Jede bessere Buchhandlung Amerikas schmückt inzwischen ein Regalmeter voller Bücher, die "Lügen" im Titel führen. Als "Lügner" wird immer der gegenwärtige US-Präsident entlarvt. Die "Wahrheit" findet sich stattdessen zwischen den jeweiligen Buchdeckeln. Der Inhalt solcher Litaneien ist vorhersehbar. Solange die Belegung des Weißen Hauses nicht wechselt, bleibt das "Bush-Bashing" eine hochprofitable Nische des Buchmarktes.

Insofern ist es geschäftstüchtig, aber irreführend, dass die Erinnerungen des Diplomaten Joseph Wilson The Politics of Truth heißen und der Untertitel Inside the Lies that Led to War and Betrayed My Wife’s CIA Identity. Denn Wilson liefert mehr als grobe Empörungsliteratur. Er zählt zum Kreis der Insider, die in den vergangenen Wochen begonnen haben, die innere Mechanik des Regierungsapparats unter George Bush offen zu legen. Den Anfang machten die Memoiren des zurückgetretenen Finanzministers Paul O’Neill. Es folgten die Erinnerungen des Terrorismusexperten im Weißen Haus, Richard Clarke, und der Schlüsselloch-Report von Bob Woodward. Und nun Wilson, der Diplomat. Er hat die Vorbereitungen zum Irak-Krieg nur einen Moment lang als Handelnder erlebt. Doch seine Geschichte steht pars pro toto für den Versuch der Regierung Bush, die Fakten so zu interpretieren, dass sie ins eigene Weltbild passen und Gründe für einen längst beschlossenen Krieg abgeben.

Im Kern geht es um jene 16 Worte, die sich am 28. Januar 2003 in Bushs Rede zur Lage der Nation finden: "Die britische Regierung hat herausgefunden, dass Saddam Hussein jüngst größere Mengen Uran aus Afrika kaufen wollte." Dabei weiß die Regierung zu diesem Zeitpunkt längst, dass die Behauptung nicht stimmen kann. Die CIA hat im Vorjahr eigens einen Fachmann in den Niger geschickt: Joseph Wilson. Der ist für den Job prädestiniert. Er kennt den Irak, war der letzte amerikanische Diplomat, der vor dem ersten Golfkrieg mit Saddam Hussein sprach. Und er kennt Afrika, war dort in zwei Staaten Botschafter. Wilson nimmt den Leser mit auf seine afrikanische Reise. Am Ende wird klar, warum der Niger dem Irak beim Bombenbau nicht behilflich gewesen sein konnte und entsprechende Dokumente "durch eine zwanzigminütige Google-Recherche als Fälschung" zu entlarven sind.

Doch das Weiße Haus will glauben, was es glauben will. Wilsons Berichte werden ignoriert, seine Proteste auch. Schließlich geht er an die Öffentlichkeit. In diesem Moment wird aus "Nigergate" eine neue, sehr persönliche Affäre: "Intimigate". Zu den erschreckendsten Passagen in dem Buch zählt die Beschreibung der Schmutzkampagne, die das Weiße Haus gegen den illoyalen Emissär entfesselt. Wilson identifiziert nun das Büro des Vizepräsidenten Richard Cheney als Ausgangspunkt. Von dort sowie von Präsidentenberater Karl Rove werden offenbar rechte Journalisten wie Todesschwadrone in Marsch gesetzt, um Wilsons Karriere zu zerstören. So kommt heraus, dass Wilsons Frau Undercover-Agentin der CIA ist. Wilson soll als gescheiterter Diplomat dastehen, dem die eigene Frau in der Not einen Job verschafft. Als linker Extremist auf Feindfahrt wider George Bush findet er sich dargestellt. Dabei ist Wilson ein Wechselwähler, der George Bushs Vater verehrte und noch für den Sohn spendete, bevor er Al Gore wählte. Erst die revolutionäre Politik George Bushs hat ihn zum Aktivisten werden lassen. Er ist ein Mann des außenpolitischen Establishments, der die Rückkehr zu Fair Play fordert.