Die Show beginnt morgens um neun, der Uni-Präsident tritt ans Mikrofon. Er wird nicht lange sprechen, zehn Minuten vielleicht. Aber diese zehn Minuten haben es in sich. Jede Geste ist einstudiert, jeder Satz wohlüberlegt. Für den Präsidenten sind es die wichtigsten Minuten, für seine Hochschule in Washington D.C. ist es der wichtigste Tag des Jahres. "Ich weiß", sagt Benjamin Ladner in die Menge, "dass Sie alle sich auch bei unseren Konkurrenten umschauen."

Die Sporthalle der Hochschule ist hergerichtet für diesen Moment. Jede Wand zieren Embleme mit dem blau-roten Logo der American University (AU), eine von acht größeren Hochschulen in der amerikanischen Bundeshauptstadt. Von der Decke hängen Raumteiler herab, damit sich die Gäste nicht verloren fühlen in der weiten Arena. Ein paar hundert Schulabsolventen sitzen auf der Tribüne. Alle haben sich für das kommende Studienjahr beworben, alle sind angenommen. Jetzt sind sie mit ihren Eltern nach Washington gekommen, um sich zu entscheiden, ob sie der American University den Zuschlag geben. Sie sind Kunden auf dem Hochschulmarkt. 36000 Dollar kostet ein Hochschuljahr samt Unterbringung. So ein Vermögen will gut angelegt sein. Ist die American University die richtige Hochschule – oder doch lieber eine andere?

Ladner beginnt mit einer Schmeichelei: "Sie werden die richtige Entscheidung treffen, schon weil Sie schlauer sind als andere. Sonst wären Sie bei uns gar nicht angenommen worden." Hier spricht kein Uni-Präsident, hier spricht ein Vertreter. Sein Produkt heißt Bildung. Die AU lebt von Studiengebühren. 90 Prozent des Haushalts zahlen Eltern. Mögen Harvard und die anderen Giganten des Bildungsmarktes die Milliarden ihrer Stifter nähren, die AU hat nur einen kleinen Kapitalstock. Der Orientierungstag ist eine harte Verkaufsveranstaltung.

Wer Ladner zuhört, muss annehmen, es gehe hier nicht um einen Studienplatz, sondern um eine Stelle im Weißen Haus. "Ganz Washington", sagt er, "ist ein vergrößerter Hörsaal der American University." Wer hier studiere, bekomme "sofort Zugang" zu allen wichtigen Institutionen der Hauptstadt: Weltbank, Außenministerium, Kongress. Ladner erzählt, wie Dozenten zwischen Jobs in der Regierung und Seminarräumen pendeln. Studenten bekommen – "kein Problem!" – überall Praktika und lernen wichtige Leute kennen. Wer hier studiert, suggeriert Ladner, gehört bald selbst zu den Mächtigen. Ladner brüstet sich nicht mit wissenschaftlichen Höchstleistungen. Die AU ist gut, aber nicht herausragend – im Ranking 98 Plätze hinter Harvard und Princeton. Dafür kann kein College so viel räumliche Nähe zur Macht bieten. Verkauft werden Aufstiegschancen. "Überzeugen Sie sich selbst", ruft Ladner, und Hunderte setzen sich zum Rundgang in Bewegung.

Obwohl mitten in Washington gelegen, ist der Campus eine subtropische Parklandschaft. Zwischen Bäumen und Wiesen haben Planer Kollegiengebäude aus Sandstein für 11000 Studenten hingewürfelt. Heute ist alles besonders schön herausgeputzt. Die Stiefmütterchen in den Beeten stehen in Reih und Glied, kein Unkraut traut sich aus dem Mulch. Zwei Tage vor dem Orientierungstag ist "Campus-Verschönerung". Da helfen alle Angestellten, heben jedes Kaugummipapier auf, das zahlenden Eltern in den Blick geraten könnte. Putzkolonnen feudeln jeden Gang. Vor Wochen hat ein Team das Gelände inspiziert und Reparaturaufträge vergeben. Die Konkurrenz unter den Hochschulen zwingt dazu, nichts schmuddeln zu lassen.

Parkgebühr von 1100 Dollar

Und dann ist da noch das Wetter. Was haben sich die Organisatoren gesorgt! Regnen sollte es laut Vorhersage, in Strömen sogar. Da kommen die Auserwählten aus dem ganzen Land, und der Himmel hängt grau über der American University. Vielleicht haben die konkurrierenden Hochschulen zufällig schöneres Wetter zur Orientierung zu bieten. 12000 Schulabgänger haben sich bei der American University beworben, rund die Hälfte wurde angenommen, aber nur 1250 dürften sich am Ende immatrikulieren. Denn fast alle Aspiranten sind von mehreren Hochschulen gleichzeitig akzeptiert. Gut sind alle Unis dieser Preisklasse, und Qualitätsunterschiede in der Lehre schwer zu beurteilen. Am Ende entscheiden die "weichen" Faktoren. Ein einzelner Eindruck kann im beauty contest den Ausschlag geben. Doch gemach: Gerade rechtzeitig kommt die Sonne hervor. Der Campus strahlt. Langsam schiebt sich die Menge auf einen grauen Kasten namens Letts Hall zu. Rund 10000 Dollar für die Unterbringung sind in der Studiengebühr enthalten. Man wird sich also erkundigen dürfen, was geboten wird. Das Foyer des Studentenwohnheims sieht reichlich gewöhnlich aus. Eine Rezeption, winzige Schließfächer, durchgesessene Sofas. Als die Dame von der Hochschulverwaltung zu sprechen beginnt, eröffnet sich in der grauen Realität eine ganz neue Welt.

Fast alle Erstsemester, sagt sie, würden auf dem Campus in Doppelzimmern untergebracht; andere Colleges könnten das nicht bieten. Man könne wählen: zwischen Fluren, auf die nur die Studenten mit den besten Noten kämen, und solchen, auf denen sich 74 Nationen die Zimmer teilten. Oder solchen mit Studenten, die sich in ihrer Freizeit in den armen Gegenden Washingtons sozial engagierten. Das alles schaffe "eine echte Gemeinschaft".