Ab 10 Jahren
Och nöööö!
Schon durchgelesen: Eoin Colfers neuer Schocker über Geisterabenteuer
Was soll man nur zu einem Kinderbuch sagen, das gerade ein Kapitel braucht, um die zentrale Heldin abzumurksen? Blöder Unfall, und aus die Maus! Das seine Leser dann 240 Seiten lang zwischen Himmel und Hölle gefangen hält, sie hin und her jagt zwischen Hoffnung und Verzweiflung, ob nicht doch noch, vielleicht, gegen alle Vernunft, irgendetwas an diesem Anfang zu ändern wäre, die 14-jährige Meg Finn doch noch ein bisschen weiterleben könnte? Ja, Eoin Colfer ist nicht bekannt dafür, dass er seinen Helden oder Lesern irgendwas erspart. Weshalb er jüngst, als Autor der Science-Fiction-Serie über Artemis Fowl, in Leipzig mit dem Deutschen Bücherpreis geehrt wurde. Und trotzdem…
Meg Finn ist eine sehr sympathische Heldin. Rotzig, natürlich einsam. Eine Waise mit Sehnsucht nach der toten Mutter. Ein Mädchen, das sich eines ekligen Stiefvaters erwehren musste und entschlossen war, den harten Kurs gegen alle Welt zu fahren. Und Pech hat. Nun steht sie am Anfang ihres Todseins – in der Hölle? Oder im Himmel? Und muss, um diese Fragen endgültig zu entscheiden, sich an der Seite eines alten Mannes bewähren, der seinerseits am Ende seines Lebens steht. Einer ohne Illusionen. Unglücklicher Internatszögling, Überlebender einer trostlosen Ehe, und das soll alles gewesen sein? Oder darf man noch korrigieren?
Der alte Lowrie MacCall und die junge Meg Finn werden von Colfer zu einem irrwitzigen Paar zusammengespannt, der Greis mit jungem Schutzengel, die verlorene Seele auf der Suche nach Vergebung. Der alte Ire Colfer also wagt sich nahe an eine irische Obsession: die Frage nach Schuld und Sühne, nach dem, was Gutes tun heißt in einer bösen Welt und ob zur Erlösung die Kraft noch reicht.
Nun kommt nicht alles so ernsthaft daher, wie man befürchten könnte. Der alte Lowrie und das junge Geistlein sind ja nicht allein unterwegs, das Personal besteht aus nicht Geringeren als Satan sowie seinem überforderten Beelzebub, höllischen Computerfreaks, einem Pitbull mit ektoplasmatischem Sabber sowie einem debilen Herrchen, zerknirschten Seelenresten und saufenden Prols in einer irischen Vorstadtwüste sowie ein wenig genervter Heiligkeit vor dem Tor zur ewigen Ruhe. Ein paar coole Sprüche und blöde Witze, schon stehen die Figuren, wortspielerisch auch von der Übersetzerin gekonnt in Szene gesetzt. Die Szenerie führt in vermüllte Wohnzimmer, gleißend ausgeleuchtete TV-Studios, an die felsige Küste von Irland und in die Seelenschleusen des Jenseits. Es ist, als habe Colfer gleich dem Filmskript eine Steilvorlage liefern wollen. Und so, als sei er, bei allem Respekt, vielleicht schon einen Hauch zu routiniert. Wenn da nicht jene sich ruppig tarnenden Gefühle wären zwischen dem ollen Lowrie und seiner Meg. Auch darüber gibt’s was zu lachen, aber diesmal, erstaunlich, geradezu angenehm leise.
Eoin Colfer: Meg Finn und die Liste der vier Wünsche
Aus dem Englischen von Claudia Feldmann; List Verlag, München 2004; 240 S., 18,– Euro (ab 10 Jahren)
- Datum
- Serie kinder-jugendbuch
- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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