Anerkennend hört Hans Eichel gerade dem Siemens-Chef Heinrich v. Pierer zu, wie der seine Firma präsentiert. Selbstbewusst, routiniert huscht er über den jüngsten Imageschaden, den die chinesische Kritik am Transrapid verursacht hat, hinweg. Der Name Siemens ist ein Markenzeichen, und dieses Weltunternehmen, das fast so weit verzweigt ist wie die katholische Kirche, lässt sich sogar noch steuern. Ob er neidisch wurde beim Zuhören, der deutsche Finanzminister?

Dann ist Eichel dran. Er werde ja wohl hoffentlich etwas zu Berichten sagen, wonach das Kanzleramt unter dem Druck der Steuerschätzung den Sparkurs aufgeben wolle, wird er begrüßt. Eichel: Leider wisse man nicht, ob die Weltwirtschaft so richtig anspringt und ausstrahlt und ob sie auch ihn erlöst. Falls nicht, müsse man vielleicht doch irgendwie nach anderen Wachstumsimpulsen Ausschau halten. Ohne etwas am "Konsolidierungskurs" zu ändern, ich bitte Sie! Es ist noch nicht Mittag, und der Minister argumentiert so, als gehe es vor allem darum, den Abend heil zu erreichen.

Im Publikum sitzt Helmut Schmidt, zu dessen Ehren die SPD das Symposium über die Zukunft der Weltwirtschaft mit v. Pierer und Eichel veranstaltete. Auch er war einmal Finanzminister, sogar "Superminister". Bis zum Ende seiner Amtszeit als Kanzler ist er das auch immer inoffiziell geblieben. Helmut Schmidt saß also da als leibhaftige Erinnerung daran, dass man nicht nur Weltunternehmen, sondern sogar die Weltwirtschaft "steuern" kann. Oder jedenfalls konnte.

Als es zu diesem Treffen kam, hatte sich das jüngste Berliner Drama noch gar nicht in seiner ganzen Pracht entfaltet: Noch musste der Regierungssprecher nicht beteuern, Eichel bleibe selbstverständlich Finanzminister bis zum Ende der Legislatur. Auch die Bild- Zeitung hatte noch nicht zur Wunderwaffe gegriffen und die Leser per Umfrage entscheiden lassen, " Rums! Vier Minister müssen raus" . Eichel natürlich darunter.

Er war einmal populär, weil er sparte. Damals hatte er noch einen ausgeglichenen Bundeshaushalt im Jahr 2006 im Kopf – wovon ein Finanzminister halt träumt, wenn er träumt. Und jetzt? "Rums!" So weit wollen sie im Kanzleramt keineswegs gehen, im Gegenteil, der Mann bleibt bis 2006, heißt es offiziell. Aber sogar im Haus Schröder wabert seit langem ein Unbehagen, das sich an Eichel festmacht und von dem er weiß. Hinter den Fassaden im Göring-Bau, Wilhelmstraße, Berlin, hätten sie nicht rechtzeitig erkannt, wann umgeschaltet und das Wachstum ein wenig befördert werden müsse.

Bevor man als Nichtökonom in diesem Streit moderiert – auf den letzten blauen Brief aus Brüssel hatte auch Eichel mit dem Wort reagiert, man könne sich "übersparen" –, rasch noch eine Frage: Gilt nicht für das Ressort Eichels wie für kein anderes, dass es eingezwängt ist in tausenderlei Rahmenbedingungen, Vorgaben in der Geld- und Ausgabenpolitik, Netzwerke der Finanzmärkte, politische Handlungszwänge? Dass er selbst nicht immer geradlinig operiert, mag ja sein. Je mehr aber die Person des Finanzministers zur Zentralfigur stilisiert wird, egal ob als Kaputtsparer oder als kleine Maggie Thatcher, die den Deutschen eine Radikalkur verordnen möchte, umso irrealer erscheint diese Einschätzung. Nirgends dominieren die "Strukturen" derart wie hier. Dass die Probleme größer sind als der Minister, weiß jeder, für sämtliche Nachfolger würde das ähnlich gelten. Es gilt also nicht nur für ihn, sondern für das Kabinett insgesamt. Man sollte es einmal mit der These versuchen, dass Eichel Mister Normalo in einem Normalkabinett mit Normalproblemen ist.

Wer steuert heute wen? Karl Schiller antwortete darauf vor mehr als dreißig Jahren noch stolz: "Wissen Sie, Herr Nowotny, ich!" Auch Helmut Schmidt wusste noch mindestens so gut wie Schiller diese Frage mit Blick auf Weltwirtschaft und Finanzmärkte in einer Weise zu beantworten, die Zweiflern an seiner Interventionsmacht die Sprache verschlug. Das Temperament, die Zeiten, es passte damals alles zusammen. Heinrich v. Pierer, um bei seinem Beispiel zu bleiben, kann sogar heute noch den Eindruck des starken Konzernlenkers erwecken, der jedenfalls auf seinem Feld den Politikern etwas vorexerziert. Aber die Verhältnisse für Politiker sind anders, und der Phänotypus Eichel ist es ganz gewiss ebenfalls. Auch als der "sparsame Hausvater" gute Noten bekam, irgendwie ein Abziehbild des deutschen Klischees vom guten Politiker, war er kein Robert E. Rubin, der Clinton das amerikanische Wirtschaftswunder besorgte; und sicher auch kein Oskar Lafontaine, der 1998 als Löwe in diesem Amt antrat und den Eindruck erweckte, Berlin lege sich mit den Mächten und Märkten der Welt an. Helmut Schmidt redivivus! Es kam anders. Eichel folgte nach. Das Wetter: relativ schön. Bis Ende 2001 passte es mit dem Sparen. Aber dann, Anfang 2002, ging der ökonomische Herbst zu Ende, der lange Winter begann, der noch immer andauert, und damit der Konflikt über die Frage, ob die "deutsche Krankheit" wirklich nur deutsch sei und ob eine Radikalkur benötigt werde, vor allem rabiates Heuern und Feuern, wie es jüngst wieder der britische Economist nahe legte.

Inzwischen, heißt es, spüre Eichel keinen Schmerz mehr. Seit seine Popularitätskurve sich abwärts neigt, wurde es immer billiger, sich an ihm zu reiben. Allerdings klang die Kritik oft so vielstimmig und inkonsequent, dass man dem "armen Hans" manchmal, gemessen daran, gern eine Geradlinigkeits-Medaille verliehen hätte.