Washington

Natürlich sind nun Scham und Empörung riesig. Seit 1968, seit dem Massaker von My Lai, hat wahrscheinlich kein einzelnes Ereignis das Selbstbild der Amerikaner so beschädigt wie die Veröffentlichung der Folterbilder aus dem Irak. Die Abscheu vereint Kriegsgegner und Kriegsbefürworter. "Unamerikanisch, total unamerikanisch", ruft Madeleine Albright aus, die frühere Außenministerin. Das klingt wie ein Echo jenes Präsidenten, den sie lieber heute als morgen aus dem Amt jagen möchte. "So ein Verhalten", sagt George Bush, "spiegelt nicht die Natur des amerikanischen Volkes wider." Ungezügelt heult die US-Presse auf. "Verbrecher, amerikanische Verbrecher", hätten dafür gesorgt, dass "diese Geschichte im Nahen Osten zu einem Mythos werden wird, der unser aller Leben überdauern dürfte. Er wird uns verfolgen und helfen, Terroristen zu rekrutieren." Wann hat man je so einen Ton in der New York Post gelesen, Amerikas rechtspopulistischem Pendant zur Bild? Oder The New Republic , linksliberal und für den Krieg: Die Bilder symbolisierten "den totalen Betrug an allem, was wir im Irak erreichen wollten". Im Internet machen sich US-Soldaten Luft. Einer nennt sich "Stryker": "Ihr habt mich persönlich geschändet und alle, die dieselbe Uniform tragen. Sie ist das Bindeglied zwischen jenen, die dienen, einst gedient haben oder künftig dienen werden. Diese Uniform trägt das Blut derer, die im Kampf für ihr Land gefallen sind. Aber ihr habt diese Uniform – meine Uniform! – beschmiert mit den Exkrementen der Barbarei." So klingt es, wenn die eigenen Leute eines der großen Tabus des Westens verletzen.

Kopflose Menschenpakete, namenlose Fleischhaufen

Am Wochenende hat der Skandal noch mal eine neue Dimension erhalten. Seymour Hersh, eine Legende des investigativen Journalismus, der schon das Massaker von US-Soldaten an vietnamesischen Zivilisten in My Lai zu enthüllen half, veröffentlicht im New Yorker den geheimen Untersuchungsbericht des Heeres. Darin wird deutlich: Was zwischen Oktober und Dezember 2003 im Gefängnis Abu Ghraib nahe Bagdad geschah, wussten Armeeführung und Pentagon längst. Sie versuchten, es zu beschweigen und öffentlich sichtbare Konsequenzen zu vermeiden. Das interne Dossier beschreibt eine ganze Serie von "sadistischen, himmelschreienden und mutwilligen Verbrechen". Und zwar: Häftlinge mit "phosphorhaltiger Flüssigkeit" übergießen; mit "Besen und Stuhl schlagen"; an "die Zellenwand werfen"; mit "einem Leuchtstab" sexuell misshandeln; vom "Hund beißen" lassen. Alles durch "detaillierte Zeugenaussagen" und den Fund "extrem anschaulicher fotografischer Beweismittel" belegt. Dem Bericht werden die Aufnahmen wegen ihres "äußerst sensiblen Charakters" nicht beigelegt. Sie finden aber ihren Weg ins Fernsehen.

Diese Bilder erzählen von einem Dauer-exzess. Zu sehen sind zu amorphen Bergen aufgeschichtete Körper, die nackten Gliedmaßen ineinander verschlungen. Kapuzen machen die Menschenpakete kopflos und identitätslos. Fleischhaufen, die nichts sein sollen als namenlose Materie. Es sind pornografische Unterdrückungsszenen. Ein Bild zeigt die junge Gefreite Lynndie England, wie sie grinsend auf die Genitalien eines offenbar zur Masturbation gezwungenen Häftlings zeigt. Ein Zeuge berichtet: "Ich sah zwei nackte Häftlinge. Der eine masturbierte, während der andere mit offenem Mund vor ihm kniete. Ich sah den Unteroffizier Frederick auf mich zukommen und hörte ihn sagen: ,Schau, was diese Tiere tun, wenn man sie auch nur zwei Sekunden alleine lässt.‘ Ich hörte die Gefreite England rufen: ,Er wird hart.‘"

Das Pentagon will nun den Schaden begrenzen. Es lässt Brigadegeneral Mark Kimmitt in jedes Mikrofon sagen, bloß eine "kleine Minderheit" der Wärter habe sich so abscheulich verhalten. Nur in einem Gefängnis, nur in einem Gebäudeblock. Es habe sich "ganz klar" um "Handlungen Einzelner" gehandelt. Und um die werde man sich – in den Worten von George Bush – "kümmern". Die ganze Wachmannschaft sei schon ausgetauscht, weitere Ermittlungen seien eingeleitet. Ein Einzelfall, quasi schon bereinigt.

Doch diese Katzenwäsche stellt die amerikanische Öffentlichkeit nicht zufrieden. Wenn Aufseher während der Misshandlungen für Fotos posieren, "legt das nahe, dass sie von Vorgesetzten nichts zu fürchten hatten", meint Kenneth Roth, Geschäftsführer von Human Rights Watch. Schon der Bericht des Pentagon spricht von "systemhaften" Problemen und einem "Zusammenbruch der Kommandostruktur". Einer der Soldaten beschwerte sich bei Vorgesetzten. Doch nichts geschah. Ein Unteroffizier schrieb am 18. Dezember 2003 per E-Mail nach Hause: "Wir haben eine hohe Erfolgsrate mit unserem Stil. Normalerweise brechen wir die Häftlinge schon nach wenigen Stunden." Er habe einige der Methoden infrage gestellt, aber zur Antwort erhalten: "So will das der Militärgeheimdienst."