Am Ende ist einem die Sache noch rätselhafter als zuvor: Ist Willy Brandt nun vor genau dreißig Jahren wegen Günter Guillaume zurückgetreten? Oder haben ihn die eigenen Weggefährten zur Strecke gebracht, denen seine Führungsschwäche und die ewigen Frauengeschichten am Ende zu viel geworden waren? Hatte Brandt gar selbst genug und nutzte die Chance zum Abgang, geschwächt durch Depressionen, Fluglotsenstreiks und Heinz Kluncker? Michael Frayns Stück Demokratie, das von Brandts Kanzlersturz handelt und seit letzter Woche im Berliner Renaissance-Theater läuft, lässt alle Lesarten zu.

Das könnte eine Tugend sein bei einem Stück Dokumentartheater, eine Reverenz an die Komplexität historischer Vorgänge. Es ist aber doch eher Zeichen der Ratlosigkeit. Vielleicht würde man sich mit der Vieldeutigkeit des Fraynschen Doku-Dramas abfinden, wenn es dadurch für die Hauptfigur größeres Interesse zu erregen vermöchte. Aber dieser Willy Brandt ist eine Anhäufung seiner eigenen Klischees (rotweintrinkender, quartalsdepressiver, zaudernder Schwerenöter mit Geschick für große Gesten). Unbegreiflich, wie sich dieser entscheidungsschwache, sentimentale und selbstverliebte Typ bis ins Kanzleramt hat mogeln können. War da nicht noch was? Peter Striebeck macht das Beste aus diesem Brandt, hat aber das Pech, Helmut Schmidt ähnlich zu sehen. Günter Guillaume erscheint als der Spion, der Brandt liebte - Thilo Nest spielt ihn grundsympathisch und leicht ironisch. Dieser Guillaume ist noch am ehesten eine dramatische Figur. Alles Harte, Abgründige, Diabolische allerdings hat Frayn ihm genommen. So steht der Gemütlichkeit nichts mehr im Wege. Der vulgärpsychologische Höhepunkt des Dramas ist erreicht, wenn Brandt und Guillaume im Norwegenurlaub rotweinselig kumpeln, der Kanzler den Spion in sich entdeckt und sich mit seinem Verräter verbrüdert. Es ist eine Kitschidee nach dem populären Schema der Seelenverwandtschaft von Opfer und Täter. Worum es in jenen bewegten Tagen ging - Ostverträge, Gesellschaftspolitik, politische Kultur -, interessiert Frayn kaum. Er zitiert diese Dinge wie beliebiges historisches Material. Um Brandt und seinen unglücklichen Liebhaber Guillaume herum arrangiert er das historische Personal als Knallchargen. Sie alle sagen ihre Konflikte auf. Kein Einziger wird dialogisch ausgespielt. Es geht einem nichts Neues auf über das größte Polit-Drama der alten Bundesrepublik. Wehner, das ist eine Pfeife samt abgehacktem Sprechen (immerhin sehr witzig: Michael Hanemann). Von Genscher bleibt nichts als ein gelber Pullover, Helmut Schmidt geht auf in purem Geltungsdrang und Willy Brandt in Rotwein und Sentimentalität. Das kann doch nicht alles gewesen sein.