Väter und Söhne
Der Piper Verlag wird 100 Jahre alt
Es kommt in den besten Familienverlagen vor: „Nichtsnutzige Söhne“ rebellieren gegen ihre „tyrannischen Väter“, „tyrannische Väter“ wüten gegen ihre „nichtsnutzigen Söhne“. Ein schönes Beispiel dafür bietet die Geschichte des Piper Verlags – nachzulesen in der soeben erschienenen großen Firmenchronik zum 100. Geburtstag des Münchner Hauses von Edda Ziegler.
Der 24-jährige Reinhard Piper, der am 19.Mai 1904 den Verlag im Herzen Schwabings gründete, handelte nach dem Gesetz: Verleger machen die Bücher, die sie selbst lesen wollen. Er scharte Autoren wie Arno Holz und Christian Morgenstern um sich, bot der künstlerischen Avantgarde mit dem Almanach Der Blaue Reiter (1912) ein Forum. Seine größten Meriten aber erwarb er sich mit der ersten deutschsprachigen Ausgabe der Werke Dostojewskijs – 1919 waren die 22 Bände komplett – und einer Edition der Werke Schopenhauers, deren letzter Band erst 1942 erschienen ist. Trotz mancher Konzessionen an die NS-Kulturpolitik gelang es Reinhard Piper, den Verlag relativ unbeschädigt durch das „Dritte Reich“ zu steuern.
Klaus Piper, der nach dem Tod des Vaters 1953 allein die Geschäfte führte, mühte sich, aus dem Schatten des legendären Verlagsgründers herauszutreten. Zwar wurde das belletristische Programm unter dem kundigen Lektorat von Reinhard Baumgart weiterhin gepflegt; 1956 erschien der Gedichtband von Ingeborg Bachmann Anrufung des Großen Bären – der Beginn einer über zehnjährigen Zusammenarbeit. Doch den eigentlichen Akzent legte der Nachfolger auf das anspruchsvolle Sachbuch. Der Philosoph Karl Jaspers avancierte zum Starautor. Seine Schriften Die Atombombe und die Zukunft des Menschen (1958) und Wohin treibt die Bundesrepublik? wurden zu Bestsellern. Dazu kamen Hannah Arendts Eichmann in Jerusalem (1964) und Alexander und Margarete Mitscherlichs Die Unfähigkeit zu trauern (1967) – Bücher, die den Wandel des politischen Klimas in der Bundesrepublik anzeigten und zum Handgepäck der 68er gehörten. (Erst kürzlich wurde bekannt – Zynismus der Geschichte –, dass der Mann im Hause Piper, der das Werk Hannah Arendts betreute, der Verlagsleiter Hans Rössner, ein Kollege Adolf Eichmanns im Reichssicherheitshauptamt gewesen war).
In der nächsten Generation dann spitzte sich der Vater-Sohn-Konflikt dramatisch zu. 1994 verkaufte Klaus Piper den Verlag an die schwedische Bonnier-Gruppe und entmachtete damit faktisch seinen Sohn und designierten Nachfolger Ernst Reinhard Piper. Offenbar traute er diesem nicht zu, den Verlag auch durch wirtschaftlich schwierigere Zeiten zu führen.
Piper heute – das ist ein Unternehmen, das von der Tradition des Familienverlags zehrt, als Konzernverlag aber einem anderen Gesetz folgt: Den Verlegern müssen die Bücher, die sie machen, nicht selbst gefallen. Hauptsache, sie gefallen den Lesern.
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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