DIE ZEIT: Herr Herzog, was ist eigentlich passiert? Lange war Ihr Büro bekannt für eine strenge und kühle Architektur, für einen puritanischen Minimalismus. Nun planen Sie für Hamburg eine Philharmonie in wogenden Formen und für München ein Fußballstadion als Weichgebilde – aus Askese wurde Wollust. Haben Sie Ihre Prinzipien verraten?

Jacques Herzog: Überhaupt nicht, wir sind uns heute treuer denn je. Als wir neu im Beruf waren, wollten wir dem Formenüberschwang der Postmoderne etwas Abstraktes und Minimales entgegensetzen. Nach und nach haben wir dann aber gemerkt, dass der Minimalismus auch eine Falle ist. Das Reinigen und Klären der Form hat etwas Sektiererisches und Protestantisches. Die ganze Moderne wollte ja weg von den Ornamenten und vom Sinnlichen, sie lebte von der Idee, alles demselben Raster zu unterwerfen. Das Irrationale und Lokale hat sie ausgetrieben.

ZEIT: Und deshalb sind Sie konvertiert?

Herzog: Wie kommen Sie denn darauf?

ZEIT: In Ihrer gerade angelaufenen Ausstellung tischen Sie eine brodelnde Ursuppe aus rotem Zucker auf, zeigen verwunschene Gegenstände, die nur entfernt noch an Architekturmodelle erinnern. Überall wird gebastelt, geknetet, gespielt – so als sei Architektur die hohe Kunst des Unbewussten.

Herzog: Das ist sie wohl auch, aber keineswegs ausschließlich. Wir wollen nicht das Rationale, sondern das Ideologische der Moderne relativieren. Unsere Mittel dazu sind seit je konzeptioneller und intellektueller Natur, viel mehr als handwerklicher. So ist auch das, was Sie als verwunschen bezeichnen, in Wahrheit von klaren Gedanken getrieben. Den roten Zucker zum Beispiel haben wir nicht einfach so beliebig geschmolzen, vielmehr wussten wir ganz genau, wie sich dies Material verhalten würde. Die entstehenden Schlingen und Blasen haben zwar dennoch etwas Zufälliges an sich, aber es ist ein programmierter Zufall.

ZEIT: Und was interessiert Sie daran?