Deutschland gehört mal wieder zu den Letzten. Nicht nur beim Wirtschaftswachstum, auch beim Staatsdefizit. Während die Bundesregierung auf neue Schulden in Rekordhöhe zusteuert, schaffen es andere EU-Länder sogar, einen Überschuss zu erwirtschaften. In Schweden, Finnland und Dänemark nahm der Staat in den vergangenen Jahren jeweils mehr Geld ein, als er ausgab.

Was haben diese Länder anders gemacht als Deutschland?

Ganz einfach, sie haben gespart. Allerdings haben sie nicht immer gespart, nicht in jedem Jahr. Und vor allem haben sie nicht einfach die Staatsausgaben beschnitten, sondern auch dafür gesorgt, dass der Staat wieder mehr Geld einnimmt. "Da spielen viele verschiedene Faktoren eine Rolle", sagt der belgische Ökonom Paul de Grauwe.

Beispiel Schweden: Anfang der Neunziger steckte das Land in einer tiefen Rezession. Die Wirtschaft schrumpfte drei Jahre in Folge. Die Steuereinnahmen brachen weg, 1994 betrug das Haushaltsdefizit 10,5 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung (siehe Grafik), mehr als in jedem anderen europäischen Land in den vergangenen zehn Jahren. Es folgte eine harte Sparpolitik, aber gleichzeitig auch der erfolgreiche Versuch, die Konjunktur anzukurbeln. "Schweden hat seine Währung um rund 30 Prozent abgewertet", so Lars Calmfors, Wirtschaftsprofessor an der Universität Stockholm. Dadurch wurden schwedische Produkte im Ausland billiger. Weil die schwedische Zentralbank gleichzeitig die Zinsen lockerte, begannen die schwedischen Unternehmen erneut zu investieren. Die Wirtschaft wuchs wieder, Ende der Neunziger mit mehr als vier Prozent im Jahr. Die zusätzlichen Steuereinnahmen nutzte die Regierung, um den Staatshaushalt auszugleichen. Seit 1998 erwirtschaftet sie sogar einen jährlichen Überschuss.

Beispiel Finnland: Der Ausgangspunkt war ähnlich wie in Schweden. Eine schwere Rezession Anfang der Neunziger, gefolgt von hohen Haushaltsdefiziten (siehe Grafik). Und die Reaktion? "Auch die Finnen haben ihre Währung deutlich abgewertet und die Zinsen gesenkt", so der Europa-Experte Joachim Volz vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW). Die Staatsausgaben dagegen stiegen zunächst sogar noch an. Die Folgen aber waren die gleichen wie in Schweden. Die Wirtschaft erholte sich schnell, die Staatseinnahmen stiegen, seit 1998 schreibt auch der finnische Finanzminister schwarze Zahlen.

Sowohl Schweden als auch Finnen kombinierten also Fiskal-, Währungs- und Zinspolitik. Auch Großbritannien ging einen ähnlichen Weg, der allerdings der Bundesrepublik heute versperrt bleibt. Erstens, weil sich die deutsche Währung gegenüber der französischen oder holländischen nicht mehr abwerten lässt, seit es den Euro gibt. Und zweitens, weil die Europäische Zentralbank die Leitzinsen für die gesamte Währungsunion festsetzt. Auf etwaige deutsche Sonderwünsche nimmt sie dabei wenig Rücksicht. Dennoch lässt sich offenbar auch unter diesen Bedingungen ein dauerhafter Haushaltsüberschuss erreichen.

Beispiel Dänemark: Die Dänen sind kein Mitglied der Währungsunion, aber de facto betreiben sie keine unabhängige Geld- und Währungspolitik. Die dänische Krone ist fest an den Euro gebunden. Trotzdem war 1996 das letzte Jahr, in dem der dänische Staat mehr Geld ausgab, als er einnahm. Die Gründe liegen zum einen in den Reformen des Arbeitsmarktes. Diese sorgten dafür, dass die Arbeitslosigkeit trotz zuletzt schwachen Wirtschaftswachstums kaum gestiegen ist. Das entlastet den Staatshaushalt. "Gleichzeitig betrieben die Dänen eine stark antizyklische Fiskalpolitik", so DIW-Forscher Volz. Soll heißen, sie haben im Aufschwung die Staatsausgaben im Zaum gehalten und sie dafür in der Abschwungphase erhöht. Was dann wiederum die Krise milderte. Eine Strategie, die sie vor allem von den Deutschen unterscheidet. Nach Berechnung der OECD pflegten hiesige Politiker in den vergangenen zwanzig Jahren im Aufschwung meist das Geld mit vollen Händen auszugeben.

Dafür haben sie dann in Krisenzeiten versucht zu sparen. Ein ökonomisch zweifelhaftes Konzept. "Ein Land kann sich nicht aus der Verschuldung heraussparen, es kann nur herauswachsen", so die Erkenntnis des Bonner Wirtschaftsprofessors Jürgen von Hagen, Autor mehrerer Studien zum Thema. Soll heißen, damit ein Staat seinen Haushalt ausgleichen kann, muss er zuvorderst dafür sorgen, dass die Umsätze wieder wachsen und neue Jobs entstehen.