Freitagmorgen in Ramallah. Die heimliche Hauptstadt Palästinas ist voller Zeichen des Zorns, Plakate zeigen die von Israel liquidierten Führer der Intifada mit Maschinenpistolen in der Hand. Aber unübersehbar ist auch der Glanz schwerer Limousinen und teurer Offroad-Mobile. In Ramallah lebt die Elite des Landes, fließt ein steter Strom von Dollar aus den Quellen vieler Hilfsorganisationen.

Die Stadt ist ruhig, Läden und Basare sind geschlossen. Nur an der Friends Boy School stauen sich Fahrzeuge. Barenboim gibt einen Workshop für den palästinensischen Nachwuchs am Klavier, öffentlich, alle sollen es sehen. Auch dies ist ein Symbol. Die Musiker, Kinder noch, von Kameras umstellt, die Weltpresse richtet ihren scharfen Blick auf einen intimen Moment: Die 16-jährige Celine Khoury spielt Claire de Lune, musikalisches Mondlicht von Debussy; sie spielt es innig, empfindsam. Der Weltstar sitzt neben ihr, blättert um. Und um sie herum zwitschern Mobiltelefone, zersägt schnarrende Kameratechnik das feine Gewebe der Tonfolgen.

Der Maestro macht dem Spuk ein Ende. Die Fotografen müssen die Bühne verlassen. Dafür kommen neue Pianisten, die Hoffnungen Palästinas, und erfahren, wie der Fluss der Energie in die Fingerspitzen gelangt und dass Pianisten niemals mit zwei Händen spielen, sondern immer mit zehn Fingern. Zwei Hände braucht man für Messer und Gabel.

Ein Mädchenchor der Flüchtlinge

Am Abend erlebt die feine Gesellschaft von Ramallah Daniel Barenboim, den Pianisten, lauscht Beethoven-Sonaten, fremde Klänge für viele. Applaus nach jedem Satz. Und dann beginnt das Palästinensische Jugendorchester in Gründung sein erstes Konzert, spielen dreißig junge Musiker fetzige Motive aus Carmen und einen slawischen Tanz von Dvo≤ák. Ach ja, es klappert hier und da, man spielt gemeinsam, aber nicht immer zusammen. Doch es zählt nur, dass dieses Orchester überhaupt existiert. Das ist die Sensation, das Symbol, das der Dirigent in die Welt setzen wollte. Überschäumender Applaus, Tränen der Freude.

Das Projekt weckt Hoffnungen. Ein neuer Konzertsaal soll im Herbst eröffnet werden, ein Kindergarten für musikalische Früherziehung ist geplant, einen Mädchenchor gibt es schon, rekrutiert aus begeisterten Anwärterinnen des nahen Flüchtlingslagers. So fällt auch etwas Licht auf die Armen.

Am Sabbat leuchten Freudenfeuer überall in Israel, die Tradition des Lag Ba’omer, die unter anderem an den Aufstand gegen die Römer erinnert. Barenboim gibt in Jerusalem ein Konzert, spielt Beethoven. Als der letzte Ton verklungen ist, klappt er den Flügels zu, schiebt den Hocker unter das Instrument und bedankt sich mit einer Verbeugung für den Applaus. – Diesmal hier keine Zugabe.