Moskau

Die Fernsehkameras sollten ein heiles Tschetschenien übertragen. Noch am Tag zuvor hatten die Malerbrigaden das Stadion in Grosnyj mit himmelblauen Säulen und weißen Laufbahnlinien verziert. Doch die Bilder vom Feiertag des "Sieges über den Hitlerfaschismus" zeigten, dass sich hinter den übertünchten Fassaden weiterhin Leid und Tod verbergen.

Die Bombe explodierte unter dem Betonboden der VIP-Tribüne. Vermutlich hat sie der Attentäter per Kabel ausgelöst, um eine der unzähligen offenen Rechnungen im tschetschenischen Gewaltdreieck aus weltlichem Machtkampf, religiösem Hass und Blutrache zu begleichen. Der Sprengsatz tötete Tschetscheniens Präsidenten Achmed Kadyrow, der die Anschläge auf sein Leben schon lange nicht mehr zählte.

Die Druckwelle des Attentats warf den russischen Präsidenten Wladimir Putin in Moskau in die Anfänge jener Mission zurück, die vor gut vier Jahren seinen Aufstieg begründete: den erbarmungslosen Kampf zur "Befriedung Tschetscheniens". Zwei Tage nach seiner im Kremlgold prunkenden Vereidigung zur zweiten Amtsperiode verlor er den Hauptdarsteller für seine Normalisierung im Nordkaukasus. Kadyrow, der ehemalige Mufti und gewendete Freiheitskämpfer, hinterlässt in seiner mit Waffengewalt privatisierten Republik ein Vakuum. Putins Strategie der Tschetschenisierung des Konflikts ist vorerst gescheitert.

Dabei sah es in den letzten Monaten aus Moskauer Sicht so gut aus: Die Rebellenführer Ruslan Gelajew und Abu Walid wurden getötet. Ein früherer enger Gefährte des separatistischen Expräsidenten Aslan Maschadow stellte sich den Polizeitruppen. In Genf lehnte die Mehrheit der Länder der UN-Menschenrechtskommission eine Verurteilung Russlands ab. Der Überlebenskampf der Tschetschenen ist aus dem Blick geraten. Für westliche Journalisten bleibt die Republik noch mindestens fünf Jahre Sperrzone, wie der Pressesprecher des Geheimdienstes FSB in Grosnyj zufrieden versichert. Er möchte ein Land verbergen, in dem die Menschen tagsüber für Propagandabilder neue Rosenrabatte zwischen den Ruinen pflanzen und nachts vor maskierten Todesschwadronen zittern. Wo der letzte Rest Glauben an die Gerechtigkeit gerade dann zerbricht, wenn sich die russische Justiz ihrer einmal entsinnt.

Das Verbrechen, das vor dem Militärgericht in Rostow am Don verhandelt wurde, geschah am 11. Januar 2001. Eine Spezialeinheit des militärischen Aufklärungsdienstes GRU beschoss beim Örtchen Daj in den tschetschenischen Bergen einen vorbeifahrenden Jeep, da der Fahrer angeblich ein Stoppsignal nicht befolgte. Als die Soldaten das Auto durchsuchten, fanden sie sechs unbewaffnete Zivilisten, davon einen bereits tot, zwei verletzt. Der befehlshabende Hauptmann bat per Funk um weitere Anweisungen der Kommandostelle. Im Prozess schwor er, sein Vorgesetzter habe befohlen, die Insassen zu erschießen. Die Soldaten übergossen das Auto mit Benzin und zündeten es an, um die Tat zu vertuschen. Vor zwei Wochen entschieden die Geschworenen auf Freispruch. Die Soldaten hätten auf Befehl gehandelt. Auf wessen, wurde nicht geklärt. Die Entscheidung kommt einer Lizenz zum Töten friedlicher Tschetschenen gleich. Das Urteil gibt die allgemeine Stimmung in der Gesellschaft wieder.

Das Morden in Tschetschenien geht derweil weiter. Meldungen über "vernichtete Banditen" und in die Luft gesprengte Armeejeeps haben die Alltäglichkeit des Wetterberichts. Nach inoffiziellen Schätzungen sind 25000 Soldaten und Polizisten in beiden tschetschenischen Kriegen umgekommen. Die Zahl der getöteten Zivilisten beträgt Zehntausende. Allein im ersten Vierteljahr 2004 wurden mindestens 78 Menschen entführt und 30 von ihnen umgebracht.

Tschetscheniens Präsident Kadyrow trug Mitverantwortung für die Gesetzlosigkeit. Seine Popularität war gering, obwohl er aus einem der bedeutenden Clans der Republik stammte. Er galt als Verräter, der sich den Russen kritiklos andiente. Mit Einschüchterung und Gewalt baute sich Kadyrow Tschetschenien zur persönlichen Republik aus.