Väter Das Tollste und seine Tücken

Wir sind sieben Väter aus einem Geburtsvorbereitungskurs. Wir schwanken zwischen beruflichem Ehrgeiz und väterlichen Ambitionen. Mit viel Stolz – und schlechtem Gewissen

Wir treffen uns so gut wie nie, und das sagt schon eine ganze Menge. Einmal im Jahr, wenn das Jüngste unserer Kinder Geburtstag hat, gibt es eine Party, auf der auch wir Väter uns alle sehen. Manchmal schaffen es zwei oder drei von uns, darüber hinaus noch einen Abend in der Kneipe zu organisieren. Aber da reden wir nach einer Stunde nicht mehr über uns, sondern über unsere Frauen und Kinder. Wir, das sind Torsten, Kai, Oliver, Thomas, Andreas, Martin und ich, und unser gemeinsamer Nenner, das ist eigentlich nur das Mutterdasein unserer Frauen, mit denen wir vor vier Jahren diesen Geburtsvorbereitungskurs besuchten, bei dem auch wir uns kennen lernten. Bis heute sind wir Männer nur die Zweiterlebenden der neuen Familiensituation, denn die Betreuung unserer Kinder ist, wie in der Vorwoche beschrieben, hauptsächlich Aufgabe von Julia, Alex, Elina, Sybille, Ina, Michi und Nicole geblieben.

Wollten wir das so? Und wie gehen wir mit dieser Rollenverteilung um? Darüber reden wir, wenn wir uns mal treffen. Für Soziologen wären wir sicher eine interessante Gruppe: sieben männliche Probanden zwischen Anfang und Ende 30, geboren in den sechziger und siebziger Jahren, also allesamt Söhne der Emanzipation, die den Gleichberechtigungsgedanken schon mit der Muttermilch aufgesogen haben (oder eben darum mit der Stillflasche der Kinderfrau), gleichzeitig aber auch Kinder einer Gesellschaft, deren Mitglieder sich in erster Linie über Erwerbsarbeit definieren – lautet die erste Frage, die der eine deutsche Durchschnittsmann dem anderen stellt, doch stets: »Und was machst du so?« Und gemeint ist damit nicht »im Haushalt«.

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Was passiert also, wenn Männer wie wir Väter werden? Wie viel Karriere wollen wir opfern für ein Kind? Und was ist uns wirklich wichtig im Leben?

Vatersein findet mehr im Kopf statt als auf dem Spielplatz

Anfangs hat nicht jeder von uns letztgültig über diese Fragen nachgedacht, zu vieles ergab sich wie von selbst, ganz biologisch. Schon während der Schwangerschaft war der Aufwand zwischen Männern und Frauen nicht gleich verteilt, und danach ging es so weiter: Weil wir Männer bereits vor der Geburt unserer Kinder mehr verdienten als unsere Frauen, wurde niemand von uns ernsthaft vor die Frage gestellt, ob nicht besser er mit Kind daheim bleiben solle. Während sich der Alltag der jungen Mütter also komplett veränderte, blieb unserer im Takt der Arbeit weitestgehend gleich (von den Nächten mal abgesehen). Wäsche waschen? Kochen? Putzen? Während meine Frau Nicole, nun mit Marie zu Hause, plötzlich auch die meiste Hausarbeit erledigte, die wir uns vorher penibel gleichberechtigt aufgeteilt hatten, hängte ich jetzt mein Büro mit Familienfotos voll. Ich hatte viel Effekt für wenig Aufwand. Wer von uns Männern im Rausch des neuen Glücks nicht aufpasste, dem schien der Vaterstolz nur das Sahnehäubchen auf der Berufsbiografie zu sein.

Und jetzt, fast vier Jahre später?

Wir können mittlerweile viel erzählen. Wie sehr wir uns um unsere Kinder kümmern. Worauf wir beruflich verzichtet haben. Worüber wir uns Gedanken machen. Über den Terror, die Zukunft, die Liebe, die vielen Singles und die kinderlose Gesellschaft sowieso. Das kann sich bis hin zu Forderungen nach hohen Steuern für Kinderlose steigern – Ausbrüche, die schnell den (sehr korrekten) Eindruck erwecken, dass es sich bei Vätern um Wesen voller Widersprüche handelt: Wir halten die gemeinsame Zeit mit unseren Kindern für das Kostbarste überhaupt und lieben doch unsere Arbeit. Wir prahlen mit der Erkenntnis, dass wir erst als Väter ins richtige Leben eingetreten sind, und beneiden unsere kinderlosen Kollegen doch um deren Freiräume. Wir alle haben wunderbare Wunschkinder bekommen, schimpfen aber über die finanziellen Folgen der neuen Familiensituation, als sei da eine unabwendbare Katastrophe über uns hereingebrochen. Und vor allem: Unser Alltag hat sich weniger verändert als der unserer Frauen, und doch haben wir mindestens ebenso viel zu berichten.

Unsere Frauen sind da ruhiger. Vielleicht sind sie zu sehr mit den Kindern beschäftigt. Vielleicht reden sie nicht groß, weil sie von einem Tag auf den anderen Mütter geworden sind, zack, und die Sache hatte sich geklärt. Vater hingegen, das wissen wir jetzt, wird man nicht von heute auf morgen, das tröpfelt bei manchem eher langsam ins Bewusstsein und in den Alltag. Und wenn man dann endlich Vater ist, sollte man immer etwas tun, um es auch zu bleiben: Wir sind dauernd dabei, den ewigen Rückstand gegenüber unseren Frauen aufzuholen, was deren Erziehungsleistung und das Wissen über unsere Kinder angeht. Welche Schuhgröße haben sie gerade noch mal? Welche Telefonnummer hat der Kinderarzt? Welcher ist ihr Lieblingshustensaft? Wir rennen unseren Frauen hinterher und holen sie doch nie ein. Denn wenn wir kurz davor sind, fällt uns auf, dass wir uns auch mal wieder um unsere Arbeit kümmern könnten. Dann drehen wir um und rennen eine Zeit lang in die andere Richtung. Wir sind die großen Lavierer.

So kam mit unseren Kindern und dem großen Glück, sich heute als Mann um Job und Familie gleichermaßen kümmern zu können, auch das schlechte Gewissen in unsere Männerleben. Bei mir schlägt es immer gegen Abend ein: Bin ich noch im Büro, habe ich ein schlechtes Gewissen gegenüber meiner Familie. Bin ich schon auf dem Weg nach Hause, habe ich’s gegenüber der Arbeit.

Man kann sagen, Vatersein findet mehr im Kopf statt als auf dem Spielplatz. Manchmal ist das sehr bequem. Manchmal aber macht man sich auch wirklich Sorgen.

Bei uns sieben Vätern zum Beispiel war es so, dass mit unseren Kindern im Jahr 2000 auch die Wirtschaftskrise kam. Und diese Krise, die einige unserer Frauen während der Babypause gleich den ganzen Job kostete, ließ uns Männer umso fester an die Arbeit klammern. Eine Studie des Bamberger Familienforschungs-Instituts hat ergeben, dass junge Männer nach der Geburt ihrer Kinder meist mehr arbeiten als davor – das aber überwiegend nicht, um vor der neuen Familiensituation zu flüchten, sondern um den Einkommensverlust ihrer Frau auszugleichen und den eigenen Job zu sichern. Was bislang berufliche Selbsterfüllung war, bekam bei manchem von uns existenzielle Bedeutung. Die Arbeitslosenzahlen schienen aus der Tagesschau in unser Leben zu rücken – »und das war nicht nur lustig, weil sich plötzlich ein viel stärkerer Druck als früher aufbaute, im Job erfolgreich zu sein«, sagt Torsten, der Lichtplaner, der in seine Beziehung mit Julia schon seinen heute elfjährigen Sohn Eddi eingebracht hatte. Nun hingen an Torstens Gehalt vier Menschen. »Verantwortung« war von da an mehr als ein stolz dahingesagtes Wort. Für Oliver, den Ingenieur, wurde es zum magendrückenden Gefühl, als er in seiner kleinen Software-Firma, die er anfangs im Wohnzimmer betrieben hatte und deren Computerprogramme er in guten Zeiten bis in die USA verkaufte, sieben von zehn Mitarbeitern entlassen musste.

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