Wer Hunger hat, hat Pech gehabt. Erst wird Italienisch gelernt, und zwar dalli. Gegessen wird später. Was uns unter dem eigenwilligen Namen "Speating" verkauft wird, ist eine Kombination aus speaking und eating – aus sprechen und essen. Und essen kommt eben erst an zweiter Stelle.

Drei Paare, vier Singles sitzen um den langen Tisch im Weinkeller eines italienisch-französischen Restaurants in München. Wir legen unsere Namen ab und damit alle Hemmungen: Wir werden zu "Maria", zu "Sofia" und "Marco". Als der Kellner, Italiener übrigens, fragt, was wir essen wollen, skandieren zehn Stimmen im Chor "Co-sa mi con-si-glia", wie es der Lehrmeister vorsagt. Empfohlen werden Fischsuppe und Ochsenschwanzterrine, als Vorspeise.

Bis die kommt, hat Michele Di Fiore seinen Auftritt. Ein dünner Halbitaliener mit apulischem Papa – schauspielernder Sprachlehrer. Er wird flüstern und schmeicheln, wird aufspringen und um uns herumrennen, wird Geschichten erzählen und Eselsbrücken bauen. Macht uns aufmerksam, dass grazie altrettanto , "danke ebenso", wie "Grazie alte Tante" klingt. Dass wir, um "wo?" zu fragen, an "Doofe, die immer fragen müssen" denken sollen, dann kommt das Fragewort dove? wie von selbst. Er will uns den Hunger vergessen machen und erschließt uns das Italienische erst einmal übers Essen: penne all’arrabiata sind eigentlich "Stifte, die böse sind", Tira-mi-su heißt "zieh mich hoch", und schon wieder ein paar Worte gelernt.

Beim Prosecco verteilt der Lehrer Bingokarten – zum Zahlenlernen

Wir sollen Italienisch lernen, ohne dass wir es merken. Die Idee dahinter ist: Wer in Mailand shoppen, Wein in Bordeaux verkosten oder auf Mallorca radeln will, hat mehr Spaß, wenn er oder sie ein paar Brocken in der Landessprache kann. Dazu kommt: Die meisten Menschen essen gerne und haben meistens wenig Zeit und noch weniger Lust, regelmäßig einen Sprachkurs zu besuchen. Warum also nicht alles zusammenpacken und bei einem guten, ausgedehnten Essen drei Stunden lang eine Sprache lernen? Ein paar alltagstaugliche Brocken zumindest? Und ein paar Wochen später bei einem zweiten Essen das Ganze intensivieren? Und vielleicht ein drittes Essen dranhängen oder eine Woche Urlaub in Italien – mit Michele? Zum Italienischlernen, versteht sich.

Funktionieren soll das Ganze wie bei Kindern. Die schnappen Worte, Ausdrücke und Redewendungen auf, ohne je nach der Grammatik oder der Schreibweise zu fragen. Und wissen doch, was man wann wie sagt. Wie die Kinder spielen wir zusammen und hören Geschichten. Die von Jupiter (Giove) zum Beispiel, der in die schöne Domenica verliebt ist, aber bei ihr nicht landen kann. Also sucht er Rat bei Luna, Mars, Merkur und Venus – und schon kennen wir die Wochentage: domenica , lunedì, martedì , mercoledì , giovedì und venerdì . Sabato muss man sich eben anders merken.

Dann endlich stehen Fischsuppe und Ochsenschwanzterrine auf dem Tisch. Dazu Weißwein aus den Marken und Rotwein aus Molise. "Paolo" erzählt, den Abend habe ihm seine Freundin zum Geburtstag geschenkt – da sie italienisch spreche, müsse im Italienurlaub bisher immer sie reden. "Elena" bekam den Speating-Abend von Sohn und Freundin geschenkt, "Marco" und "Maria" im echten Leben Gastronomen, lasen davon in der Zeitung und teilen sich jetzt Fischsuppe und Ochsenschwanzterrine. "Fausto", Wirtschaftsingenieur, "nicht sprachbegabt und am Anfang fürchterlich skeptisch", findet die Idee genial – das Essen, die Spiele, das nehme einem die Hemmungen.

Vor dem zweiten Gang, Kalbsrücken und Fischteller, verteilt Michele Bingokarten, die Zahlen haben wir bei Prosecco und Oliven als rhythmischen Marsch kennen gelernt, nach dem ersten Gang wirbeln sie bei manchen wild durcheinander. " Dodici – das heißt 52, oder?", fragt Marco. Als auf "Elenas" trentasei keiner reagiert, ruft sie empört: "Ja, sprech ich denn chinesisch, oder was?" Hinter ihr wuselt Michele um den langen Tisch, wirft Kommentare ein wie " Accidenti! Sag accidenti, wenn du die Zahl nicht hast! Und wenn du sie hast, rufst du ce l’ho!"