Gezerre um die Wahl des Bundespräsidenten gab es immer. Trotz beschränkter Kompetenzen kann er über das symbolische Kapital verfügen, das seine Vorgänger angespart haben. In der diffusen Gefühlslage einer larmoyant verdrängenden Nachkriegszeit hat Theodor Heuss mit der Anerkennung der dritten Strophe des Deutschlandliedes für die politische Kultur des Landes eine folgenreiche Weichenstellung vorgenommen. Für die mentale Ausstattung und das politische Selbstverständnis der Republik hatte Richard von Weizsäckers Rede zur vierzigsten Wiederkehr des 8. Mai 1945 kein geringeres Gewicht als Adenauers Politik der Westorientierung. Adenauer hat freilich, als er dann doch nicht Bundespräsident werden wollte, nicht hinreichend unterschieden zwischen dem politischen Einfluss, den er in dieser Rolle hätte ausüben können, und der politischen Macht, von der er damals nicht lassen wollte. Der folgenreiche symbolische Einschnitt der Wahl von Gustav Heinemann – einer "Richtungswahl" – hat dann sogar den Weg zu einem politischen Machtwechsel gewiesen. Niemand stellt die Frage, wie viele Divisionen der Bundespräsident oder die Bundespräsidentin befehligt.

Unwichtig ist das höchste Amt im Staate nicht. So versteht es sich von selbst, dass die politischen Parteien um die Besetzung des Amtes streiten. Weil es darum geht, symbolisches Kapital zu nutzen, kommt es dabei mehr als sonst auf das persönliche Format des Amtsinhabers an. Dessen waren sich die Parteien in der Vergangenheit bewusst. Lübke hin oder her, mit der Wahl unserer Bundespräsidenten haben wir von Heuss bis Johannes Rau eher Glück gehabt. Über den ungeschriebenen Kodex, der bis jetzt beachtet worden ist, haben sich erst die Kuhhändler Merkel und Westerwelle hinweggesetzt. Das von beiden Seiten kurzsichtig und karrierebewusst betriebene Ränkespiel hat nicht nur mit Schäuble Schindluder getrieben, es musste den Kandidaten selbst beschädigen.

Natürlich trifft den Kandidaten keine Schuld an dieser Praxis. Das bewegende Familienschicksal und die persönliche Lebensleistung von Horst Köhler verdienen vorbehaltlosen Respekt. Der berufliche Erfolg, der diesen Mann bis in die Direktion des Weltwährungsfonds geführt hat, stellt auch der Offenheit des Statussystems der alten Bundesrepublik ein gutes Zeugnis aus. Aber warum herrscht, wenn die Reputation der Person unstrittig ist, ein so breites Unbehagen? Unbehagen hat das Verfahren ausgelöst. Und unbehaglich sind die Folgen, die diese Nacht-und-Nebel-Aktion in der Berliner Privatwohnung für die Beeinträchtigung der Rechte des Staatsbürgerpublikums nach sich zieht.

Der öffentliche Umgang mit Kandidaten, die genannt, ja nominiert und dann wieder fallen gelassen wurden, war unappetitlich genug. Aber erst das überraschende Ergebnis des Verfahrens ließ den Charakter des Schelmenstückes erkennen. Als Merkel und Westerwelle nach einer monatelangen Diskussion von Namen aus dem Spektrum weithin sichtbarer Figuren einen ehemaligen Ministerialbeamten aus der Tasche zogen, der breiten Schichten völlig unbekannt ist, wurde vollends klar: Diesen Strippenziehern war nicht nur die Institution des Bundespräsidenten wurscht, wurscht war ihnen auch das berechtigte Interesse der Bürger an der Person, die in der Weltöffentlichkeit im Namen aller Deutschen auftreten wird. Denn wie soll man sich über einen Unbekannten ein Urteil bilden? In der Vergangenheit hatten sich alle Kandidaten für dieses Amt durch ihre vorangehende politische Tätigkeit längst qualifiziert. So konnte man auch von Schäuble und Töpfer wissen, wer sie sind. Beide hätte man sich als Bundespräsidenten vorstellen können.

In dieser Hinsicht war Schröders alerter Gegenvorschlag auch nicht besser. Denn den einen oder anderen Kandidaten konnte nur kennen, wer zufällig mit einem von ihnen in beruflichem Kontakt steht. Um beide zu kennen, muss man schon so weit herumgekommen sein wie Helmut Schmidt. Deshalb müssen die Kandidaten nun schnell noch durch die Parteigremien tingeln. Weil der Bundespräsident nach dem Grundgesetz nicht direkt vom Volk, sondern "ohne Aussprache von der Bundesversammlung gewählt" wird, findet kein Wahlkampf statt, der die mangelnde Bekanntheit kompensieren könnte. Das merkwürdige Schauspiel eines ersatzweise vorgenommenen "Wahlkampfes" zeigt, dass die Mitglieder der Wahlgremien nicht besser dran sind als die Bürger, die ihnen vertrauen sollen. Aber auch diese sollen ihren Vertretern nicht blindlings vertrauen.

Sollen sich die Bürger im höchsten Repräsentanten ihres Gemeinwesens wiedererkennen können, müssen sie sich rechtzeitig von den Personen, die als Bundespräsident in ihrem Namen sprechen werden, ein Bild machen dürfen. Dass Wahlmänner und Wahlfrauen eine wichtige Personalentscheidung treffen, kann in einer Demokratie nicht bedeuten, dass die Bürger aus Mangel an Kenntnis von der Teilnahme an der öffentlichen Kommunikation und Meinungsbildung überhaupt ausgeschlossen werden. Auch eine indirekte Wahl bleibt in den Kontext einer aufmerksam kommentierenden Öffentlichkeit eingebettet. Erst die achtlos in Kauf genommene strukturelle Unbekanntheit der Kandidaten entmündigt die Bürger.

Der Kandidat ließ eilfertig seine Präferenz für Frau Merkel erkennen

Ohne eigene Schuld gerät Horst Köhler in eine Situation, in der er uns als ein unbeschriebenes Blatt begegnet und zu Spekulationen anregt. An ihn kann man nur die Frage richten, warum er sich auf das ganze Spiel einlässt – und warum er nun auch noch vor den wenigen Gelegenheiten zurückschreckt, sich wenigstens in letzter Minute einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Aus dieser Situation macht Gesine Schwan immerhin das Beste: Sie schlägt sich bravourös und beeindruckt durch Geistesgegenwart, souveräne Kenntnisse und glänzende Argumente. Sie hat vor allem ein überzeugendes politisches Temperament.