Die Geschichte kennt Beispiele verpasster Gelegenheiten zur Reform. Das klassische ist das China des 16. Jahrhunderts. Hatte das Reich nicht stolze Schiffe? Den Buchdruck? Gelehrte? Es half alles nichts. Die Bürokratie erstickte jede Initiative; die Flotte diente der Repräsentation, und die Druckwerke dienten vorwiegend der Verherrlichung sowie dazu, die Gebetsmühlen zu ergänzen. Wozu also etwas ändern? So dachte man. Dann kam Europa, und China fiel zurück.

Auch die Deutschen haben heute vieles: exzellente Forscher, Ingenieure, High-Tech-Firmen. Seit vergangener Woche beispielsweise ist das erste Medikament einer deutschen Bio-Tech-Firma in den Apotheken erhältlich. Ansonsten verkauft Deutschland seine Autos in alle Welt und nennt sich selbst "Exportweltmeister". Wozu also etwas ändern?

Doch die Globalisierung, und das ist nicht ihre schlechteste Wirkung, zwingt dazu, kritischer hinzusehen. Nimmt man den Anteil der Naturwissenschaftler und Ingenieure an der Beschäftigtenzahl, dann steht Deutschland nur auf Rang zehn. Auch die positive Exportbilanz trügt: Viele Vorprodukte kommen aus dem Ausland; der Weltmarktanteil an forschungsintensiven Gütern verringert sich; wir importieren mehr Spitzentechnik, als wir exportieren; die Bilanz der technologischen Dienstleistungen ist gleichfalls negativ; die Zahl der neu gegründeten forschungsintensiven Unternehmen sinkt von Jahr zu Jahr; die kleinen und mittleren Unternehmen ziehen sich zusehends aus Forschung und Entwicklung zurück. Und dem soeben von der Bundesregierung vorgestellten Biotechnologiereport 2004 zufolge geht’s auch in dieser Zukunftsbranche mit allen Kenngrößen abwärts: Mitarbeiter, Umsatz, Ausgaben für Forschung und Entwicklung.

Des Kanzlers Parole ist also richtig: Innovation! Und tatsächlich werden jetzt viele Ideen umgesetzt – in ebenso viele Papiere. Monatelanges Gezerre, dann ein träges Konvolut und ein schläfriger Kongress der SPD-Bundestagsfraktion, begleitet vom Konvoi anderer papierner Dickschiffe. Allein in diesem noch jungen Jahr hat das Forschungsministerium Gedrucktes von mehr als 35 Megabyte Umfang zusammengeheftet, chinesische Gebetsmühlen eben, und die Stoßgebete klingen dann so: "Deutschland. Das von morgen". Franz Müntefering spricht nicht mehr vom "Jahr", sondern vom "Jahrzehnt der Innovation". Warum nicht gleich ein Jahrhundert? Vom "Aufbruch in den Nanokosmos" wiederum kündete ein wortreicher Antrag der Regierungsfraktionen, der gleichfalls nichts Fassbares enthielt. Als er vergangene Woche im Bundestag zur Debatte stand, war kaum jemand anwesend. Eine SPD-Abgeordnete verbreitete unbekümmert, man knüpfe "ein Nanonetzwerk". Das geht schon in Ordnung, "Nanos" heißt auf Deutsch "Zwerg".

Die Regierung etikettiert alte Programme um, sodass sich die Förderung der Nanotechnik wie von selbst erweitert: Was früher Optik oder Chiptechnik hieß, ist jetzt total nano. Hatte sich das Kabinett 1998 noch daran gemacht, die Kohlsche Verwahrlosung des Forschungsetats zu bereinigen, vernachlässigt auch sie diesen Posten seit zwei Jahren. Angesichts des Schuldendebakels soll es 2005 gerade mal 250 Millionen Euro mehr geben – nur ein Schelm denkt dabei an die Summe, die sich aus den Zinseinnahmen ergäbe, verkaufte die Bundesbank einen Teil ihres Goldes. Dabei weiß auch die Forschungsministerin Bulmahn sehr gut, was notwendig ist. Erstens: deutlich mehr Geld für die freie Grundlagenforschung. Zweitens: großzügigere Zuschüsse und Steuererleichterungen für innovative Unternehmen, besonders für Neugründungen. Drittens: Brandrodung des Dickichts einer mandarinhaften Wissenschaftsbürokratie, die Forscher und Unternehmer mit ihrem Antrags- und Formularwesen schikaniert.

Alles das ginge zulasten Dritter, kostet also Kraft. Diese Regierung bringt sie nicht mehr auf. Allenfalls pumpt sie sich Forschungsgeld am Kapitalmarkt. Die Opposition wiederum verweigert jede Auskunft darüber, wem sie etwas nehmen würde, um es der Forschung zu geben.

Zweieinhalb Jahre sind es bis zur Bundestagswahl. Voraussichtlich. Diese Spanne mag das Land aushalten, doch wenn bis dahin nicht ein solcher Innovationsdruck aufgebaut ist, dass die nächste Regierung zum Umsteuern gezwungen ist, dann: siehe China. Das von gestern.