Immerhin einer der Väter glaubt noch an die Zukunft seiner Wunderkinder. Beim Stöbern in kleinen Rußhaufen hatte Richard Smalley, Chemiker von der Rice University im texanischen Houston, vor 19 Jahren eine neue Art festen, reinen Kohlenstoffs entdeckt. Für diese Arbeit erhielt er 1996 den Nobelpreis. Seit der Entdeckung hat das C-Element ein drittes Gesicht: neben Diamant und Grafit eine neue Erscheinungsform, die aussieht wie ein Fußball. Die Kohlenstoffatome bilden aus winzigen Fünf- und Sechsecken eine Kugel. Deren Größe entspricht mit wenigen milliardstel Metern Durchmesser gerade mal dem Zehntausendstel eines Staubkorns.

Die "Buckyballs" machten weltweit Schlagzeilen: Als Garage für Nanoroboter sollten sie dienen, als Verpackungs- und Transportmittel winzige Wirkstoffmengen umschließen und in den menschlichen Körper schleusen. 1991 zeigte sich auch noch, dass sich filigrane Röhrchen mit einer ähnlichen Struktur herstellen ließen. Nun war die Sensation perfekt, die kleinen Röhren wurden zu Emblemen einer neuen Ära. "Kohlenstoff-Nanoröhrchen könnten für die Zukunft der Menschheit Wunder wirken", jubelte Richard Smalley – und predigt es bis heute.

Mit dem Fahrstuhl ins Weltall

Keinem anderen Material ist in der Vergangenheit so viel zugetraut worden – nur will das Wunder mit den Miniröhren bislang nicht so recht klappen. Die Liste ihrer Eigenschaften liest sich wie ein Kapitel aus dem Guinness Buch der Rekorde: Sie leiten elektrischen Strom mindestens 100-mal so gut wie alles Bekannte, sind 60-mal so reißfest wie Stahl, lassen beinahe beliebig ihren Durchmesser verändern, sind enorm elastisch, halten weitaus mehr Hitze aus als jede andere Form des Kohlenstoffs. Außerdem sind sie extrem spitz und leicht.

Entsprechend spektakulär waren die Visionen der Forscher. Nanoröhrchen sollten Wasserstoff hervorragend speichern, die Kunststoffindustrie revolutionieren und der Menschheit leitfähige, hochfeste Verbundwerkstoffe bescheren. Die Röhrchenbäcker träumten von einer Nanoelektronik, die künftig die Siliziumtechnik ablöst, von neuen Katalysatoren, Sensoren, Brennstoff- und Solarzellen.

Vor vier Jahren begann die Nasa mitzuträumen. Einen Aufzug ins All wollte die US-Weltraumbehörde konstruieren, eine mit der Erde rotierende Raumstation am Äquator vertäuen. Die Bestandteile des Astroseils: Nanoröhrchen. Seither feilen in den USA zwei Risikokapitalfirmen an der Formulierung des Konzepts.

Der moderne Kohlenstoff macht Geld locker. Allein das Bundesforschungsministerium steckte im vergangenen Jahr 121 Millionen Euro in seine Erforschung – 27 Prozent mehr als im Jahr 2002. In den Nanozentren, ob in Brookhaven, Stanford, Shanghai oder Karlsruhe, prangen die filigranen Rohrstrukturen im Großformat auf Postern.

Die Wirklichkeit ist allerdings weniger bunt als die Plakate. Im nordrhein-westfälischen Marl, auf dem sechs Quadratkilometer großen Gelände der Degussa, liegt einer der wenigen Orte dieser Welt, an denen die Röhrchen für einen Massenmarkt verarbeitet werden. Von einer Nanoröhrchen-Euphorie kann in Marl nicht die Rede sein. Im Innern der Gebäude formen emsige Knetmaschinen aus einem profanen Polymer (Polyamid 12) und Röhrenstaub den elektrisch leitenden Spezialkunststoff X-73-95. Dieser kommt in Kraftstoffleitungen amerikanischer Autos zum Einsatz – als Antistatikschicht, die elektrische Aufladungen rund um den fließenden Kraftstoff vermeiden soll. Besonders stolz auf die Rolle des Weltmarktführers für Nanokunststoffe ist man bei Degussa trotzdem nicht. "Wir arbeiten daran, auf die Röhrchen in unseren Kunststoffen wieder verzichten zu können", sagt Bernd Lohmann.