interview Folter im Bild
Die Fotos aus dem Irak sprechen von der Schuld des amerikanischen Präsidenten und ebenso von der des Betrachters. Ein Interview mit dem Medienwissenschaftler Joseph Vogl
DIE ZEIT: Der amerikanische Präsident George W. Bush hat den Irak-Krieg als einen der „humanitärsten“ Kriege der Weltgeschichte bezeichnet, gleichsam als Krieg ohne Schlacht, als chirurgische Operation. Wie passen die Bilder von den Gefolterten zur Behauptung vom „sauberen Krieg“?
Joseph Vogl: Der Irak-Krieg sollte gewissermaßen opferlos geführt werden, genauer: ohne amerikanische Opfer. Tatsächlich sind ja vier- bis siebentausend irakische Zivilisten ums Leben gekommen. Auf der Rückseite dieses Programms sind nun die Bilder aus Abu Ghraib aufgetaucht, wie zur Bestätigung eines naheliegenden Verdachts. Der Krieg sollte fern und der Sieg schnell und moralisch bleiben, „infinite justice“ überall: kein eigentlicher Krieg, oder bloß ein „humaner“, oder wenigstens einer, den man nicht wirklich sieht. Jetzt besteht das Drama für die Bush-Administration darin, dass diese Bilder an den sorgsam abgedeckten Leerstellen hervorkommen. Man hat mit traumtänzerischer Sicherheit selbst den Rahmen geschaffen, in den diese Fotos aus Abu Ghraib nun eingepasst werden. In unsicheren Informationslagen haben Bilder immer einen Mehrwert an Evidenz. Auch darum wird man diese Bilder bis auf weiteres nicht loswerden.
ZEIT: Es handelt sich bei den Fotos aber nicht um Kriegsbilder.
Vogl: Ja, das Bemerkenswerte besteht darin, dass es keine Kriegsbilder sind. Es sind Privatfotos, Albumblätter oder home videos, nach oder abseits der Schlachten gemacht. Diese Bilder geben keine Auskunft über den Krieg, sie kommen aus einem Zwischenreich, in dem der Krieg vielleicht vorbei ist, aber kein Frieden angefangen hat. Und nicht von ungefähr zirkulierten diese Fotos auch in Maryland, im Innern der Vereinigten Staaten. Sie dokumentieren keinen fernen, entrückten Krieg, sondern seltsame Nahverhältnisse; Flaschenpost aus nächster Nähe.
ZEIT: Inwiefern?
Vogl: Sie zeigen Gefängnispersonal, Häftlinge, Erniedrigungsrituale, S/M-Szenen – all das, was auch in den zivilen Gesellschaften zu Hause ist und was man auch sonst mehr oder weniger verdeckt unter dem Ladentisch vertreibt.
ZEIT: Die Bilder aus Abu Ghraib haben aber auch eine europäische Rückseite.
Vogl: Eine abendländische. Die Bilder erschrecken ja nicht bloß durch krude Authentizität, sondern dadurch, dass sie mit kulturellen Mustern durchtränkt sind. Eine lange Geschichte von Strafideen, bizarren Einfällen und heimlichen Machenschaften wird mit ihnen aufgerufen. Kerkerfantasien. Zwangsläufig muss man darin mehr sehen als diesen aktuellen Krieg, diesen besonderen Ort, diese momentane Widerlichkeit.
ZEIT: Den Misshandelten selbst hat man nicht glauben wollen. Man glaubt erst den Bildern.
Vogl: Deshalb lügen die Bilder auch. Was in ihnen vorgeführt wird, ist ja nicht nur Erniedrigung. Sie sind ein Dokument dafür, dass die Stimmen der Gefangenen oder der Beteiligten selbst nicht gehört wurden. Die Aussagen sind seit mehr als einem halben Jahr bekannt, ohne große Folgen. Und das ist ein weiteres Drama dieser Bilder: Sie monopolisieren die Zeugenschaft. Und all die Leute, die für sich selbst gezeugt und gesagt haben: Ich war in diesem Gefängnis, ich bin gedemütigt, gefoltert worden – sie sind ungehört geblieben. Ihre Zeugenschaft wird durch diese Bilder ein zweites Mal gelöscht. Der Skandal war das Auftauchen der Bilder, nicht das, was man auf ihnen sieht.
ZEIT: Was bedeutet es, wenn Demütigungen vor dem Auge einer Kamera inszeniert werden?
Vogl: Das weiß ich nicht. Aber es gibt wohl einen besonderen Effekt: dass der Betrachter selbst schuldig wird, wenn er der Einladung folgt, wenn er sich auf das demonstrative „Schau her“ einlässt. Was immer in diesen Bildern an Schuld und Täterschaft sichtbar wird, steckt den Zuschauer an. Das passt auch mit der Wirklichkeit des Gezeigten zusammen. Einfache Soldaten, Subalterne und Befehlsempfänger – sie posieren offenbar mit der Frage: Was hätten wir zu verbergen? Wolltet ihr das nicht sehen? Wer wollte das nicht sehen? Der Schuldige ist nicht bloß im Bild.
ZEIT: Aber es handelt sich nicht nur um private Fantasien. Was die Fotos zeigen, ereignet sich im politischen Raum – in einem von den amerikanischen Besatzern kontrollierten Gefängnis, in dem früher Saddam Hussein die Menschen zu Tode gefoltert hat.
Vogl: Es gibt wohl eine direkte Linie zu dem, was die Bush-Regierung als neue Ortschaften dieses Kriegs, des „Terrorkriegs“ geschaffen hat, zum Beispiel zu den Lagern in Guantánamo Bay. Diese rechtlosen Bezirke sind sorgsam und mit Bedacht eingerichtet worden. Darin gilt weder das Kriegsrecht noch das Strafrecht, noch das Völkerrecht. Von diesen Räumen, in denen man die Rechtlosigkeit organisiert, sind diese Bilder infiziert. Das ist ihr politischer Index. Der ehemalige Befehlshaber von Guantánamo, Geoffrey Miller, wird jetzt die Gefängnisse im Irak leiten.
ZEIT: Die Botschaft, die Präsident Bush vor einem Jahr bei seiner Landung auf dem Flugzeugträger USS Abraham Lincoln verkündete, lautete: Die Kampfhandlungen sind beendet, doch der „Krieg gegen den Terror“ geht weiter. Das ist die Definition des Ausnahmezustands. Wollen Sie andeuten, dass zwischen Bushs Politik des Ausnahmezustands und den Folterungen eine Verbindung besteht?
Vogl: Ja, mehr oder weniger direkt. Man hat einen neuen Feind ausgerufen, einen, den man nicht kennt, der wechselnde Gestalten annimmt und auf ominöse Weise unbestimmt bleibt. Er ist „Schläfer“ und Zivilist, wohnt vielleicht nebenan, hat kein bestimmtes Gesicht und kein Hoheitsabzeichen, keine verlässliche Nationalität. Man ist sehr leicht am falschen Ort zur falschen Zeit. Diese Feindschaft hat man auch in den Irak getragen. Jetzt können die Amerikaner dort nicht mehr recht unterscheiden zwischen Zivilisten, guten und falschen Freunden, Aufständischen, Islamisten, alten Saddam-Anhängern und neuen Terroristen. Man hat diese Mischung sehenden Auges angerührt und fabriziert. Und viele Iraker sind nun, glaube ich, am falschen Ort zur falschen Zeit. Das ist die Logik dieses Ausnahmezustands.
ZEIT: Und die nackten Gefangenen, an die Hundeleine gekettet?
Vogl: Das sind Nichtpersonen, entblößt, gesichtslos, namenlos. Und erinnern damit an eine Doktrin, die man jetzt schon zu schmieden beginnt, unter dem Titel eines neuen Feindstrafrechts: dass man bestimmten Leuten unter bestimmten Umständen das Recht aberkennen will, als Person behandelt zu werden, mit den entsprechenden Konsequenzen, mit unbestimmter Haft, verschärften Verhören und so weiter. Es fällt schwer, bei den nackten und gesichtslosen Häftlingen nicht an diese Rechnung, an diesen Verlust der Person, an diese Depersonalisierung zu denken. An die Zukunft der Feindschaft also.
ZEIT: Gleichzeitig ist der amerikanische Hegemon, der nach dem Trauma vom 11. September den Ausnahmezustand ausruft, doch selbst in einem hohem Maße verletzbar.
Vogl: Ja, verletzbar wie Napoleons Armeen im spanischen Partisanenkampf, zerrieben von den schlecht ausgerüsteten, erzkatholischen Bauern. Verletzbar aber auch wie jeder, der mit seinen Maßnahmen das Maßnehmen ignoriert. In diesem unbegrenzten Terrorkrieg gibt es eine fatale symmetrische Relation. Der Krieg gegen den Terror sagt: Wir werden dich finden und töten, immer und überall. Der Terror sagt: Aber mein Tod wird teuer sein, immer und überall. Diese Politik, diese Strategien haben sich der Ausweglosigkeit verschrieben, eine effiziente Zusammenarbeit.
ZEIT: Der Selbstmordattentäter trifft auch die offene Flanke der liberalen Gesellschaft und führt sie in Versuchung – in die Versuchung, die Grundrechte einzuschränken.
Vogl: Ja, die Bush-Administration treibt wohl ein Spiel mit dem Feuer. Man vergisst dabei oder will es nicht wissen, dass unser so genanntes Zivilisiertsein, dass auch unsere liberalen Gesellschaften keine Errungenschaften sind, die ein für alle Mal da sind, garantiert bleiben, auf immer und ewig. Diese Bestände müssen immer wieder errungen und immer wieder von Neuem verwirklicht werden. Man sollte schnell damit beginnen, die Verlustrechnung aufzumachen. Aus dem Bodensatz der jetzigen „Maßnahmenkataloge“ kann man schon die künftigen Verwahrlosungen herauslesen.
ZEIT: Dennoch ist die terroristische Bedrohung keine Einbildung, keine mediale Fiktion. Sie ist brutale Wirklichkeit und scheint uns wieder einfache Unterscheidungen aufzuzwingen. Die Unterscheidung von Freund oder Feind, von „Kapitalismus oder Barbarei“.
Vogl: Wir leben offenbar in einer Zeit, in der man die großen Gegensätze, die großen Antithesen oder dröhnenden Alternativen liebt. Das ist die Sprache der Erpresser. So etwa beim „Kampf der Kulturen“. Oder auch bei der von Ihnen erwähnten Formel „Kapitalismus oder Barbarei“, die die Zeitschrift Merkur, glaube ich, ganz unironisch in die Welt gesetzt hat. Auch hier wird eifrig missioniert. Man darf zwar Rechtsstaat sagen, muss aber Marktwirtschaft meinen. Das gehört nun zur aktuellen Sprachregelung, und das ist durchaus der Augenblick, an dem man der alten, abgetakelten Ideologiekritik nachtrauern mag. Wer sich auf die Menschenrechte beruft, soll das kapitalistische Leierlied mitsingen, mit allen Strophen. Aber auch daran erkennt man Kriegszeiten: Man sammelt die Truppen, und feinere, intelligentere Unterscheidungen sind nicht erwünscht, nicht opportun.
ZEIT: Wird es nach den Bildern aus Abu Ghraib nun erst recht heißen: Wer Menschenrechte sagt, der will betrügen?
Vogl: Nein, im Gegenteil. Das Reden über Menschenrechte hat plötzlich einen anderen Ort, einen anderen Ton bekommen. Lange Zeit hatten die Menschenrechte ihren kritischen Charakter verloren, waren das Markenzeichen hilfloser, halbherziger, misslungener, ja katastrophaler Interventionen. Den kritischen Charakter haben sie nun zurückerhalten. Die USA wollten die UN dadurch beerben, dass sie sie abschafften. Damit haben sie ironischerweise erreicht, unser Bewusstsein für das Völkerrecht – oder für das, was es sein könnte – enorm zu schärfen.
ZEIT: Gibt es einen Balken im Auge des liberalen Westens, der ihn blind macht und daran hindert, auch nichtmilitärische Strategien gegen den Terror zu entwickeln?
Vogl: Wir können uns nicht dauerhaft damit herausreden, dass der Terrorismus liberale Gesellschaften bedroht, obwohl er das zweifellos tut. Denn offensichtlich schaut unser Alltag nicht für alle so liberal aus, wie wir glauben. Umgekehrt sehen wir nicht, wie und wo es in Clan- oder Stammesgesellschaften liberal zugeht, das ist jenseits unserer Vorstellungskraft. Und es scheint überdies, dass es letztlich nur nichtmilitärische Strategien gegen den Terror gibt.
ZEIT: Das klingt nach westlichem Selbsthass.
Vogl: Nein, man muss nüchtern bleiben, jenseits des narzisstischen Spiels von Selbstliebe und Selbsthass. Deshalb wünscht man sich auch ein Stück Realpolitik zurück, ein Nachdenken über die Folgen und über die Folgen von Folgen. Andernfalls steht am Ende ein trostloser Satz wie am Schluss bei Karl Kraus in den Letzten Tagen der Menschheit. Dort sagt der allmächtige Gott nach dem Desaster: „Ich habe es nicht gewollt.“
Die Fragen stellte Thomas Assheuer
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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