Wiesbaden

Natürlich begleitet ihn die Frage weiter. Ob auf dem Deutschen Sparkassentag in Frankfurt, wo ihn die Moderatorin Petra Gerster mit der etwas plumpen Bemerkung einführt, sicherlich werde er in seiner Rede nicht verkünden, "ein Kanzler Koch wäre gut für Deutschland". Oder beim Redaktionsbesuch der türkischen Zeitung Hürriyet in Walldorf. Zu lange galt Roland Koch als der kommende Mann in der CDU, zu oft war sein Name genannt worden, als dass man diese Frage nun einfach beiseite legen könnte.

Also versucht es Hürriyet- Redakteur Ayhan Can und fragt, ob Koch 2006 Kanzlerkandidat werden wolle? "Eine Partei, die ihren Kandidaten mehr als sechs, sieben Monate vor der Wahl nominiert, macht einen Fehler", antwortet Koch freundlich und wiederholt den Satz, den er vor acht Wochen auf dem Landesparteitag der hessischen CDU in Oberursel zum ersten Mal ausprobiert hat. "Von mir wird es keine Initiative für eine Kanzlerkandidatur geben. Ich habe mich in Hessen eingerichtet."

Ayhan Can setzt nach, ohne Erfolg. Koch redet vom Mannschaftsspiel in der Partei und betont die "starke Stellung Angela Merkels". Schließlich schmeichelt ihm die Geschäftsführerin des türkischen Verlagshauses: Am Ende stünden bei Wahlentscheidungen doch die Personen im Mittelpunkt, Charisma sei wichtig. Richtig, erwidert Koch und verwandelt die Vorlage in ein bis dahin nicht gehörtes Lob für Merkel: Das System der Personalauswahl in den großen Parteien sei hart, "hier wird man nicht versehentlich Parteivorsitzender".

Die Karriere des Roland Koch, die vorgezeichnet schien, seit er mit 14 Jahren in seinem Heimatort Eschborn einen Ortsverband der Jungen Union gegründet hatte, hat in den vergangenen Monaten eine ungeahnte Wendung genommen. Kein sichtbarer Knick, sondern eine stete Abwärtskurve beschreibt seinen politischen Verkehrswert. Dabei setzte die Baisse just zu dem Zeitpunkt ein, da Koch scheinbar alle Voraussetzungen für höhere Ämter erfüllt hatte: Mit seinem zweiten Wahlsieg im Februar 2003 errang er im Hessischen Landtag nicht nur die absolute Mehrheit; der Erfolg vertrieb auch den Hautgout, der seit der umstrittenen Unterschriftenaktion gegen die doppelte Staatsbürgerschaft und der Parteispendenaffäre an ihm haftete.

Doch fast sieht es so aus, als hätte Koch damit auch seinen Nimbus als skrupelloser und unerschütterlicher Politiker verloren, dessen Weg zwangsläufig ins Kanzleramt führen würde. Koch begann, Fehler zu machen – vor allem im Duell mit Angela Merkel.

Ein ums andere Mal stellte er sich offen gegen die Parteichefin. Konflikte, die möglicherweise auch in der Sache begründet waren, erschienen in der Partei – und in den Medien – immer als Teil eines Machtkampfs. Zunächst weigerte sich Koch im vergangenen Sommer, an den Verhandlungen über die Gesundheitsreform teilzunehmen. Dann beharrte der Hesse im unionsinternen Streit über ein mögliches Vorziehen der Steuerreform so lange auf einem strikten Nein, bis ihn schließlich sogar CSU-Chef Edmund Stoiber anpfiff: Wer "große Forderungen" an die Bundespolitik stelle, müsse erst einmal Ordnung im eigenen Land schaffen – eine unverhüllte Anspielung darauf, dass auch der Ministerpräsident Koch bis dahin großzügig Schulden angehäuft hatte, um die eigenen Wahlversprechen zu finanzieren. Stoibers Treffer zeigte Wirkung. Im September verkündete Koch mit der ihm eigenen Rhetorik "das größte Sparprogramm in der Geschichte Hessens". Im Vermittlungsausschuss fügte er sich murrend der Unionslinie: Er habe keine Lust, "die innerparteiliche Opposition zu spielen". Eine Einsicht, die ihn aber nicht daran hinderte, sich noch einmal effektvoll in Szene zu setzen.

Tatsächlich geriet die Kür des Präsidentschaftskandidaten der Union – kein Meisterwerk der Angela Merkel – für Roland Koch zum Desaster. Nicht nur, dass er selbst Anfang Januar vergeblich für Wolfgang Schäuble geworben hatte. Während der entscheidenden Sitzung des CDU-Präsidiums im März war es ausgerechnet Kochs Sprecher Dirk Metz, der, von seinem Ministerpräsidenten per Kurzmitteilung auf dem Handy informiert, unter den wartenden Journalisten die Nachricht verbreitete, Horst Köhler sei aus dem Rennen. Und damit einmal mehr den Verdacht schürte, Koch verfolge vor allem ein Ziel: die Pläne Merkels zu durchkreuzen.