Mütter Büro & Klammern
Im Beruf nicht mehr hinter den Männern zurückstehen! Und immer um die lieben Kleinen kümmern! Wie wir – Superfrauen und Übermütter – uns systematisch unglücklich machen
Was ist eine gute Mutter? Die meisten beantworten diese Frage so: Ausgeglichen und glücklich – das überträgt sich aufs Kind. Was einfach klingt, scheint jedoch den wenigsten zu gelingen. Die berufstätige Mutter scheitert heute vorzugsweise an den eigenen hohen Ansprüchen: Sie fühlt sich mal unzulänglich im Job, mal unzulänglich oder unterfordert zu Hause. Die Vollzeitmutter schämt sich ihrer vermeintlich langweiligen Hausfrauenrolle. Die Teilzeitmutter kann die Zeit mit den Kindern nicht genießen, weil sie mit schlechtem Gewissen an die aufgegebene Karriere denkt. Gründe für das Unbehagen einer neugeborenen Mutter gibt es genug. Und alle hätten sie ein leichteres Leben, wären sie nicht so versessen darauf, eine »gute Mutter« zu sein.
Heute stehen die Frauen aller westlicher Länder unter dem Druck, die schönen Feminismus-Theorien der siebziger Jahre endlich mit Leben zu füllen. In Deutschland jedoch scheinen der Anspruch der Frauenbewegung und das tatsächliche Selbstverständnis der Frau besonders weit auseinander zu klaffen. Wie sonst wäre es zu erklären, dass die Frage geeigneter Kinderbetreuung in Deutschland noch immer ideologisch aufgeladen ist und die Vereinbarkeit von Beruf und Familie mehr als in anderen europäischen Ländern diskutiert wird? Warum nur kommen andere Sprachen ohne das Wort »Rabenmutter« aus, das in Deutschland regelmäßig die Schlagzeilen bestimmt? Warum bloß ist die deutsche Mutter nur im Schuldbewusstsein Spitze?
In den USA und Großbritannien wird mittlerweile gegen die Idee rebelliert, eine Frau könne heutzutage alles gleichzeitig haben – Job, Kinder und ein funktionierendes soziales Leben –, ohne den Verstand zu verlieren. Zahlreiche Autorinnen entlarven diese Vorstellung als bloße Theorie. Ihre Bücher sind Bestseller – außer in Deutschland. Denn deutsche Mütter haben eine Abwehrschwäche: Sie suchen Fehler immer zuerst bei sich selbst und halten unverändert an einer Rolle fest, die ihnen über lange Zeit hinweg anerzogen wurde: der Rolle der Übermutter.
Eine Mutter gehört zu ihrem Kind. Dieser Kernsatz aus den Pädagogikbüchern der fünfziger Jahre hält sich hartnäckig in den Köpfen deutscher Frauen. Denen, die nach ihm leben, beschert er Frustration; denen, die es nicht tun, Schuldgefühle. Natürlich gibt es die Studien, die belegen, dass Kinder in den ersten Lebensjahren konstante Bezugspersonen haben sollten. Doch auch als es noch keine Studien gab, ist über Jahrhunderte in Deutschland die Rolle der Mutter mythisch überhöht worden. Die Folge ist eine Symbiose von Mutter und Kind, eine exklusive Mutterbindung, die anderen Aspekten im Leben der Frau, etwa dem Beruf, im Weg steht. Da leugnet deshalb die Karrierefrau schon am Telefon mit einer Freundin, dass sie im Büro sei. »Nein, nein – ich bin bei den Kindern. Die schlafen gerade.« Die Autorin Barbara Vinken spricht in ihrem Buch Die deutsche Mutter von einem »deutschen Sonderweg«, der von Luther über Pestalozzi bis hin zu den Nazis einen Mutterkult gefördert habe: »Das Kind wird in Deutschland nicht in das Leben integriert, sondern es wird zum Sinn und Zweck des Lebens der Mutter – eine religiös anmutende Verkehrung.«
Man muss nicht bis zu den Nazis zurückgehen, um dem deutschen Mütter-Mythos nachzuspüren. Nur etwa jede fünfte Frau entscheidet sich in Deutschland heute für schmerzlindernde Maßnahmen wie eine Periduralanästhesie unter der Geburt. Die Leidensbereitschaft ist hoch, denn vielen gilt eine schwere Geburt als erstes Indiz dafür, eine gute Mutter zu sein. Auf der Entbindungsstation findet die Wöchnerin dann auf ihrem Nachtkästchen haufenweise Material der Leche-Liga, einem Verein zur Förderung des Stillens. Sowie Broschüren darüber, wie man Gehörlosigkeit und andere Krankheiten seiner Kinder früh erkennen kann. Es gibt ja so viel falsch zu machen! Legionen von »Still-Beraterinnen« weisen den Müttern unaufgefordert den Weg zur Brustnahrung – während etwa die Informationsbroschüren französischer Krankenhäuser auch daran erinnern, wie man den Busen in Form hält. Hier wird ausschließlich die Mutter angesprochen, dort auch die Frau.
Kein Wunder, dass die meisten Frauen das Krankenhaus mit einem Gefühl von Unzulänglichkeit verlassen. Die Unsicherheit bekämpfend, müht sich die deutsche Mutter um ständige Übererfüllung des Plans: Unermüdlich wacht sie an der Seite des Säuglings, reagiert pflichtschuldig auf jede Regung des Kleinen – und gibt die eigenen Bedürfnisse komplett auf.
Weil ihre Rolle kulturell und gesellschaftlich mit einem (unnatürlich) hohen Anspruch verbunden ist, es aber keine klaren Qualifikationsmerkmale gibt, flüchtet sich die Mutter in messianischen Eifer. Um die Routine-Untersuchung beim Kinderarzt maximal zu nutzen, faxt sie vorab einen Fragenkatalog in die Praxis, damit ganz sicher kein Thema zu kurz kommt. Ihre knapp bemessene Freizeit investiert sie in die Lektüre von Ratgebern. Die Psychoanalytikerin Nadja Bruschweiler-Stern, Autorin des Buches Geburt einer Mutter , beklagt: »Heutzutage haben Mütter das Gefühl, überhaupt nichts im Umgang mit Kindern zu wissen und hören deshalb nicht mehr auf ihre Intuition.«
Unbefangenheit, Leichtigkeit und Selbstverständlichkeit sind Qualitäten, die Müttern abhanden gekommen sind. Stattdessen dominieren Opfermentalität, Pflichtgefühl und verbissener Ehrgeiz. Zwar hört man häufig den Satz »Ich fühle mich als gute Mutter« (alles andere wäre bei dem Einsatz auch das Eingeständnis einer Niederlage), viel seltener jedoch: »Ich fühle mich gut als Mutter«. Mit irgendetwas lässt sich immer hadern. Sei es die Furcht, das Kind zu früh in die Krippe gegeben zu haben oder die Furcht, die ersten Jahre mit dem Kind nicht genug genossen zu haben. Die deutsche Mutter fühlt sich vorzugsweise schlecht.
- Datum 06.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 06.05.2004 Nr.20
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