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Die Jury von ZEIT und Radio Bremen stellt vor: Ron Koertges Jugendroman „Monsterwochen“
In den Rialto-Lichtspielen ist eine „Monster-Woche“ angekündigt, heute läuft Für Benjamin Bancroft ist das Klassiker-Paket eine Verheißung: „Wer jemals behauptet hat, ein Mensch könne keine Insel sein, war nie an einem Freitagabend im Rialto.“ Das ganze Rialto ist eine Insel, ein Relikt aus dem vordigitalen Zeitalter, Treffpunkt für „Außenseiter und Maschinenstürmer. Schiffbrüchige und Exilanten“. Aber das wird kein ruhiger Kinoabend heute. Benjamin, der Ich-Erzähler steht an der Theke für Knabberzeug, Kaubonbons und Dr. Pepper, als von hinten eine Stimme zischt: „He, leih mir mal zwei Dollar.“
Colleen ist das, Colleen Minou. Die gehört sonst wohin, ins Rialto gewiss nicht. Das Drogengirl der King-Highschool ist die aktuelle Braut von Ed Dorn, und der ist Zampano in einer anderen Szene. Da hat man Stoff, Vorstrafen und einen Chevrolet Camaro. Warum hockt die sich ins Kino? „Egal. Hauptsache, ich muss nicht mit Ed bumsen.“ Jetzt sitzt sie ganz eng neben unserem passionierten Cineasten – und schläft ein. Frankensteins Braut hat keine Chance, Ben konzentriert sich aufs Stillhalten, aufs Atmen, „ganz allgemein auf das Gefühl, den Kopf eines Mädchens auf der Schulter liegen zu haben“.
Das bleibt nicht allgemein und geht alles ganz schnell bei dem amerikanischen Autor Ron Koertge, der geschickt, fast in der Manier eines Roadmovies, die Beziehung eines ungleichen Paares inszeniert. Colleen, schnoddrig, attraktiv, direkt und hemmungslos, bändelt ganz unbefangen mit Ben an. Und das ist ihm noch nie passiert. Denn Ben ist behindert, leidet unter CP, den Folgen einer zerebralen Kinderlähmung, hat kaum Kontrolle über die Bewegungen seines linken Arms, zieht hinkend das linke Bein nach, ein „Spasti“, den alle mehr oder auch weniger freundlich ignorieren. Da, schon wieder: „Ihre Augen sind direkt auf mich gerichtet. Niemand guckt mich direkt an.“ Colleen macht das: „Du kannst dich nicht irgendwie operieren lassen oder so?“ Nein, das geht nicht.
Ein schräges Paar, sie mimt die perfekte Schlampe und nimmt die Welt als Joint, er, der Musterknabe, der bei seiner akkuraten Großmutter lebt, kennt immer die passende Filmszene samt Kameraeinstellung und Ausleuchtung. Ron Koertge macht die Beiläufigkeit zum Prinzip und ist ein Meister der lyrischen Verdichtung. Die Spontaneität und der Witz der Dialoge sind lustvoll, hintergründig und nie übersteuert. Bei der zweiten oder dritten Lektüre wird nichts blasser, man entdeckt Neues.
Eine Erweckungsgeschichte. Colleen zeigt Ben den Sex und Marcie, die neue Nachbarin, ermutigt ihn, seinen ersten Film zu drehen. Highschool Confidential sammelt dokumentarisch launige Statements der Mitschüler. Aber Marcie ist nicht zufrieden mit ihrem Schützling, „alles so vordergründig“, keine Zwischentöne: „Wenn ich Klischees sehen will, mache ich den Fernseher an.“ Ben hat eben nur Interviews geführt, und das reicht ihr nicht: „Du musst mit ihnen sprechen.“ Diese Frau spricht für den Autor, eben dieses Hineinhören ins Lapidare ist Programm und großer Vorzug des Buches.
Koertge hat das mit der Präzision eines Lyrikers schon einmal vorgeführt. Der Tag X. Die Zeit läuft, so heißt sein im November 2003 ebenfalls in der deutschen Übersetzung von Heike Brandt erschienenes Buch über eine drohende, im letzten Moment verhinderte Schießerei an einer Highschool. Ein Chor aus isolierten Stimmen, 15 Schüler sprechen im Wechsel. So entsteht ein dichtes Mosaik aus knappen Texten, „Highschool Confidentials“ zwischen Pandämonium und Protokoll: Bekenntnisse, Befindlichkeiten und wuchernde Fantasien, eine Komposition, die auf das Wissen eines Erzählers ganz verzichtet. Da ist es einer der Schüler, der wohl Koertges verborgenen Impetus des Beobachtens ausspricht: „So bin ich wie einer von den Uramerikanern, die konnten Wasser schmecken, Erde hören und den Himmel lesen.“
Die Monsterwochen von Ben und Colleen bleiben eine Episode. Während er noch an seinem Film feilt, scheitert sie daran, von den Drogen loszukommen: „Süßer, ich bin ein bisschen angetörnt.“ Jetzt will sie zum Tanzen. Da wartet schon einer, der heißt Nick oder so, fährt einen Firebird. Es ist die Schlussszene – und Ben schildert sie filmreif mit dem Blick eines Jungregisseurs.
Ron Koertge: Monsterwochen
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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