Ab 5 Jahren Die Richtige im Falschen
Büchner für Kinder: Ein gelungener Versuch, „Leonce und Lena“ neu zu erzählen
Leonce ist ein trauriger Prinz. Sein Reich ist klein, seine Langeweile groß. Er zählt Sandkörner. Er will nicht König werden, er will nicht heiraten, er will nichts von dem, was alle wollen: wichtig sein, berühmt sein, mächtig sein. Sein Leben gähnt ihn an wie ein großer weißer Bogen Papier. Sein Kopf ist ein leerer Tanzsaal. Sein Erfinder ist Georg Büchner. Und die edle Langeweile, französisch die seinem Lebensdienstverweigerer aus allen Hosentaschen quillt, gehörte, als Büchner sie dem jungen Kerl um 1835 auf den Leib schrieb, noch nicht zur Grundausstattung jedes ehrgeizigen Literaturstipendiaten.
Auch der liebreizende Leonce in der Kinderfassung des unsterblichen Lustspiels Leonce und Lena mopst sich ganz hinreißend in seiner Sandkiste, drückt sich vor der Parade und will partout die Prinzessin Lena nicht heiraten (bloß nicht bei jedem Kusse schon „die Kochtöpfe rasseln hören“, schrieb Büchner an seine Braut). Die schwarzen Grübeleien über die einzige romantische Liebe, die Büchners Leonce weiland vermutlich direkt aus dem libertären Frankreich importiert hat – „Mein Gott, wieviel Weiber hat man nötig, um die Skala der Liebe auf und ab zu singen? Kaum, daß Eine einen Ton ausfüllt“ –, fallen in der Kinderfassung zum Wohle der Kleinen etwas sanftmütiglicher aus. Leonce, der aus dem Königreiche auszieht, um endlich glücklich zu werden, gerät in einen großen Wald. Lena, die nur einen Mann heiraten will, der ihr „im Herzen ähnlich ist“, hat es auf ihrer Flucht vor der Vernunftsehe in den nämlichen Wald verschlagen. Wie die Liebe so spielt. Ein zartes Stimmchen, ein Lächeln, ein Herzschlag, ein bisschen Mondlicht, ein leises Ach – und im Hintergrund, nein, da scheppern nicht die Kochtöpfe, da singen die Vögel des Waldes ihr schönstes Lied für die Verliebten.
So ganz entbüchnert und befreit von Melancholie und Bissigkeit ist das schöne Werk zum Glück nicht. Die Prinzessin immerhin weiß vom Leben schon einiges mehr, als es einer Prinzessin gut tut, zum Beispiel, dass es „Menschen gibt, die unglücklich sind, bloß weil sie sind“. Eine Wahrheit, die den Kindern zuzumuten ist. Wie dieses ganze herrliche Buch, in dem wunderbarerweise alles umgekehrt zugeht wie im Leben. Während sich herkömmlicherweise meist die Falschen finden und denken, sie wären die Richtigen, finden sich hier die Richtigen und denken, sie wären die Falschen. Die Hochzeit ist ein rauschendes Fest. Weder Leonce noch Lena wissen, wen sie da eigentlich heiraten. Doch als die Braut nach vollzogener Trauung den Schleier hebt, sind alle glücklich: Die Liebe des Herzens und die Interessen des Staates haben sich wie durch ein Wunder vereint. Darauf gibt es Bratklopse für alle und ein bisschen Chagall für die mitlesenden Eltern: Prinz und Prinzessin fliegen über ihr kleines Reich, die Fähnchen flattern, und die Flügel des Glücks schimmern verschämt durch das Brautkleid.
Ein gelungener Versuch, Weltliteratur ins Kindliche zu übersetzen, von Katja Bandlow fantasievoll illustriert, abgründig-naiv, in nachdenklich-nächtlichen Farbtönen.
Beate Kirchhof/Katja Bandlow (Ill.): Leonce und Lena
Eine wundersame Geschichte; Picus Verlag, Wien 2004; 48 S., 12,90 Euro (ab 5 Jahren)
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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