Jetzt gehört die linksliberale, überregionale Frankfurter Rundschau (verkaufte Auflage 180.000 Exemplare) zu 90 Prozent einem Unternehmen der SPD, der Medienholding DDVG. Die Firma der Regierungspartei ist dank ihrer redaktionell einflusslosen Minderheitsbeteiligungen bei anderen Zeitungshäusern gut bei Kasse. Sie soll 70 Millionen Euro für den hoch verschuldeten Verlag bezahlt haben, genauer – sie hat einfach die Schulden übernommen. In einem Jahr könnte die neue Eigentümerin das womöglich sanierte Blatt einem anderen Käufer anbieten. Doch in der Zwischenzeit dürfte die Glaubwürdigkeit der Redaktion ruiniert sein: Attackiert sie die rot-grüne Koalition, werden die Partei-Auguren in anderen Blättern nach Spuren parteiinterner Machtkämpfe suchen ("Steht Müntefering hinter dem Kommentar?"). Unterstützt sie Schröders Reformkurs, werden auch die besten Argumente unter Parteilichkeitsverdacht gestellt werden ("Da schreibt der Kanzler-Flügel!"). Attackiert sie Merkel, glaubt überhaupt niemand mehr an die Objektivität des Blattes.

Die Redaktion wird sich gegen solche Unterstellungen kaum schützen können; denn sie ist einem Eigentümer übertragen worden, der zumindest eines nicht verleugnen kann – seine eigenen politischen Motive. Rein kommerzielle Interessen hätten ihn zu anderen, weniger riskanten Investitionen auf dem darniederliegenden Medienmarkt geführt.

Zeitungsverleger, denen einzig an der Rendite ihres Objekts, nicht aber an der politischen Ausrichtung des Blattes gelegen ist, sind selten. Nicht wenige sind bereit, gravierende Verluste hinzunehmen, solange "die Richtung" stimmt. Manche sind sogar willens, die Qualität ihrer Zeitung über Jahrzehnte hinweg zu subventionieren – Die Welt ist ein Beispiel dafür, und für viele Jahre war auch DIE ZEIT eine defizitäre Last ihrer Besitzer. Das ehrte sie. Übernimmt jedoch eine politische Großorganisation wie die SPD (oder eine andere Partei) eine Zeitung, gerät die öffentliche Arbeitsteilung der politischen Meinungsbildung durcheinander. Das zu beklagen ist kein Privileg von "Insidern", wie der Medienprofessor Peter Glotz meint, sondern eine Verfassungssorge. (Das Gegenargument, dass sich umgekehrt die Bild- Zeitung eine ganze Volkspartei halte, ist übertrieben.)

"Die Parteien", heißt es im Grundgesetz, "wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit." Die staatliche Mitfinanzierung dieser Aufgabe genehmigt der Bundestag. Die großzügige Ausstattung der Parteistiftungen zählt dazu. Dass sie laut Artikel 21 "über die Herkunft und Verwendung ihrer Mittel sowie über ihr Vermögen öffentlich Rechenschaft geben müssen", hat die Schatzmeister der Parteien über Jahrzehnte hinweg nicht daran gehindert, genau dies bei Gelegenheit zu unterlassen. Die Presse musste sie mit der Aufdeckung immer neuer Schwarzgeld-Affären an die Verfassung erinnern.

Die Tatsache, dass die SPD eine überregionale Zeitung in ihren Besitz nimmt und damit einen Präzedenzfall schafft, ist besorgniserregend. Vor nicht allzu langer Zeit hatte Oskar Lafontaine als saarländischer Ministerpräsident das Landespressegesetz auf skandalöse Weise in seinem Sinne mit einer Ergänzung verbogen. Noch lieber wäre es ihm damals gewesen, er hätte die Saarbrücker Zeitung (die zum Teil der SPD gehört) ganz in seinen Besitz gebracht. Jetzt gehört seiner Partei die Frankfurter Rundschau .

Die Pressefreiheit, so hatte einst der große Publizist Paul Sethe nach seinem Ausscheiden aus der Welt des Axel Springer geklagt, die Pressefreiheit sei stets die Freiheit ihrer Besitzer. Das bedeutet auch: Die Qualität eines Blattes spiegelt im Idealfall die geistige Offenheit und Toleranz des Eigentümers (und seiner Personalentscheidungen) wider – oder aber, nicht so ideal, seine enge ideologische Sicht der Welt. Warum sollte es anders sein mit einem parteieigenen Verleger?

Im Interesse der Parteien liegt es, ihre Weltanschauungen in politische Macht zu verwandeln. Die Presse kann sie in ihren Leitartikeln dabei unterstützen oder daran hindern. Dass ihre neutralen Informationsangebote stets frei von parteilichen Interessen sein mögen, ist ein hehres Ziel, dem zumindest die Boulevard-Presse seit geraumer Zeit mit Inbrunst abgeschworen hat. Wie wird in Zukunft die Frankfurter Rundschau aussehen? Naiv wäre doch die Annahme, eine Zeitung im Parteibesitz könnte dem Vorstand auf dem Weg zur parlamentarischen Mehrheit ernsthafte Hindernisse entgegensetzen; das wird sie vielleicht ein- oder zweimal machen können, dann aber würde die Chefredaktion ausgewechselt. Sollte dies nicht nutzen, wird die Zeitung verkauft. Parteiinterner Pluralismus hat seine Grenzen. Dafür gibt es Beispiele.