Ab 5 Jahren Eine Stadt blüht auf

Über die Kraft und die Schönheit des Weinens

Paolo Piangino ist ein unscheinbarer Mann. Er trägt Hemd und darüber einen einfarbigen Pullover, stellt seine Pantoffeln gerade hin. Er ist höflicher Junggeselle, hält sich eine Katze, liebt den Stadtpark und Zartbitterschokolade. Er ist ein Einzelgänger, der gern Bücher liest und Radio hört. Und dabei weint er – bei trauriger Musik genauso wie bei fröhlicher, bei Geschichten mit traurigem wie mit glücklichem Ende. Kurz: Er ist ein glücklicher Mann, und das zeigen die roten Blumen. Wo immer er seine Tränen vergießt, wachsen auf der Stelle große rote Blumen. Für Paolo nicht der Beachtung wert, löst das in der Stadt eine Hysterie aus. Die Leute im Café fangen zu stottern an und stoßen ihre Weingläser um. „Sie erzählten es allen, die es nicht gesehen hatten, und diese erzählten es allen, die es noch nicht wussten.“ Schon bald geht niemand mehr ohne Blumenschere oder Fotoapparat aus dem Haus, im Park wird Paolo schon erwartet.

Was folgt, ist absehbar: Paolo verweigert sich der ungewollten Öffentlichkeit, um wieder Zeit für seine Geschichten zu haben. Die Stadt fällt vom Blumenhoch in eine Depression, die Politik schaltet sich ein. Der Stadtpräsident und sein Berater ernennen Paolo zum Blumenkönig, womit die Angelegenheit zum Medien-Hype wird. Paolo ist nun ein Star, der, auf der Bühne weinend, vom Publikum frenetisch gefeiert wird. Es bleibt ihm nur der Rückzug: „In der folgenden Nacht, als alle Fotografen schliefen, stach er in See.“ Das Ende ist nicht happy – Paolo bleibt verschwunden, seine Blumen wandern ins Museum –, aber zuversichtlich, denn die Leute fangen an, bitterlich zu weinen. Und wo die Tränen der Erwachsenen, Kinder und Haustiere zu Boden fallen, wachsen zaghaft rote Blumen.

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Eine Katharsis also, mit der reinigenden Kraft von Tränen, die nun als Lebensquell verstanden werden. Eine Geschichte zum Weinen schreibt Sandra Luchsinger im Untertitel doppeldeutig. Für Kinder, die Weinen hauptsächlich als Ausdruck von Trauer und Schmerz kennen und meist gelernt haben, es als Zeichen von Schwäche zu sehen, für Kinder ist das Buch eine starke Gelegenheit, sich von der Kraft des Weinens zu überzeugen und Weinen und Glück nicht als Gegensatz zu verstehen.

Wunderbar gelungen sind die Bilder mit den herzlichen, comichaften Figuren, dem holzschnittartigen Stil und den sehr sparsam gewählten, gedeckten Computerfarben. Dabei steht der Computer nicht im Vordergrund, dient vielmehr – wie etwa bei Nadia Budde oder Silke Tessmer – als eins von mehreren Malmitteln. Geradezu meisterhaft ist außerdem die Bild-Text-Relation. Wo der knappe Text nur andeutet, erzählen die inhaltsstarken Bilder und treiben die Geschichte voran. Sie nehmen Dinge vorweg, verdeutlichen das Ausmaß der Hysterie und erzählen kleine Geschichten am Rand. Der jungen Schweizerin Sandra Luchsinger ist mit diesem Debüt ein Gesamtkunstwerk geglückt, das zu Recht mit dem Schweizer Bilderbuchpreis 2003 ausgezeichnet wurde.

Paolos GlückBilderbuchKinder- und Jugendbuch5Eine Geschichte zum WeinenSandra LuchsingerBuchAtlantis Verlag2004Zürich13,9032
 
  • Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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  • Schlagworte Stadt | See | Literatur | Wein | Depression | Hysterie | Kinder
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