Einige sporadische Bemerkungen zu Berichten über die „Folterungen“ in den Gefängnissen im Irak; von den – wie man gelegentlich liest – „irakischen Gefängnissen“ zu sprechen, verbietet sich, denn das sind nicht „deren“, sondern inzwischen „unsere“ Gefängnisse, die des Westens, ob wir nun an dem Krieg teilgenommen haben oder nicht. Die Bemerkungen sollen der Präzision dienen.

Folter: Wurde dort gefoltert? Ja – und nein. Im landläufigen Sinne ja, im präzisen Sinne: Nein! Und gerade weil dort im präzisen Sinne nicht gefoltert wurde, waren dies horrende Verbrechen. Wie das?
Unter Folter verstehen wir, begrifflich genau, die Anwendung von Gewalt in einem justiziellen Verfahren. Die Folter stammt aus dem Inquisitionsprozess, dessen – für uns heute kaum noch historisch verständlicher – Zivilisationsgewinn darin bestand, dass niemand ohne ein Geständnis zu kapitalen Strafen verurteilt werden durfte. Wir sehen inzwischen natürlich, wie teuer damals das Erfordernis eines Geständnisses erkauft wurde – nämlich durch eine widerlich grausame Behandlung des Angeklagten und durch viele falsche Geständnisse. Die unschuldig Beschuldigten wurden dabei doppelt misshandelt – durch die ungerechtfertigte Folter sowie durch die ungerechte Strafe. Aber immerhin: Es handelte sich um ein justizielles Verfahren, zur Beweissicherung erdacht.

Was in „unseren“ Gefängnissen im Irak geschah, hatte mit justiziellen Verfahren nichts, aber auch gar nichts zu tun; die westlichen Besatzer führen Krieg, also keine Strafverfahren durch. Im Kriege aber gilt: Ein Kriegsgefangener ist ebenso ehrenhaft zu behandeln wie die eigenen Soldaten, vor allem aber darf er nicht zu Aussagen über irgendetwas gezwungen werden – das Gegenteil also dessen, was die Folter im Justizverfahren beabsichtigt; ja, der Kriegsgefangene darf von seinen Besiegern nicht einmal vor ein Gericht gezerrt werden. Schon gar nicht dürfen die siegreichen Soldaten selber Justiz spielen. Soldaten sind untereinander Feinde, sind im äußersten Sinne: Partei – Richter sind es für den Angeklagten nicht, sondern eben unparteiische Richter.

Dies mag alles sehr haarspalterisch klingen – aber erst bei exakter Betrachtung zeigt sich das volle Maß der Perversion, die komplette Travestie all dessen, wofür der Westen steht und/oder sogar Krieg führt.

Ein zweites: Die eigentliche „Dehumanisierung“, die sich in den uns vorgelegten Photos spiegelt, wird deutlich, wenn man sich deren makabre Verkehrung vergegenwärtigt: Da werden den Gefangenen die Gesichter, in denen sich Würde und Individualität der Person unverwechselbar vorstellen, verhüllt (ja, genommen) – wohingegen sie die Genitalien, die der Mensch seit Adam und Eva, weil er sich erkannt fühlt, schamhaft verdeckt - entblößen müssen. Das ist sozusagen die unüberbietbare Perversion des Verbrechens an sich – denn der gemeine, also gewöhnliche Verbrecher verhüllt sein Gesicht: Er weiß wenigstens, dass er sich mit seiner Tat nicht sehen lassen darf, und sei es nur, damit er nicht festgenommen wird. Diese Kriegsverbrecher aber verhüllen nicht nur nicht ihr Gesicht, sondern sie lassen sich auch noch stolz photographieren – unwiderlegliches Zeichen dafür, dass sie weder – wie Adam und Eva – sich schämten, noch – wie gemeine Verbrecher – wenigstens unerkannt bleiben wollten. Und das taten sie, weil sie im Einverständnis mit allen zu handeln gewiss waren, vor denen sie sich hätten schämen und verantworten müssen. Dass sie dies je denken oder annehmen konnten, ist der eigentlich Vorwurf an Bush und Konsorten – ein Vorwurf, der durch nichts mehr aus der Welt geschafft werden kann, weder durch Disziplinarstrafen hernach oder nachgerufene Entschuldigungen.