Er kam wie ein Sturm und wirbelte viel Staub auf. Er spielte Beethoven und dirigierte ein Jugendorchester, er gab eine Pressekonferenz und Klavierstunden für Kinder. Er hat Menschen beglückt und zur Weißglut getrieben, Hoffnung und Zorn hinterlassen. Daniel Barenboim brauchte dafür vier Tage, vier Tage zwischen Ramallah und Jerusalem.

In Ramallah hatte der Dirigent gesagt: "Als Musiker kämpfe ich gegen zwei Dinge: gegen zu viel Lärm und gegen die Stille. Lärm, das sind für mich Panzer, Bomben und die täglichen Gewaltandrohungen auf beiden Seiten. Stille ist das Schweigen der Mehrheit."

Vier Tage später, im israelischen Parlament, wo er den Wolf-Preis entgegennahm, wird er noch deutlicher. Er zitiert die israelische Unabhängigkeitserklärung von 1948. "Der Staat Israel wird sich der Entwicklung dieses Landes zum Wohle aller seiner Menschen widmen. Er wird gegründet sein auf den Prinzipien von Freiheit, Gerechtigkeit und dem Wohl aller seiner Menschen, geleitet von den Visionen der Propheten Israels. Er wird allen seinen Bürgern ohne Ansehen der Unterschiede ihres Glaubens, ihrer Rasse oder ihres Geschlechts die gleichen sozialen und politischen Rechte garantieren."

Barenboim beruft sich auf die Gründerväter des Staates Israel, die sich verpflichteten, Frieden und gute Beziehungen mit allen Nachbarstaaten und -völkern anzustreben, und schließt mit den Satz: "Kann das jüdische Volk sich erlauben, so gleichgültig gegenüber den Rechten und Leiden eines Nachbarvolkes zu sein?"

Der Saal ist in Aufruhr. Die Erziehungsministerin Limor Livnat beschwert sich darüber, dass "Herr Barenboim dies Podium benutzt, Israel anzugreifen". Das Jurymitglied Menahem Alexenberg hält ein Papier mit dem Schriftzug "Musik macht frei" empor, eine giftige Anspielung auf das "Arbeit macht frei" über dem Tor von Auschwitz. Der Staatspräsident Moshe Katzav erklärt, Barenboim verdiene wegen der "unpassenden" Rede eine Verurteilung.

Mit Geige durch den Kugelhagel

Schon scheint vergessen, dass Barenboim mit einer Botschaft der Versöhnung nach Israel gekommen war, mit der Vision, "dass dieser Wahnsinn eines Tages beendet sein wird, dass in Palästina zwei Staaten in Freiheit und Gleichheit in friedlicher Nachbarschaft existieren und dass dieses Land eine der fruchtbarsten Regionen der Welt sein wird, die Brücke zwischen Europa und Asien". Das Preisgeld von 100000 Dollar will er für musikalische Erziehungsprojekte in Israel und Ramallah spenden.

Daniel Barenboim, 61, Generalmusikdirektor der Staatsoper Unter den Linden und Chef des Chicago Philharmonic Orchestra, Ausnahme-Pianist, Sprachgenie, engagierter Humanist. In Buenos Aires als Kind russisch-jüdischer Eltern geboren. Mit zwölf lud ihn Wilhelm Furtwängler ein, in Berlin zu konzertieren. Aber der Vater fand, es sei noch zu früh für ein jüdisches Kind, neun Jahre nach dem Ende des Holocaust in Berlin aufzutreten. Die Familie lebte inzwischen in Israel.