Mütter Muss das sein?

Sechs Monate nach der Entbindung saß ich wieder am Schreibtisch, Vollzeit. Da stellen sich schon ein paar kritische Fragen. Ein Selbstgespräch

Frau Mayer, sind Sie eine gute Mutter?

O je. Fragen Sie die Jungs. Sagen wir – lieber in 20 Jahren…

Haben Sie Zweifel?

Ich habe Zweifel, dass sich alle möglichen Leute dafür interessieren sollten, ob ich meinen Mutterjob gut mache. Haben Sie schon mal den flotten Kollegen gefragt, ob er »ein guter Single« ist? Tatsache ist: Sie leben mit den Kindern, und manchmal gelingt uns das besser, und manchmal würden wir die eine oder andere Szene unseres Alltagslebens gerne wiederholen, für eine kleine Korrektur.

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Was würden Sie korrigieren?

Na ja, zum Beispiel diesen Tanz in den üblichen Stresssituationen. Wenn die Szenerie mal wieder ein Saustall ist oder jemand gnadenlos vergisst einzukaufen oder die Wäsche schon zwei Tage unaufgehängt im Keller modert. Dann wäre in der korrigierten Version des Lebens schallendes Lachen zu hören statt dieses hysterische Kreischen. Was jedoch in Wahrheit zählt und bleibt, ist nicht der mühselige Alltagskram, sondern ob man dem Leben mit Neugier und Begeisterung, mit Großzügigkeit begegnet – und da hätten unsere Kinder oft Grund, an uns zu verzweifeln…

Sie sind schon wenige Monate nach der Geburt Ihres ersten Sohnes wieder an den Schreibtisch in der ZEIT-Redaktion zurückgekehrt. Finden Sie das heute noch richtig?

Wie kann es falsch sein, seinen Lebensunterhalt zu verdienen? Richtig war in jedem Fall, dass unsere Kleinstfamilie von Papa-Mama-Kind gleich erweitert wurde durch eine wunderbare Kinderfrau, das war so ein Gewinn. Kinder müssen zu mehreren Menschen Vertrauen haben, um nicht immer nur auf ihre Mutti angewiesen zu sein oder auf ein halbes Stündchen Papi am Abend.

Fand Ihre Umgebung das auch so toll?

Die eine Hälfte der Leute bejubelte Super-Mom, die alles schmeißt, die andere Hälfte hält mir bis heute vor, ich sei eine karrieresüchtige Zicke, die ihrem Kind die Kindheit versaut hat – zur letzteren Hälfte gehören gerne Hausfrauenmütter.

Wie bitte?

Viele dieser Frauen würden mir vielleicht dann verzeihen, wenn ich als ausgezehrte Alleinerziehende bei Penny an der Kasse säße. Die meisten übersehen, dass der Vater unseres Kindes, der selbstständig arbeitet, sich drei halbe Tage in der Woche freihält. Und ich habe bei meiner Arbeit neue Themen entdeckt, Verkehr, Bildung, Familienpolitik. Die Sicht auf die Welt verändert sich doch sehr, wenn man die Verantwortung für jemanden aus der nächsten Generation übernommen hat. Es waren total schöne Jahre. Und wenn ich nach Hause kam, stand der kleine Typ oben am Geländer und stampfte vor Freude, und dann haben wir stundenlang auf dem Teppich gelegen und gespielt.

Geben Sie es zu, Sie sind dabei fast eingeschlafen oder haben im Kopf noch am Einstieg für Ihren nächsten Artikel gefeilt.

Hm. Okay. Aber niemand kann energischer als ein Baby an uns rütteln und »Hiaaa« schreien. Es war schon ein Wunder, zu erfahren, wie unglaublich gut man sich mit jemandem, der noch nicht richtig redet, verständigen kann. Mit welchem Eifer, ja mit welcher Gier ein Kind sich das Leben aneignet. An diese Zeit in der eigenen Biografie haben wir ja keine Erinnerung mehr. Was für ein Abenteuer es ist, an der Glätte des Fußbodenholzes zu lecken und das Bohnerwachs zu schmecken. Das hält einen wach, meistens jedenfalls. Der Artikeleinstieg holte einen natürlich umso heftiger am nächsten Tag wieder ein.

Irgendwann wollen die Kinder aber nicht mehr nur auf dem Teppich spielen.

Dann wird das Leben zunehmend komplex. Das zweite Kind kommt, und beide Kinder werden älter. Der Kindergarten und die Schule wollen bedient werden, mit Kuchen und Salaten, Notdiensten, Hausaufgabenbetreuung, Nachhilfe. Hinzu kommen die endlosen Fahrdienste zu den Freunden, zum Sport, zur Klavierstunde und die Organisation von Sommerfesten, Picknicks, Schwimmfahrten, Spielterminen. Natürlich muss Zeit sein, um zu klein gewordene Schuhe, Hosen, Betten zu ersetzen. Nicht zu vergessen die Anforderungen am Arbeitsplatz und die der Liebe. Dann ist die Zeit so prall gefüllt, dann reiben sich alle Lebensbereiche ständig aneinander. Das wird ja oft vergessen, wenn wir über Familie reden und die so genannten Erziehungsfragen: Das ist ein Betrieb. Eine Hochleistungsfirma. Der Tag hat nicht so viele Stunden, dass Sie das alles hinkriegen können, was Sie müssten.

Alles eine Frage der Organisation, sagt man.

So ein Quatsch. Auch wenn der Vater mit dem Kind zum Arzt geht und die Mutter währenddessen loszieht, um die mal wieder durchgescheuerten Socken zu ersetzen – dann steht doch glatt wieder eines der Fahrräder da und hat einen Platten, und Sie haben keine Zeit, das zu reparieren, und im Zweifel keine Lust oder kein Geld, 30 Euro für die Reparatur hinzublättern. Die Partnerschaft steht dann ganz im Dienste der Alltagsbewältigung.

So werden aus Liebenden zwei Lastesel?

Jedenfalls ist es leichter, eine Liebe abends beim Italiener zu pflegen, als zu Hause beim Spielzeugaufräumen.

Gab es eigentlich Diskussionen, ob der Vater mit in den Kreißsaal geht?

Nein. Eine Geburt ist eine echte Krisensituation, das muss man doch zusammenhalten.

Lief alles nach Plan?

Für Abenteuer gibt es keine Pläne. Und bei Geburten höchstens den, dass Väter im Krankenhaus fest im Dienstplan stehen – als Wehenzähler, als Kellner, der Sprudel besorgt, als Pfleger, der kühle Lappen auflegt, als Halteseil, an dem man sich festklammern kann, wenn die Wehen mit Wucht kommen. Ohne Vater wäre man verloren.

Und wenn das Kind da ist – sind alle Schmerzen vergessen?

Noch Monate später habe ich weiche Knie bekommen, wenn mir eine Schwangere begegnet ist, und ich habe mich gefragt, ob sie weiß, was kommt. Jedenfalls ein neues Leben. Auf sehr körperliche Weise. Das Kind liegt uns im Arm, es ist eine Umarmung, die über Stunden währt, da ist eine uns noch fremde Person, die uns befühlt, an uns saugt, das ist eine große unerwartete Intimität. Auch Väter entdecken ja oft, im Angesicht eines so kleinen Wesens, ihre fürsorglichen Seiten. Falls sie sich nicht in die Welt der harten Kerle flüchten. Aber wenn sie spüren, wie schwer so ein Leichtpaket auf der Schulter werden kann nach Stunden des Herumtigerns, wie verzweifelt das Geschrei in den Ohren gellt, dann sind auch sie häufig ganz verändert von dieser großen Nähe. Außerdem sind Väter total unverzichtbar in Zeiten, wo nur selten Verwandte anrücken und den Haushalt der Wöchnerin schmeißen.

Die Familienforscher sagen, es ist auch die Zeit der Beziehungskriege.

Unausgeschlafene Menschen haben eben eine geringe Toleranzspanne…

Was ist mit dieser engen Mutter-Kind-Bindung, wenn es die Mutter an den Schreibtisch zieht?

Sie wird gespannt wie ein Gummiband. Man findet sich, in meinem Fall, wenige Kilometer Luftlinie vom Kind entfernt wieder – und ist gänzlich unerreichbar. Dann geht man in der Mittagspause raus und hört ein Baby weinen, und die Milchkanäle ziehen sich zusammen…

Daran gewöhnt man sich?

Klar. Zu allen Zeiten außer der unsrigen haben sich Frauen nach der Geburt wieder am allgemeinen Arbeitsanfall beteiligt. Außerhalb des Kinderzimmers wartet übrigens die Erkenntnis, dass man nicht nur Mutter ist. Auch Hausfrauen haben ja oft ein Work-Life-Balance-Problem.

Sie neigen wohl zum Hausfrauen-Bashing?

Überhaupt nicht. Bei fragwürdiger Qualität vieler Kindergärten und einem Schulsystem, in dem es kaum zuverlässig gelingt, Kindern bis zur vierten Klasse die rudimentären Kulturtechniken beizubringen, also Lesen, Rechnen, Schreiben, verstehen kluge Mütter: Ohne ihre kostenlose Zuarbeit wäre Pisa noch viel katastrophaler ausgefallen. Jedes dritte Kind erhält zu Hause Nachhilfe. Wenn Sie Eltern vor die Wahl stellen, vielleicht zusehen zu müssen, wie ihr Kind zum Versager wird, oder ihren Beruf an den Nagel zu hängen und dem Kind den Rücken zu stärken, dann entscheiden sich eben viele – nicht zu Unrecht – für das Kind, sozusagen für die nächste Generation. Dummerweise gefährden dabei nicht wenige ihre Existenz.

Ist es mit Kind schwieriger, Karriere zu machen?

Natürlich. Es gibt genügend Leute, die, ohne auf irgendjemanden Rücksicht nehmen zu müssen, rund um die Uhr ranklotzen und das gerne als Wettbewerbsvorteil begreifen; bei 50 Wochenstunden können verantwortungsvolle Eltern nicht mithalten, selbst wenn sie aufs Schlafen verzichten.

Wie soll sich das ändern?

Arbeitgeber müssen verstehen, dass der Typ des superangepassten, hoch flexiblen Arbeitnehmers ausstirbt – es sei denn, er pflanzt sich fort. Alle müssen begreifen, dass es eines gewissen Aufwandes an Zeit und Geld für andere bedarf, damit es mit dieser Gesellschaft weitergeht – und dass man sich nicht freikaufen kann.

Das sind doch Träume!

Unrealistisch ist es jedenfalls, weiter so zu leben, als gäbe es keine Kinder oder als müsste es keine geben. Einst liegt doch auf der Hand: Es hat sich nicht gelohnt, hoch qualifizierte Frauen als unbezahlte Nachhilfemuttis zu verschleißen oder in die Kinderlosigkeit zu zwingen.

Sehen Sie eine Führungskraft, die das versteht?

Ja. Anders als Politiker denkt man in der Wirtschaft nicht in kleinen Wahlzyklen, sondern muss schauen, wie zukunftsfähig ein Betrieb ist. Noch weiter wären wir, hätten wir praktizierende Mütter als Führungskräfte wie in Skandinavien, wo sich Leute verdächtig machen, die nicht um 16 Uhr nach Hause gehen. »Hast du niemand, der auf dich wartet?«, hören die dann.

Aber Unternehmen müssen doch rechnen!

Weil sie rechnen, wandern sie ab in Regionen, wo es Nachwuchs für die Firmen gibt. Was wir brauchen, ist die mütterliche Perspektive auf die Dinge – gucken, warum so viel gegreint wird und so wenige Leute die Kinder kriegen, die sie sich wünschen. Es zahlt sich nicht aus, die Bedürfnisse der Menschen zu ignorieren, das sehen wir doch jetzt.

Was hindert unsere Führungskräfte, diese mütterliche Sicht auf die Dinge aufzunehmen?

Meine Freundin Ulla hat es mal so gesagt: Die haben Angst, dass ihnen die Milch einschießt.

 
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