Golo Mann an der Tür des väterlichen Hauses in Kilchberg

Foto: J. H. Darchinger

Er war, um dies ohne Aufenthalt zu sagen, das einzige unter den sechs Kindern von Thomas und Katia Mann, das seine Persönlichkeit, seinen geistigen Rang und ein eigenständiges Werk gegen den übermächtigen Schatten des Vaters zu behaupten vermochte: Golo, der von den Eltern so oft gedemütigte Knirps – und nicht der hoch talentierte Klaus, den die Nachwelt dank des Martyriums seiner Drogensucht und seines Selbstmordes ein bisschen zu billig verklärt, obwohl ihm mit keinem seiner Romane der Durchbruch zur großen Literatur gelungen ist; auch nicht Erika, die begabte Kabarettistin, Journalistin und Kinderbuchautorin, zuletzt vor allem die unentbehrliche Gehilfin, deren Seele schließlich vom Ressentiment zerfressen wurde; nicht die wunderliche Monika, die ein poetisches Buch der Erinnerung an den strengen Papa hinterließ; nicht Elisabeth, die als Musikerin, Autorin, Wissenschaftlerin niemals über den Status der liebenswürdigen Amateurin hinausgelangt ist; keinesfalls Michael, der Jüngste, dem weder in der Musik noch in der Literaturwissenschaft jemals mehr als ein gesteigertes Mittelmaß glückte.

Golo, der Bescheidene (und zugleich auch Eitle), der Scheue, Verletzliche, am Ende nur noch Vergrämte, hat in der Tat eine prominente Biografie verdient, wie sie nun Urs Bitterli, der Schweizer Historiker, präsentiert – ein welt- und lebensneugieriger Autor, der originelle Studien zur Entdeckung Amerikas schrieb und sich nun (mit Irene Riesen) durch die Herausgabe des Gesamtwerkes seines großen Kollegen Herbert Lüthy verdient macht. Golo Mann und Lüthy – das ist keine Nachbarschaft, die der Zufall arrangierte. Beide mag man liberal-konservativ nennen, beide kongenial-kritische Söhne der Aufklärung, Europäer in jeder Faser ihrer Seelen. Beide verstanden sie – in den Welten der Dichtung und Literatur zu Hause (Lüthy obendrein in der Musik) – auch die Politik- und Staatsgeschichte stets als Kulturgeschichte, beide von einem letzten Hauch universaler Bildung berührt, der sie gegen jede Art von Fachidiotie immunisierte, Meister der Sprache alle beide, frei von den Verkrampfungen des akademischen Spezialistenjargons.

Von linken Neigungen zum prononcierten Antimarxismus

Urs Bitterli erweist Golo Manns Neigung zu den Musen durch die Lesbarkeit seiner Biografie willkommenen Tribut, auch wenn er der Bequemlichkeit konventioneller Formeln hin und wieder allzu willfährig nachgibt („der Sohn aus bestem Hause…“). Auch wünschte man sich, der Verfasser hätte sich länger bei der Kindheit und Jugend Golos aufgehalten. Nach sieben Seiten lässt er die frühen Jahre des „ungeliebten Kindes“ hinter sich, nach sechs weiteren Seiten das Internat Salem, in das Golo glücklich entkommen war, nur einen Blick auf den Freund Michael Lichnowsky werfend, den Sohn des Fürsten, der als der Botschafter des Kaisers in London vergebens dem Sog des Krieges Einhalt zu gebieten versuchte. Der Name des Lebensfreundes Pierre Bertaux wird zweimal genannt, eher beiläufig, und die Leser erfahren leider nicht, dass er der Sohn des bedeutendsten Germanisten Frankreichs war, selbst ein brillanter Vertreter jener Zunft, der nach seinen Aktivitäten im Widerstand und den heikelsten politischen Missionen für General de Gaulle einen Essay von ungewöhnlichem Elan schrieb, mit dem uns Augen und Ohren für den revolutionär-jakobinischen Enthusiasmus des jungen Hölderlin und seiner Stubengenossen Hegel und Schelling im Tübinger Stift geöffnet wurde. Bertaux war es auch, der 1933 (unter dem Schutz des Botschafters François-Poncet) 60000 Reichsmark – ein Vermögen – vom Barkonto des Vaters außer Landes brachte. Und Bitterli huscht, weiß der Teufel, warum, darüber hinweg, dass Golo überaus fahrlässig zu Werke ging, als er in jenem Frühjahr 1933 die Tagebücher des Papas in die Schweiz befördern sollte, seine Leichtfertigkeit mit einer dramatischen Lügengeschichte über die angebliche Auslieferung der heiklen Dokumente ans „Braune Haus“ durch den Verrat des langjährigen Chauffeurs der Familie tarnend. Nichts davon stimmte.

Bitterli indes klärt uns über das seltsame Engagement seines jungen Helden im Sozialistischen Studentenbund mit distanzierter Sachlichkeit auf. Golo selbst sprach in seinen Erinnerungen mit heiterer Ironie über die linke Verirrung: „Obwohl ich Karl Marx auf den Tod nicht leiden mochte, glaubte ich damals an die ‚Revolution‘ als Notwendigkeit, oder wollte daran glauben, oder tat so, als ob ich daran glaubte…“ Der prononcierte Antimarxismus, den er später in seiner Deutschen Geschichte, in vielen Aufsätzen und Vorträgen zu erkennen gab, hatte freilich schmerzhafte Folgen: Max Horkheimer und Theodor Adorno, die Gründer der Frankfurter Schule, brachten es mit einem bemerkenswerten Aufwand an Tücke zuwege, die Berufung Golos auf einen begehrten Lehrstuhl an ihrer Universität zu hintertreiben, unter anderem mit dem infamen Vorwurf, Golo sei Antisemit. Eine absurde Behauptung, die Bitterli luzide mit dem Hinweis erklärt, dass die Frankfurter Dioskuren den Judenhass der Nazis und ihre Vernichtungsmaschine als eine Konsequenz „der Manipulierbarkeit des Menschen im Spätkapitalismus“ verstanden – eine starre Theorie, der Golo mit der philosophischen Hellsicht begegnete, dass die Freiheit des Menschen stets auch eine Freiheit zum Bösen gewesen sei (und immer sein werde).

Jeder seiner Versuche, in Deutschland von neuem Wurzeln zu schlagen, ist gescheitert – auch in Stuttgart, wo er von 1960 bis 1965 eine Professur an der Technischen Hochschule versah, zuletzt in der bayerischen Heimat, in der er seine Kindheit wiederzufinden hoffte: Nach einigen Jahren zog er wieder davon. Für jedes dieser Experimente bezahlte er mit einer tiefen Depression, die ihn zuzeiten zwang, psychiatrische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Fast servile Demut gegenüber den Großen der Welt