Der Haken muss singen
Freeclimbing ist gar nicht so frei. Der Kletterer braucht Sicherungen im Felsen. Und die kann nicht jeder anlegen. Im Naturpark Fränkische Schweiz sind Könner am Werk
Wenn Hans Frost gut gearbeitet hat, wird dieser Tag nicht mit einem gebrochenen Bein enden. Der Kletterhaken, der verhindern soll, dass ich ungebremst acht Meter tief auf den Waldboden stürze, wirkt zumindest solide: eine Stahlschlinge, acht Millimeter dick, die Frost hier vor Jahren in den Fels gesetzt hat. An der Schlinge hängt ein Karabinerhaken, durch den ein Seil läuft; das Seil endet anderthalb Meter weiter oben mit einem Knoten an meinem Klettergurt. Unten sichert Frost. Oben soll ich jetzt nach hinten hopsen und sicher abgefangen werden. »Spring, das hält«, sagt Frost von unten. Frost ist 61. Er klettert seit vierzig Jahren. Er hat viele Sicherungen gesetzt und viele Stürze gesehen. Jemandem wie ihm sollte man glauben können.
Der Tag, der nicht mit einem gebrochenen Bein enden soll, beginnt mit brüchigem Fels. Jürgen Kollert hat sich mit Hammer und Akkubohrmaschine am Kurfürsten abgeseilt, einem der 800 Felsen im Naturpark Fränkische Schweiz. Kurz über den Wipfeln der Bäume hängt er; und würde er sich umdrehen, könnte er sehen, wie in den Wäldern von Deutschlands größtem und bekanntestem Klettergebiet die Blätter knospen. Doch Kollert baumelt mit Blick zur Wand und schimpft: »Da hält ja nichts.« Er klopft mit dem Hammer gegen den Kalk. Ein paar Gesteinsbrocken lösen sich und donnern zehn Meter unter ihm auf den Boden. Er klopft weiter, horcht und findet schließlich eine Stelle, die nicht nach bröckeligem Fels klingt. Eine gute Stelle zum Bohren.
Jürgen Kollert, Hans Frost und Rolf Schweickert sind zum ersten Mal in diesem Jahr in die Wälder zwischen Bamberg, Bayreuth und Nürnberg gestapft, um in einen der Kletterfelsen neue Sicherungshaken zu setzen. »Einen Felsen sanieren« nennen sie das, wenn sie die alten Haken austauschen, die über Jahrzehnte rostig und morsch geworden sind. Ihr Sport heißt zwar Freiklettern, Freeclimbing oder Sportklettern – aber »frei« heißt nur: ohne Hilfsmittel, also ohne Steigeisen oder Strickleitern. Es heißt nicht: ohne Sicherung.
Die Arbeit machen sie aus Enthusiasmus. Bezahlt werden sie nicht. Alle drei sind Mitglieder der Interessengemeinschaft Klettern. Der gemeinnützige Verein legt zusammen mit Umweltschützern und der Naturparkverwaltung fest, in welchen Teilen des Parks geklettert werden darf und in welchen nicht. Er achtet auch darauf, dass die Kletterer sich daran halten – so gut das eben geht in einem Gebiet, das mehr als 230000 Hektar umschließt. Und sie halten die Felsen in Schuss.
Kollert angelt nach der Bohrmaschine, die an einer langen Schlinge von seinen Schultern baumelt: ein viereinhalb Kilo schweres Bauwerkzeug mit 36-Volt-Akku. Er schaukelt ein Stück nach rechts, stemmt die Beine gegen die Wand und setzt dort an, wo es vorhin nach festem Gestein klang. Dreißig Sekunden schraubt sich der Bohrer in den Fels, ein wenig staubt es, das war’s. Zehn Meter weiter unten raschelt es im Laub. Zwei Wanderer, die quer durch den Wald marschiert sind, bleiben neugierig stehen und blicken hinauf. Kollert bemerkt sie gar nicht.
Es braucht ein bisschen Physik, um zu erklären, warum Kollert so sorgfältig klopft und bohrt und warum sich die drei so viel Zeit nehmen, dass am Ende des Tages nur dreizehn neue Haken in den Wänden stecken. Angenommen, Kollert würde morgen hier klettern, er würde stürzen und müsste sich auf einen dieser Haken verlassen. Kollert wiegt um die 80 Kilo, und angenommen, er stürzte fünf Meter tief. Nach diesen fünf Metern würde er mit einer Wucht ins Seil knallen, als zöge ihn für einen Sekundenbruchteil ein Gewicht von vier Tonnen nach unten. Den größten Teil dieser Wucht würde das Seil selbst bremsen, weil Kletterseile so konstruiert sind, dass sie sich dehnen, um einen Sturz langsam abzufangen. An dem Haken würde trotzdem ein Stoß reißen, als hätte man einen Kleinwagen daran aufgehängt.
»Eigentlich kann nichts passieren, wenn man richtig gearbeitet hat«, sagt Kollert und friemelt eine der Metallschlingen aus dem Beutel, der an seinem Gurt baumelt. »Wenn« und »eigentlich« spricht er ein bisschen deutlicher als den Rest des Satzes: Wenn es warm genug ist, dass der Mörtel trocknen kann. Wenn das Gestein nicht zu weich ist. Wenn die Haken nicht mit Zement festgepappt sind, der sie im Felsen rosten lässt. Eigentlich sollte niemand einen Haken anbringen, der nicht weiß, was er tut.
Kollert pustet mit einer Pumpe den letzten Staub aus dem Bohrloch, drückt Verbundmörtel in den Fels und hämmert den Haken in die Wand. In den Ohren klingelt das Geräusch von Stahl, der auf Stahl schlägt. »Hört mal, wie der singt«, ruft Kollert nach unten. »Wenn er singt, dann hält er«, ruft Frost zurück. Hammer und Haken singen wie eine Gitarrensaite beim Stimmen: Jeder Schlag klingt etwas höher. Kollert wischt einen Rest Mörtel an seiner Hose ab, die am Oberschenkel im Laufe der Jahre zu einer grauen Platte zusammengepappt ist. Dann seilt er sich ab und landet unten neben Schweickert und Frost. »Schaut euch das an«, sagt er und kramt drei völlig verrostete Metallstücke aus seinen Taschen: alte Haken, die hier vor vielleicht vierzig Jahren in den Fels gehämmert wurden. »An so was haben wir uns damals gesichert mit Hanfseil um den Bauch«, sagt Frost, »aber wir sind damals auch nicht gestürzt – das war ja viel gefährlicher als heute.«
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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