvergangenheit des neuen Monumentalkinos eine ausgemachte Heldenkrise. In den fünfziger Jahren hatte das Aufkommen der Männerepen sicherlich mit dem Beginn des Geschlechterkampfs zu tun – es war auch die Zeit des Incredible Shrinking Man und der 50 Foot Woman. Heute kommt man dem Phänomen vielleicht auf die Spur, wenn man sich einen aktuelleren Schlachtenfilm wie Black Hawk Down anschaut, in dem die Gesichter der jungen Ranger weniger Begeisterung als Beklemmung ausdrücken angesichts der Tatsache, dass sie nun endlich tun dürfen, „wofür sie ausgebildet wurden“.
Ridley Scotts Film über den desaströsen Einsatz der Amerikaner in Mogadischu 1993 markiert gewissermaßen das Ende einer Ära. Noch in den achtziger Jahren hatte sich der männliche Code auf der Leinwand, im Abenteuer- und Actionfilm, vergleichsweise konfliktfrei präsentiert und entfaltet – was vor allem deshalb funktionierte, weil dieser Code nicht dem Wirklichkeitstest unterzogen wurde. Inzwischen ist der Westen überall auf der Welt in Kriege und Scharmützel verwickelt, nehmen die Amerikaner täglich ihr Kontingent Särge aus dem Irak in Empfang, erscheint die Chance, dass der Mann ausrücken muss, um sich „als Mann zu bewähren“, sehr viel realer.
Hollywood, dem ansonsten stets reaktionäre Tendenzen unterstellt werden, trägt dieser Verunsicherung auf verquere Art Rechnung, wenn es in seinen neuen Mainstream-Produktionen den Krieg zum Paradigma männlicher Existenz erklärt. Im historisierenden Monumentalfilm hat die Traumfabrik überraschenderweise ein Genre gefunden, das es gestattet, auf Umwegen zu verhandeln, wovon die Politik nicht gern spricht. Zumindest auf der Leinwand scheint klar zu sein, dass es nicht mehr viel nützt, ein ganzer Mann zu sein in den Technik- und Materialschlachten der Moderne. Dass es Tote geben wird und diffuse Fronten, während das, worum man in Kriegen kämpft, deren Ende sich kaum mehr absehen lässt, immer unklarer wird.
- Datum 06.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Serie film
- Quelle (c) DIE ZEIT 06.05.2004 Nr.20
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