Der Krieg war noch längst nicht gewonnen, da machte sich ein siegesgewisser Winston Churchill im November 1943 Gedanken über den späteren Umgang mit den "weltweit Geächteten", der politischen und militärischen Elite der Nazis: Fünfzig bis hundert von ihnen sollten "ohne Überweisung an eine höhere Gewalt erschossen werden". Der Racheakt scheiterte am Widerstand Roosevelts und Stalins. Der eine bevorzugte die amerikanische Rechtstradition, der andere wünschte sich einen Schauprozess. Die Angeklagten des Nürnberger Prozesses wurden verhört, jeder Einzelne bis zu vierzigmal. Gefoltert wurden sie nicht.

Die Verheerungen des Zweiten Weltkriegs, vor allem aber die deutschen Kriegsverbrechen hatten den dünnen Zivilisationsfirnis über bewaffneten Konflikten abgetragen. Die Neufassung der Genfer Konvention vom 12. August 1949 sollte ihn wiederherstellen. Befragt, was er von jenem Vertrag halte, erwiderte der amerikanische Verteidigungsminister Donald Rumsfeld vor Jahresfrist, die Antwort überlasse er seinen Rechtsanwälten; von "internationalem Gepluster" halte er gar nichts.

Der Mann mit Kapuze wird zur Ikone des Terrorismus

Seit der Offenlegung der amerikanischen Folterskandale im Irak haben die Pentagon-Juristen eine neue Beschäftigung gefunden, zumal sich herausstellt, dass das Internationale Rote Kreuz die "Mißstände" bereits im Oktober 2003 ebenso detailliert wie diskret gemeldet hatte. "Unsere Berichte waren schlimmer als die Fotografien", erklärt die Sprecherin der Genfer Organisation.

Joschka Fischer, der am Dienstag nach Washington geflogen war, um die Chancen einer neuen Nahost-Strategie auszuloten, traf auf Politiker, die, von furchtbaren Bildern geschockt, eher auf Amerikas Gegenwart als in die Zukunft schauen möchten. Beschädigt ist das strahlende Selbstbewusstsein; auch passen die pornografisch-sadistischen Fotografien nicht zum heroischen Image der eigenen Berufsarmee. Und ganz gewiss sind die Aufnahmen aus dem Abu-Ghraib-Zuchthaus keine Belege für die mission civilisatrice, mit der George W. Bush den Einmarsch in den Irak rechtfertigte, nachdem sich der erste Kriegsgrund, die Beseitigung von Saddam Husseins Waffenvernichtungswaffen, in Luft aufgelöst hatte. Das politisch-moralische Debakel, das sich inzwischen in England wiederholt, könnte kaum größer sein. Im Irak droht sich die chaotische Nachkriegszeit spätestens am 30. Juni in eine Vorkriegszeit zu verwandeln. Jeder amerikanisch eingesetzten Übergangsregierung ist eine bis vor kurzem noch denkbare Legitimität abhanden gekommen.

In den arabischen Ländern, in denen routinemäßig gefoltert oder öffentlich hingerichtet und bisweilen auch gesteinigt wird, gelten die digitalen, elektronisch weit verbreiteten Folterfotos als Dokumente westlicher Hybris. Die mediale Verwandlung solcher Demütigung in ein Gefühl religiöser, ethischer und kultureller Überlegenheit über "den Westen" gehört zu den dialektischen Kraftzentren des islamischen Fundamentalismus. Er erneuert sich im Zeitalter der Massenkommunikation mit jedermann zugänglichen, frischen Ikonen der eigenen Niederlage: Das Bild des Kapuzenmannes an Elektrodrähten hängt fortan in der stets geöffneten imaginären Fotogalerie muslimischer Leidensgeschichten – von den Toten der Palästinenserlager im Libanon bis zu jenem Vater, der mit seinem Sohn ins palästinensisch-israelische Kreuzfeuer geriet. Aus den individuellen Schicksalen wuchert ein allgemeiner Opfermythos, der sich mit jedem Selbstmord-Attentäter fortschreibt in eine panarabische Märtyrerlegende, in der schließlich ihr emotionales Geheimnis zutage tritt: Rache. Gegen derlei Gefühle hat eine amerikanisch geführte irakische Zivilverwaltung keine Chance.

Rache ist das archaische Motiv des Terrorismus. Es schöpft neue Kraft aus den Folterfotos, und es verbirgt sich nur knapp unter der Oberfläche des sprunghaft angestiegenen Antiamerikanismus in der muslimischen Welt. Der Rückhalt der prowestlichen Regierungen jener Länder ist bei ihren eigenen Bürgern inzwischen schwächer denn je zuvor.