Können wir schon den Vorhang unseres Entsetzens zur Seite schieben und die kulturellen Konturen der Folter in Abu Ghraib ausmachen? Wir haben keine Wahl. Denn das Bild als Folter begnügt sich nicht mit einigen wenigen paranoiden Tätern, wie uns Rumsfeld und seine Generalität glauben machen wollen. Es erschöpft sich auch nicht in Allgemein-Stereotypen wie "das System Bush", "USA" oder "die kapitalistische Produktionsweise des Krieges". Der clash of civilizations, in den sich die USA verstrickt sehen und in den sie uns verstrickt haben, zeigt uns in Abu Ghraib nichts weniger und nichts mehr als die mediale Finsternis unserer Kultur.

Die Slips und Büstenhalter an den Körpern der Gefangenen erweisen sich ebenso wie die höhnischen Fingerübungen ihrer weiblichen Bewachung als die Karikatur unserer eigenen Empörung über die vermeintliche islamische Entwürdigung des weiblichen Körpers unter der Burka. Handelt es sich also um pervertierte feministische Pornografie? Nicht nur. Der Vertrieb der Bilder führt in das Herz der Finsternis, wo Hohn in Vergewaltigung und Mord umschlägt. Dieser Teil der Ikonografie rührt an unsere tiefsten Wurzeln. Die Verhöhnung Christi vor seiner Ermordung ist das Zeichen seiner humilitas, der christlichen Demut. Demütigung als Produzent von Demut verheißt die Passionsbotschaft des Neuen Testaments. Der Bilderschatz des "christlichen Abendlandes" hat diese Wortverheißung abstoßend und faszinierend zugleich übersetzt und bewahrt.

Matthias Grünewalds Verspottung Jesu liefert das tragische Urbild der Säcke und Slips über den Köpfen der gefangenen Iraker im verhüllten Haupt des gefangenen Christus, Mel Gibson nur noch die Karikatur. Hinter der empathischen Wehklage um die "Leiden Christi", den Weinkrämpfen und Seufzern der Gläubigen, war längst eine mediale Kippfigur präventiver Angstabwehr entstanden. So berichten Augenzeugen, dass die Passionsspiele des Spätmittelalters immer wieder von Angriffen aus dem Publikum auf den verspotteten Christus gestört wurden. Das mediale Spektakel wirkte so tief auf die Gemüter ein, dass sich im Massensog jedes Mit-Leid verbot. In der Beteiligung an inszenierter Verhöhnung und Tortur wurde man der Angst Herr, selbst zu ihrem Objekt zu werden.

Mit solchen Gegenprojektionen wartet die Geschichte des europäischen Kolonialismus hundertfach auf. Im Bild des verspotteten, gequälten, gemarterten "Wilden" inszenierte Europa präventive Angstabwehr und pervertierte Integration in die Christengemeinschaft. So erinnert die mediale Produktion von Wirklichkeit und Bild in Abu Ghraib nicht nur an diese Bild-Wirklichkeit, sondern auch an Nietzsches These von der "Sklavenmoral" der christlichen Tradition, die sich durch Versklavung anderer zu erlösen trachtet. Das ist die dämonische Seite von Aby Warburgs "Bildgedächtnis" oder Stephen Greenblatts "mimetischem Kapital": dass wir uns in den Bildern von Abu Ghraib selbst begegnen, weil wir die Bilder heimlich kennen. Nicht nur die Gefangenen, auch wir werden gedemütigt.