Einer der Risse war seit letzten Sonntag breiter geworden. Ein halber Zentimeter in drei Tagen, mal nachrechnen, sagte sich Simone. Sie hatte viel Zeit. Dieser Riss bildete die lange Seite von einem unordentlichen Trapez aus lauter Rissen direkt über ihrem Bett. Sie hatte dem Trapez den Namen von Max gegeben, der vor ein paar Jahren verschwunden war. Sein Gesicht hatte eine ähnliche Form gehabt, aber geliebt hatte sie ihn trotzdem. Ein hässliches Gesicht war ihr lieber als ein hässlicher Körper, und Max war drahtig gewesen. Drahtig und amüsant. Wenn sie ihn an der Decke sah, amüsierte sie sich noch immer.

Max war da oben nicht allein. Die Lampe leistete ihm Gesellschaft – der Kleine Raik, wie Simone sie nannte, weil aus dem mit Gips verkleisterten Loch in der Decke mehrere Kabelenden hervorstaken und die Lampe unansehnlich herunterbaumelte, eigentlich bloß ein Kabel mit einer nackten Glühbirne, die ein grelles, dummes Licht verstrahlte. Seit Jahren wollte sie sie herunternehmen und etwas Hübscheres anbringen, aber sie war nie dazu gekommen. Die Decke war sehr hoch, und um die Lampe zu erreichen, brauchte sie eine höhere Leiter. Ein halber Zentimeter in drei Tagen bedeutete, dass sich der Stuck pro Tag um fast zwei Millimeter verschob. Vielleicht war in der Wohnung darüber jemand herumgehopst und hatte den Vorgang beschleunigt. Vielleicht würde er sich jetzt wieder verlangsamen.

Raik, ihr Mann, war groß genug. Er konnte die Lampe erreichen, der sie den Spitznamen Kleiner Raik gegeben hatte. Aber er ließ sich nicht dazu bringen, etwas zu reparieren, das sie repariert haben wollte. Er bastelte gern an irgendwelchen Sachen herum, aber nicht, wenn sie ihn darum bat, und sie hatte den Fehler gemacht, ihn zu bitten, und damit nur seinen Unwillen geweckt. Immer glaubte er, sie wolle ihn herumkommandieren. Doch diese Decke war ihre Decke, und dieses Zimmer war ihr Zimmer. In seinem Zimmer war alles in Ordnung. Wenn ihm dort eine Lampe nicht gefiel, wechselte er sie aus. Er wurde wütend, wenn Simone ihm einen Tipp gab, der sein Zimmer betraf. Einmal hatte sie ihm vorgeschlagen, den Schreibtisch nicht vor das Fenster zu stellen, weil sich die Vorhänge dann schlecht öffnen und schließen ließen. Er hatte gesagt: "Mein Zimmer geht dich nichts an", hatte den Schreibtisch vor das Fenster gestellt und die Vorhänge immer zugelassen.

Das hier war also ihre Decke. Der Anblick weckte in ihr das gleiche angenehme Wiedersehensgefühl, das sie früher beim Anblick ihres Balkongartens gehabt hatte. In dem Jahr, als sie Max kennen lernte und mit ihm ein Leben in einem richtigen Haus mit einem richtig großen Garten plante, hatte sie auf ihrem Balkon nichts gepflanzt. Und im Jahr darauf, als es diesen Plan nicht mehr gab, hatte sie den Balkon gemieden. Blumen machten ihr keine Freude mehr. Jetzt machte ihr die Decke ein bisschen Freude. Drüben am Fenster hatte sie sieben feine Risse, die nach verschiedenen Richtungen auseinander liefen. Simone nannte die Risse Laura. Sie erinnerten sie an Lauras Haare, die sie an der Jacke und der Hose ihres Mannes gefunden hatte.

Raik war stolz auf Laura gewesen, weil sie zweiunddreißig Jahre jünger war als er. Er hatte sich ihretwegen aber auch geschämt, weil sie nichts Besonderes war, eine Assistentin in seinem Büro, nicht sonderlich hübsch, mit einer piepsenden Stimme. Sogar die Sekretärinnen machten sich über sie lustig. Deshalb musste Raik die Affäre geheim halten. Aber er war verrückt nach ihr gewesen, und der Altersunterschied machte ihn fast hysterisch vor Glück, denn er bestätigte seine Vermutung, dass er selbst in Wirklichkeit noch gar keine dreiundsechzig, seine Frau aber schon eine alte Jacke war. Einige Monate lang war es ihm gleichgültig gewesen, dass Simone abends oft allein wegging – nach dem Abendessen, denn ein häusliches Leben hatten sie noch geführt. "Du Ärmste, deine Augenbrauen werden langsam grau", sagte er über dem Nachtisch, bevor er ins Bad ging und sein Gebiss bürstete, was er nur tat, wenn er Laura besuchen wollte. Beim Weggehen rief er dann: "Ich gehe noch mal ins Büro." Simone konnte seine Heimlichtuerei kaum übersehen. Eines Tages nahm er einige Notenhefte seiner Mutter aus dem Bücherschrank und verließ mit ihnen das Haus. Zu diesem Zeitpunkt wusste Simone schon von Laura und stellte sich vor, Raik habe sie überredet, Gesangsunterricht zu nehmen, so wie er zwanzig Jahre früher auch sie überredet hatte. Raiks Mutter war Gesangslehrerin gewesen, und er konnte so sachkundig über Lieder sprechen wie sonst kaum jemand. Wenn das Trapez namens Max weiter in diesem Tempo absackte, zwei Millimeter am Tag, würde es bald seinen Halt verlieren. Es würde abstürzen. Wie schwer mochte ein Brocken Stuck von dieser Größe sein?

Laura hatte sich bald wieder von Raik zurückgezogen und einen Liebhaber in ihrem Alter genommen. Raik war deprimiert gewesen, war aber darüber hinweggekommen, indem er sein Zimmer renovierte und außerdem darauf bestand, dass seine Frau ihm nun treu war und jedes Mal, wenn sie aus dem Haus ging, genau erklärte, wohin sie wollte. Er fand es nicht fair, dass sie eine Affäre hatte, wenn er keine hatte. Er wolle wieder glücklich verheiratet sein, verkündete er.

Sie hatte sowieso gerade mit Alfonso Schluss gemacht. Alfonso war noch herrischer als Raik gewesen – aber drahtig. Raik nahm mit seinem Körper jetzt den ganzen Platz ein.

Simone sah nach der Decke über der Tür. Dort war sie sauber, nicht verunstaltet. Keine Risse, nichts. Ein reiner Tisch. So wünschte sich Simone ihr Leben. Sie war fünfundvierzig und hatte sich schon mehrere Spritzen geben lassen, um die tiefe Falte zwischen ihren Augen zum Verschwinden zu bringen. Die Falte war aber immer wiedergekommen – eine Hieroglyphe für Traurigkeit.