Genug ist genug!
Liane von Billerbeck: "Freiwillige an die Pflegefront", ZEIT Nr. 19
Ich kann es bald nicht mehr lesen. Diese nicht enden wollende Diskussion über Art und Umfang des Zivildienstes: Ob ein Zwangsdienst nicht Eigeninitiative zunichte mache, ob man nicht den Zivildienst durch ein höher gefördertes Freiwilliges Soziales Jahr ersetzen müsse. Wie lange denn noch im Kreis drehen, argumentieren und abwägen, fernab der Realität? Eine Befragung der Zivildienstleistenden in den sozialen Bereichen unseres Landes würde endlich Aufschluss geben!
Dann würden Stammtisch-Philosophen, Politiker und Redakteure (auch der von mir sehr geschätzten ZEIT) aufhören, Zivildienst mit Rollstuhlschieben und dem Entleeren von Bettpfannen gleichzustellen. Und würden einsehen, dass die jugendliche, idealistische Arbeitskraft der Zivildienstleistenden mehr denn je in dieser Ellenbogengesellschaft unseres Raubtierkapitalismus gebraucht wird. Es gibt nämlich Bereiche, die ohne Zivis finanziell vorne und hinten nicht zurechtkämen.
Mein Zivildienst im Kindergarten wird am 30. Juni 2004 beendet sein, mein vierjähriger schwerstbehinderter Junge ist dann auf die (therapeutische) Betreuung anderer Zivis angewiesen. Diese zehn Monate, die mir als Ersatzdienst auferlegt worden sind und die mich zu Anfang anwiderten, erscheinen mir inzwischen als sinnvollste Auflage, die ich in meinem noch jungen Leben hinnehmen musste. Die Arbeit mit Kindern, alten, behinderten oder psychisch kranken Menschen ist lebensnaher, praxisbezogener und sozialer, als es sich so mancher Grübler in Politik oder Journalismus vorstellen kann.
Kurzum: Zivildienst sollte bleiben, weil sich vorher kein Jugendlicher diese überwältigende Erfahrung ausmalen kann - freiwillig würde es keiner machen.
Florian Schröder (20), Zivildienstleistender aus Bremen
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
- Quelle DIE ZEIT, 21/2004
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