Väter
Glücklich ohneSeite 2/2
Die schnellen Sprüche über die freiwillig Kinderlosen sind in den letzten Jahren nicht weniger boshaft geworden. Jetzt entstammen sie ironiefrei der sozialpolitischen Agenda. Deswegen räume ich durchaus einen Verstoß gegen den Generationenvertrag ein, aber nur einen kleinen. Denn ich finanziere einen prozentual sehr hohen Anteil meiner Altersversorgung selbst, weil ich lange wenig verdient und wenig eingezahlt habe. Am Ende wird nur eine staatliche Mikrorente dabei herausspringen, wohl weniger als der Betrag, mit dem ich jetzt meine Mutter unterstütze. Übrigens: Gegen die Subventionierung der Kinder anderer Leute in der Renten- und Krankenversicherung sowie über den staatlichen Lastenausgleich habe ich nichts. Wohl aber stört mich enorm, dass ich durch das Steuersplitting auch noch anderer Leute Ehe mitfinanziere.
Alles in allem: Mich ärgert es, mein individuelles Recht auf Kinderlosigkeit immer stärker gegen eine totalitäre, angeblich gesellschaftliche Pflicht zum Kind verteidigen zu müssen. Dabei geht es mir nur um eines: Soweit ich mich zurückerinnere, wollte ich noch nie ein eigenes Kind. Ich habe es mir nie zugetraut. Bis heute besteht meine Vorstellung von Vaterschaft nur aus Pflichten und Gefahren. Das bringt aber keinen Horror hervor, sondern nur Desinteresse. Die Begeisterung von Eltern für ihre Aufgabe macht mich ratlos, obwohl ich sie ihnen gönne. Selbst in tiefen Gesprächen habe ich keine Spur eines verdrängten Wunsches entdecken können, den viele bei mir gesucht, aber nicht gefunden haben. Falls die Unsicherheit von meinen Eltern stammt, haben sie es gut verborgen; meine eigene Kindheit birgt jedenfalls keine auffallenden Schrecknisse. Oder fehlt mir ein Repro-Gen? Die Liste der Negationen lässt sich noch fortsetzen: Vielleicht hätte ich einfach mal eine Vaterschaft als Mutprobe betrachten sollen? Aber deswegen setze ich doch kein Kind in die Welt und zahle noch dafür. Auch nicht, um den Familiennamen weiterleben zu lassen oder um meinen Kontakt zur nächsten und übernächsten Generation herzustellen oder um nicht zu verkauzen oder um Unsterblichkeitsfantasien auszuleben. Wäre ich Buddhist, würde ich vermutlich von Bescheidenheit sprechen. Bin ich aber nicht. Ich fordere nur, dass die Wunschlosigkeit im gleichen Maße respektiert wird wie der Wunsch.
Natürlich verlange ich von meinen Partnerinnen viel, manchmal zu viel. Fast immer hat die Kinderfrage meine Beziehungen beeinträchtigt oder gar zerstört. Einmal versagte die Verhütung, der Konsens überlebte den Termin nur kurz, nachher der Schrei: »Du Mörder meines Kindes!« Ich kenne das argwöhnische Horchen der Frau auf das Ticken der biologischen Uhr, die Bedrückung über den langsam aufziehenden Großkonflikt, das stille Leiden und die Wutanfälle wegen Schwangerschaftsvorenthaltung. Ohne Wunsch, kein Kind – wenn eine Seite dergestalt unnachgiebig ist, behält sie die Entscheidungshoheit, Gift für jede Beziehung. Aber auch wenn sie darunter leidet: Ich kann das Recht am eigenen Kind nicht abgeben.
Nur in Beziehungen mit Müttern ist dieses Problem bisher nicht aufgetaucht. Scheu vor ihren Sprösslingen habe ich nicht. Allerdings: Weil ich viel unterwegs bin und mich schon mal außerhalb meines Wohnortes verliebe, führt dies häufig zur Fernpendelei. Die wiederum bringt es mit sich, dass die Kinder an den Wochenenden, die ungestört bleiben sollen, beim Papa landen. Vielleicht beschreibt »Interesse ohne Verantwortung« mein Verhältnis zu ihnen am besten. Ich traue mir da sogar mehr zu; dies zu testen war bislang allerdings nicht nötig.
Und am Ende? Im schlimmsten Fall muss ich ins Heim; daran würden wohl auch ein Sohn oder eine Tochter nichts ändern. Das hieße allerdings, dass vorher mein letztes großes Projekt gescheitert wäre: ein Altersheim in Selbstverwaltung, entweder in Zakopane am Fuß der Hohen Tatra oder in Palanga an der Ostsee, mit bezahlbaren Preisen für gute Dienstleistungen – Luzern in der Schweiz käme leider zu teuer. Möglich müsste zugleich eine Teilzeiteinsiedelei am Computer sein, um noch ein letztes Lexikon zu schreiben und damit die Rente aufzubessern. Zakopane übrigens, da habe ich schon vorgefühlt, käme in 20 Jahren auch für Nick und Sonja in Betracht. Die beiden Kinder könnten dann zu Besuch kommen und nicht nur die Enkel mitbringen, sondern auch Kuchen für alle.
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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