An der einen Tafel wird grün gespeist, an der anderen rot. Rote Grütze, rote Äpfel, Spaghetti pomodoro, Erdbeeren, Tomaten, Peperoni. Die Tischgesellschaft schaut etwas ergeben drein, appetitlos, als sei sie schon satt gewesen, bevor sie Platz genommen hat. Sechzehn Damen links, sechzehn rechts. Manche in seraphisch luftigen Gewändern, andere nur mit Volants um Knöchel, Hals und Handgelenk. Muss schon anstrengend sein, so bloßhüftig vor Publikum und Kamera Johannisbeeren von der Rispe zu zupfen.

Wer bei Vanessa Beecroft mitmacht, weiß, worauf er sich einlässt. Entweder farbig essen oder nackt rumstehen. Varianten sind erst in Ausarbeitung. Das Werk ist so jung wie die Künstlerin. Es war Mitte der neunziger Jahre, als wir die ersten wandfüllenden Fotoarbeiten der heute 35-Jährigen gesehen haben, Dokumente eigentümlicher Veranstaltungen, bei denen gestylte Models in gestylten Räumen standen und nichts anderes zu tun hatten, als ruhig zu stehen. Vorzugsweise Nacktdarstellerinnen, mit weißen oder roten Perücken angetan, auf Schnürsandalen, präzisionsgeschminkt, Scham rasiert. Einzige Drehbuchanweisung: Stillstehen, bis die Beine wehtun.

Es hat nicht ausbleiben können, dass sich bald Kritiker, Kritikerinnen unter die Zuschauer mischten, "Dressur!" riefen und verstörende Nacktheit ausmachten, seelenlose Bloßstellungen, mutwillige Verstöße gegen die Gender-Konvention. Ist es so?

Gute Gelegenheit, die erstinstanzlichen Urteile zu überprüfen. Die Kunsthalle Bielefeld hat für die in Genua aufgewachsene Künstlerin ihr ganzes edles Haus leer geräumt. In einer eleganten Mischung aus Abstraktion und Einfühlung gibt Thomas Kellein einen Überblick über zehn Jahre Beecroft-Performances: Zeichnungen, Polaroids, große mehrteilige Fototafeln, Film- und Videoprojektionen.

Lauter Dienstleistungskörper

Nichts fehlt hier so sehr wie das Begehren. Das muss auch dem auffallen, der die eigentümliche Arbeit gleich einmal skandalisiert. Was diese Körperparaden so befremdlich erscheinen lässt, ist nicht die Gnadenlosigkeit der Nacktheit, ist eher die artifizielle Coolness, die enorme Unlust, die da inszeniert worden ist. Wie eine Casting-Agentin geht Vanessa Beecroft mit ihrem Personal um. Es sind Körper, die für eine Dienstleistung bezahlt werden. Beziehungen sieht das Konzept nicht vor. Die Künstlerin stellt an und stellt auf und hält sich abseits. Nie ist sie dabei.

Sie schätze, sagt Vanessa Beecroft, Professionalität. Auch so ein Tarnwort. Genau besehen sind es Gesichter, deren Anmutung die Leerstelle zwischen Typ und Persönlichkeit besetzen. Köpfe mit Gestaltungswillen kann die Künstlerin nicht gebrauchen. Beim Performance-Film mit der Ordnungszahl VB 51 gehört Hanna Schygulla zum Aufgebot. Alle tragen Engelsweiß, die Primadonna hat auf dem großen Schwarzen bestanden. Alle verhalten sich nach Kräften still. Die Tragödin hält nichts an ihrem Platz. Singend schleicht sie durch den Körperwald und flattert mit den Armen wie eine Klytemnaistra aus dem Stadttheater. Die schauspielerische Einlage fingiert Skript, wo keines ist. Sie stört. Sie zerstört die Bühne ohne Drama, die so lange Bestand haben soll, bis sie sich in der Erschlaffung der müde gestandenen Körper selber zerstört.

Beecrofts Künstlichkeitserzwingung ist ein starkes, auch ein wenig verzweifeltes Zeichen für den Triumph der Form über die Natur. Die jungen Frauen auf den Fototafeln stehen nicht einfach da. Sie stehen an ihrem Platz. Es sind scharfe Grenzen zwischen ihnen. Grenzen, die an den Körperoberflächen verlaufen, entlang der Körpersilhouetten. Es ist, als besetzten die Körper in den Umrisslinien ihren eigenen Raum, verteidigten ihn mit dem Stolz des unverfügbar Eigenen. Wenn die Konturen rissen, wenn die Formen brächen, dann wäre Gefahr der Preisgabe. Dann erst müsste Intimität ausfließen, die die Bilder peinlich machte.