Ab 5 Jahren Mitten im Glück
Der Cartoonist Hans Traxler erzählt eine herzerwärmende Bilderbuchgeschichte
Die alte Martha lebt in einer großen Berghütte auf der Riedmoos-Alm, allein mit ihrem Schwein Emil, zwei Stunden Fußweg vom Dorf entfernt, sie ist dem Himmel näher als den Menschen. Nicht die Ladenöffnungszeiten, die Jahreszeiten bestimmen ihren Lebenslauf. Abends nach getaner Arbeit sitzt Martha unter rot gefärbtem Firmament, und die Vögel singen ein Lied. „Schöner als Martha kann man nicht leben“, schreibt Hans Traxler in seinem Bilderbuch Komm, Emil, wir gehen heim . Im Frühling sät Martha Gemüse, im Sommer zupft sie Unkraut und erntet bis in den Herbst hinein, um für den kalten Winter Vorräte anzulegen.
Das Wenige, was die alte Frau hat, teilt sie mit Schwein Emil. Nicht aus Nächstenliebe, wie man städtisch-romantisch denken mag, sondern um Emil groß und fett zu mästen, wenn sie mit ihm im Herbst zum Schlachthof wandern wird, um mit seinen köstlichen Würsten und dem Fleisch über die Wintermonate zu kommen. Eines Tages ist es so weit: Martha bricht mit Emil ins Tal auf. Das Schwein schöpft Verdacht, schon bald riecht es das Blut toter Tiere, die ausgenommen, gehälftet und mit Lastwagen abtransportiert werden. Eine Weile schaut sich Martha das an und überlegt es sich dann anders. Gemeinsam treten sie den weiten steilen Weg zurück zur Hütte an.
Hans Traxler erzählt aus einer anderen Welt. Einer Zeit, in der das Kotelett noch vom Schwein kam, die Erbsen in Schoten und nicht in Dosen groß wurden, morgens die Kuh muhte, um gemolken zu werden, und Holz gehackt werden musste. Es ist eine Zeit, in der Mensch und Tier – im Büchnerschen Sinne – einander noch vertraut waren.
Hans Traxler zählt wie Robert Gernhard und F. K. Waechter zur Neuen Frankfurter Schule, war Cartoonist der ersten Stunde bei pardon und Titanic. Jetzt feiert er seinen 75. Geburtstag, und das Wilhelm-Busch-Museum in Hannover (www.wilhelm-busch-museum.de) zeigt bis zum 31. Mai fünfzig seiner Originalzeichnungen.
Traxlers Bilderbuch Komm, Emil, wir gehen heim ist von einer altmodisch aufrichtigen Gradlinigkeit, die das Zynische meidet, das Sarkastische scheut, hinter der ein wehmütig-ernster Zorn lauert. Traxler zeichnet und erzählt mit wissender Unschuld, niemals naiv, aus einer zutiefst humanen Sicht. Bei ihm gibt es sie noch, die guten Dinge und Menschen: Teekessel und Topflappen mit Häkelrand, Nachttopf unterm Bett und Vogelspuren im Schnee, Schlachterburschen mit blutigen Schürzen und sorgende Nachbarn.
Unspektakulär still nimmt die Geschichte von Martha und Emil ihren Lauf. Marthas Altruismus wird belohnt, weil er ohne Falsch ist. Die Dörfler bringen voll gepackte Schlitten zu ihr auf die Riedmoos-Alm, und Martha kann den nächsten Winter leben wie die Made im Speck. Und Emil wartet wieder mit.
- Datum 12.05.2009 - 18:11 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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