Bam

Bei Nacht könnte man die Stadt für ein großes Ferienlager halten. Die Zelte, die alle Bürgersteige und Plätze füllen, sind mit Glühbirnen erleuchtet. Davor sitzen die Menschen und scheinen sich darüber zu freuen, weder der Kälte der Winterabende noch der Hitze der Frühlingstage ausgesetzt zu sein. Kinder spielen, Lagerfeuer brennen, hier und da raucht jemand Wasserpfeife. Die Palmengärten, in denen die Stadt liegt, erzeugen die unvergleichlich milde Luft einer Oase. Je näher der Besucher kommt, desto deutlicher zeichnet sich jedoch, einem Schattenriss ähnlich, der Schrecken ab: die Ruinen, die sich hinter den Zelten türmen. Der Ausdruck der Gesichter, der aus der Ferne entspannt wirkt, stellt sich als apathisch heraus. Kaum jemand spricht. Vier Monate nach dem Erdbeben liegt die Hoffnung in Bam noch immer in Schutt und Asche.

Immer wieder hatten wir gehört und gelesen, dass der Aufbau in Bam kaum vorankomme, aber der Anblick, der sich uns am nächsten Morgen bietet, übertrifft die Befürchtungen: Die Stadt ist weiterhin der Trümmerhaufen, zu dem sie der 26. Dezember 2003 gemacht hat. Die 40000 Gebäude, die wie Kartenhäuser in sich zusammengebrochen sind, geben das gleiche Bild der Verwüstung ab, wie es Ende vergangenen Jahres durch die Welt gegangen ist. 500 Bagger seien im Einsatz, sagt Resa Aschk, der in der Stadtverwaltung für die Planung des Wiederaufbaus zuständig ist – wir sehen einen ganzen Tag lang keinen einzigen. Gut, es ist Freitag, Feiertag also in Iran. Aber die Stadt macht nicht den Eindruck, als könnte sie am nächsten Tag betriebsam werden. Nur vereinzelt lassen sich Baustellen ausmachen. Ansonsten scheinen die Ruinen den Überlebenden überlassen worden zu sein. Wo ist der Staat? Wo sind all die Spenden geblieben, die weltweit gesammelt worden sind? Die Fragen drängen sich nicht bloß beim ersten Augenschein auf: "Obwohl der Staat alle Spenden an den Roten Halbmond weiterleitet, ist uns nur ein kleiner Teil dieser Hilfen ausbezahlt worden", klagt Ahmad Ali Nurbala, der die iranische Partnerorganisation des Roten Kreuzes leitet. "Wir wissen nicht, in wessen Händen der Rest der Hilfen ist." Auch eine Delegation des Parlaments, in dem zur Zeit noch die Reformer die Mehrheit haben, übte nach einem Besuch in Bam scharfe Kritik an den Behörden und verlangte "Aufklärung über den Verbleib mancher ausländischer Hilfsgüter, die nachweislich in das Land eingeführt worden sind".

In Bam fehlt es noch immer am Nötigsten: an Trinkwasser, an Toiletten, an Duschen. Die Frauen spülen Geschirr und Kleidung mit Abwässern. In den Zelten herrscht schon jetzt, im Frühjahr, die Hitze einer Sauna. Die weltberühmte Festung, die der Stadt einst unzählige Touristen beschert hat, ist so zerstört, dass ein Wiederaufbau kaum denkbar erscheint. Viele Dattelpalmen, neben dem Fremdenverkehr die zweite wichtige Einnahmequelle der Stadt, verdorren, wahrscheinlich weil ihre Besitzer umgekommen sind und sich niemand um die Pflege kümmert. Das Schlimmste aber ist: Es fehlt jede Perspektive, jedes Anzeichen einer Besserung. Anfang März hat sich die Wut der Bewohner in einem spontanen Aufstand entladen. Polizisten wurden mit Steinen angegriffen, der Gouverneur von Bam, Ali Schafie, von einer aufgebrachten Menge verprügelt. Seit den Unruhen, so erfuhr der Guardian, verweigern die Behörden in Teheran ausländischen Journalisten die Genehmigung, nach Bam zu reisen. Sie haben guten Grund für die Zensur: An keinem anderen Ort Irans stechen die Verwerfungen und Verrottungen der Islamischen Republik im dritten Jahrzehnt ihres Bestehens so schmerzlich ins Auge. Es ist nicht die Gewaltherrschaft, die Unterdrückung, der ideologische Eifer, die die Menschen in Bam und anderswo aufbringen. Es sind die Lügen und der Diebstahl, es ist die Gier und der Dünkel. Was die Korruption an Hilfe übrig gelassen hat, zerfrisst die Unfähigkeit. Derart grotesk ist das Missmanagement, dass Misstrauische darin schon fast eine Strategie sehen. So stellten die Behörden eilig Container außerhalb der Stadt auf, nachdem die Menschen Anfang März dagegen protestiert hatten, dass sie noch immer in Zelten wohnen müssen – aber die meisten Container stehen bis heute leer. Weil es den Behörden nicht gelingt, die Sicherheit in der Stadt zu gewährleisten, weigern sich die Menschen, jene Hilfsbehausungen zu verlassen, die sie selbst vor ihren Ruinen oder in ihren Gärten aufgeschlagen haben.

Die Katastrophe nach der Katastrophe, sagt ein alter Mann, seien die Plünderer gewesen, die die Stadt heimgesucht hätten. 100000 Einwohner hatte die Stadt vor dem Erdbeben. Danach waren es 30000. Heute leben 200000 Menschen in Bam. Die Zuwanderer sind aus den Dörfern der Umgebung gekommen, aus der Wüste Balutschistans, sogar aus dem Norden Irans – auf der Suche nach Arbeit vor allem, aber oft auch, um an die Hilfsgüter zu gelangen oder zu stehlen, was das Erdbeben übrig gelassen hat. Eine Frau berichtet, dass ihr sogar der schmutzige Topf, den sie beim Spülen einen Augenblick lang aus den Augen verloren hatte, gestohlen wurde. Aber es ist wohl zu einfach zu sagen, dass alles Unheil von außen kam. In der Stadt selbst ist mit der Erde auch das soziale und moralische Gefüge erschüttert worden. Drogen haben sich epidemisch ausgebreitet. Niemand glaubt mehr an die Versprechen politischer oder religiöser Autoritäten. Jeder weiß, dass er nur noch auf sich und seine Familie zählen kann.

Was einigermaßen geklappt hat, wenn auch um wertvolle Stunden zu spät, sind die elementaren Hilfsleistungen: Auf den ersten Blick leidet niemand Hunger. Die befürchteten Epidemien konnten bislang abgewehrt werden. Die Straßen sind befahrbar. Händler haben ihre Waren auf Marktständen ausgelegt; sogar ein Teehaus hat am Rande einer Straßenkreuzung seine Planen aufgeschlagen. Aber zur Routine geworden ist nicht das Leben, sondern der Notfall. Es fehlt jeder Hinweis auf einen klug organisierten, entschlossen betriebenen Wiederaufbau. Die Regierung lässt Zelte, Kleidung und Decken in ausreichendem Maße verteilen, aber denkt nicht daran, Zement für den Wiederaufbau zur Verfügung zu stellen. Weil also allein die Nachfrage den Preis bestimmt, ist der Baustoff nirgends in Iran so teuer wie ausgerechnet in Bam. Private Initiative wird auf diese Weise im Keim erstickt. Wer von den Bewohnern Geld hat, investiert es nur selten in den Wiederaufbau.

Und dennoch sind private Initiativen das Einzige, was Hoffnung weckt, in Bam und in Iran. Auch bei früheren Katastrophen kannte die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung kaum Grenzen. Wohltätigkeit ist für die meisten Iraner immer noch eine Selbstverständlichkeit. Aber anders als noch bei dem Erdbeben von 1990 im Nordosten Irans, das 50000 Menschen das Leben gekostet hat, spenden die Menschen nicht mehr einfach nur Geld, Medikamente oder Kleidung – sie organisieren die Hilfe selbst. Der Islamischen Republik vertraut kaum ein Bürger sein Geld an. Die Berufsverbände, die politischen Organisationen, die sich in den letzten Jahren gegründet haben, die Intellektuellen und die Studenten nutzen eigene Netzwerke, um den Menschen zu helfen: von der psychologischen Betreuung der Kinder über den Bau von öffentlichen Toiletten und Duschen bis zur Verteilung von Tampons. Die Katastrophe von Bam hat nicht nur den maroden Zustand des Landes vor Augen geführt. In ihr beweist sich auch, dass die Zivilgesellschaft Irans sich entwickelt.