Darf man foltern, um zu retten? Die abstrakte Frage verneinen die meisten. Doch diskutiert wird am konkreten Beispiel, und da gerät manch einer ins Wanken; in Deutschland ist das Beispiel der "Fall Daschner", der vermutlich bald vor dem Frankfurter Landgericht verhandelt wird. Wir erinnern uns: Am 27. September 2002 wurde der elfjährige Jakob von Metzler entführt und ermordet. Polizisten drohten dem Tatverdächtigen mit Gewalt, falls er nicht das Versteck des Opfers preisgäbe.

Es war der Frankfurter Polizeivizepräsident Wolfgang Daschner, der angeordnet hatte, den inhaftierten Magnus Gäfgen "nach vorheriger Androhung, unter ärztlicher Aufsicht, durch Zufügung von Schmerzen (keine Verletzungen) erneut zu befragen". Schmerzen, wie er sie noch nie erlebt habe, sollten es sein, wenn er nicht den Aufenthaltsort des vermeintlich noch lebenden Opfers preisgebe. Daschner hielt das in der Akte fest. Zudem informierte er einen Oberstaatsanwalt. Nach der Androhung lenkte der Beschuldigte ein. Dann fand man die Leiche.

Im Februar 2003 beantragte Gäfgens Verteidiger, das Verfahren einzustellen: Folter mache das Geständnis unverwertbar, bedeute ein Verfahrenshindernis. Er plädierte auf Mord und lebenslange Freiheitsstrafe, kündigte aber Revision und den Gang zum Bundesverfassungsgericht an, wenn "besonders schwere Schuld" bejaht werde. Zu Prozessbeginn erklärte das Gericht die abgezwungenen Aussagen für unverwertbar. Es stützte sich hernach auf das erneut, freiwillig und nach "qualifizierter Belehrung" vor Gericht wiederholte Geständnis von Gäfgen. Er wurde am 28.Juli 2003 wegen Mordes aus Heimtücke, Habgier und zur Verdeckung einer Straftat, außerdem wegen erpresserischen Menschenraubes zu lebenslanger Freiheitsstrafe unter Annahme besonderer Schuldschwere verurteilt.

Jetzt ist der Bundesgerichtshof mit der Revision befasst. Doch er dürfte das Urteil kaum wegen der Folterandrohung verwerfen. Denn nicht das Geständnis aus der rechtswidrigen Vernehmung wurde verwertet, sondern das spätere, aus freien Stücken wiederholte. Die Justiz darf den Strafanspruch in der Tat nicht leichtfertig preisgeben; das staatliche Strafmonopol bezweckt zugleich, die Belange von Opfern und Angehörigen auszugleichen.

Der Fall Daschner ist mit diesem Geschehen verquickt. Mitte Februar 2003 werden die Vorwürfe gegen ihn öffentlich bekannt; die Staatsanwaltschaft ermittelt. Ein Jahr später klagt sie ihn wegen Anstiftung eines Untergebenen zur Nötigung in einem besonders schweren Fall vor dem Frankfurter Landgericht an. Eine Große Strafkammer des Gerichts wird in den kommenden Tagen bekannt geben, ob sie die Anklage zulässt, in der rechtlichen Bewertung ändert oder die Eröffnung des Hauptverfahrens ablehnt.

Im Mittelpunkt des Prozesses steht die mittlerweile so genannte "Rettungsfolter". Daschner reklamiert ein Notstandsrecht für sich: "Ich stehe dazu und würde wieder so handeln." Nationales und internationales Recht lassen indes, sollte man meinen, an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig. Folter ist bedingungslos ("abwägungsfest", wie Juristen sagen) geächtet. Sogar bei Katastrophen, Krieg oder Terrorangriffen.

Wir finden das Verbot auf allen Stufen der Gesetzespyramide: Schon das Hessische Gesetz über die öffentliche Sicherheit und Ordnung verbietet "unmittelbaren Zwang" zur Abgabe einer Erklärung. Ferner verweist es auf das bundesrechtlich in der Strafprozessordnung verankerte Verbot, durch unzulässige Vernehmungsmethoden auf die Freiheit der Willensentschließung Beschuldigter einzuwirken, ebenso, solche Methoden anzudrohen.

Artikel 104 des Grundgesetzes wiederum erklärt: "Festgehaltene Personen dürfen weder seelisch noch körperlich misshandelt werden." So wird die in Artikel 1 als uneinschränkbar herausgehobene Menschenwürde geschützt. Überwiegend sieht man darin auch ein Verbot, Folter anzudrohen. Auf europäischer Ebene formuliert Artikel 3 der Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten von 1950: "Niemand darf der Folter oder unmenschlicher oder erniedrigender Strafe oder Behandlung unterworfen werden." Artikel 15 besagt glasklar, von dem Folterverbot dürfe "in keinem Fall abgewichen werden". Verbote finden sich ferner im Europäischen Übereinkommen zur Verhütung von Folter von 1989, in der Grundrechte-Charta der Europäischen Union von 2000 sowie im Entwurf einer europäischen Verfassung. International wurde das Verbot erstmals in Artikel 5 der universellen Erklärung der Menschenrechte von 1948 festgelegt. Die Antifolterkonvention der UN hat 1984 die Reichweite des Folterbegriffs verbindlich abgesteckt. Gleichermaßen gilt das Verbot für Strafverfolgung und Gefahrenabwehr, für öffentlichen Notstand und sogar Krieg. Genau so ist es neuerdings in das Römische Statut des Internationalen Strafgerichtshofs übernommen worden.