In Israel wurde das Wunderkind zum Enfant terrible, als er im Sommer 2001, als Zugabe eines Konzerts beim Jerusalem Festival, Musik aus Richard Wagners Tristan und Isolde dirigierte. Der Kulturausschuss des israelischen Parlaments erklärte Barenboim daraufhin zur Persona non grata in Israel. Er bekam Hausverbot in der Knesset, was insofern delikat war, weil ihm dort schon im vorigen Jahr der Wolf-Preis verliehen werden sollte, der nur an herausragende Wissenschaftler und Künstler vom israelischen Staatspräsidenten vergeben wird.

Die Friends Boy School in Ramallah ist eine grüne Insel im Gewühl der Stadt. Ein Meer von Blüten bedeckt die Fassade, Vögel zwitschern, es ist ein Ort des Friedens. Kaum vorstellbar, dass im Nachbarhaus, einer Polizeiwache, zwei israelische Soldaten gelyncht wurden. Anderthalb Jahre ist es her. Die Bilder der blutigen Hände am Fenster gingen um die Welt. Immer wieder schlugen Raketen in die Polizeiwache ein, eine traf die Friends Boy School und zerstörte sechs Klassenräume.

Probe am Nachmittag. Es ist das erste Mal, dass Daniel Barenboim seinem Orchester begegnet, ein historischer Moment. Zum ersten Mal seit 1936 gibt es ein Orchester in Palästina, ein Jugendorchester. Ein Notenblatt fällt der jungen Cellistin zu Boden. Der Maestro bückt sich, hebt es auf, ohne den Redefluss zu unterbrechen, legt es auf das Pult und zeigt ihr, wie sie den Bogen führen muss. "Es ist unglaublich, wie weit Sie sind", sagt er.

Wie konnte das gelingen? Im Oktober kam die Deutsche Anna-Sophie Brüning, 31, Geigerin und Dirigentin mit frischem Examen. Ramallah war ihr erster Job. Und was für einer: ein Orchester aufbauen aus dem Nichts, in einer fremden Kultur, mit Kindern, die gewohnt sind, einen Stoff nachzubeten, statt frei damit umzugehen. Es gab einige Schüler am Konservatorium, aber "die Ausbildung war sehr brüchig", sagt die Dirigentin diplomatisch.

Schon bald meldeten sich viel mehr Schüler, als sie aufnehmen konnte. Kollegen aus Deutschland kamen dazu. Einen Vertrag hatten sie nicht, nur das Wort Barenboims und die Freude an den Kindern. "Sie sind superbegabt", sagt der Trompeter Christoph Dürr, "und wahnsinnig motiviert. Sie reißen einem das Instrument förmlich aus den Händen und sind todunglücklich, wenn eine Probe zu Ende ist." Stolz erzählen die musikalischen Aufbauhelfer vom hyperaktiven Geiger, den sie an die Pauke ließen, um die Geige zu retten. Nun ist er der King. Oder von der hoch begabten Cellistin, die vor vier Wochen noch ziemlich schlecht Geige spielte.

Von dreißig jungen Musikern kommen vier aus Bethlehem. Wenn sie kommen. Die Stadt liegt zwar nur wenige Kilometer entfernt, doch die Straße ist für Palästinenser gesperrt, die Reise dauert sechs Stunden. Checkpoints und Kontrollen machen es schwer, pünktlich zu den Proben zu erscheinen. Einmal war das Haus umstellt. Draußen wurde geschossen. "Die Kinder nehmen es total cool. Sie sind so aufgewachsen", aber für die junge Musikerin aus Deutschland war es ein Schockerlebnis.

Palästina im Mai 2004. Orte sind abgeschnitten; der Sperrzaun frisst sich im Zickzackkurs durch die israelisch besetzten Gebiete, teilweise als Mauer, neun Meter hoch, ein Monstrum. Der künftige Staat Palästina nimmt groteske Formen an, besteht aus Inseln im Meer aus weißem Staub, die Nablus oder Jenin heißen. Dazwischen Festungen der israelischen Siedlungen, zu denen perfekte Asphaltstraßen führen, auf denen niemand seines Lebens sicher ist.