Ärzte waren in China vom 12. Jahrhundert an in der Regel nicht selbstständig, sondern Angestellte der Apotheker und wurden auch von diesen bezahlt. Oder sie zogen über Land, boten ihre Diagnose kostenlos an und bezogen ihr Einkommen aus dem Verkauf mitgebrachter Arzneien. Es gab auch Ärzte, die in eigenen Praxen Patienten behandelten. Die Bezahlung hing davon ab, ob der Kranke Nachbar oder Fremder war und ob der Arzt den Lohn als Lebensunterhalt benötigte. Aber ein reines „Erfolgshonorar“ gab es nicht.

Verbreitet ist bei uns auch die Legende, dass chinesische Ärzte in der Vergangenheit nur Geld bekamen, solange der Patient gesund war, und die Entlohnung ausgesetzt wurde, sobald jemand erkrankte. „Seit 30 Jahren werde ich mit diesem Mythos konfrontiert“, sagt Paul Unschuld, Sinologe und Medizinhistoriker an der Universität München, ein ausgewiesener Kenner der traditionellen chinesischen Medizin.

Das Klischee, das die Andersartigkeit und Sanftheit der östlichen Medizin belegen soll, hat jedoch keine historische Grundlage. Wohl gab es lange Zeit einen von den Konfuzianern vorgetragenen Streit in China, ob Heiler überhaupt Geld für ihre Dienste nehmen dürften. Aber wenn sie bezahlt wurden, dann ganz analog zu den Ärzten in Europa.

Überhaupt wehrt sich der Medizinhistoriker Unschuld gegen die weit verbreitete Ansicht, dass in Asien ein besserer medizinischer Ethos herrsche als etwa in Europa. „Ich wundere mich über die Vorstellung, dass irgendwo hinter dem Ural eine Moralscheide existieren soll, hinter der die Menschen besser sind.“ Christoph Drösser

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