Zauberfaden, luftgesponnen
Wenn Wünsche sich in Poesie verwandeln – Eduard Mörike zum 200. Geburtstag
Überraschend, aber zutreffend ist Hofmannsthals Bemerkung, dass ein Künstler den anderen Künstler nicht als Künstler, sondern als Handwerker schätze. Sie vermag zu erklären, weshalb Schriftsteller, die das Vorurteil und die Vorlieben ihrer Zeit überdauerten und eine klassische Geltung erhalten sollten, meist von ihren Kollegen entdeckt worden sind. Verspätet, dafür aber mit größerem Stimmaufwand folgen Verleger, Philologen, Lehrer, Leser dem zünftigen Urteil der Künstler. Von Eduard Mörikes Gedichten, die 1838 erschienen waren, wurden zu seinen Lebzeiten nicht mehr als 1500 Exemplare verkauft. Er war nicht populär, nicht einmal in seiner Heimat Württemberg, wo er vor 200 Jahren, im Jahre 1804, als Sohn eines Ludwigsburger Amtsarztes geboren wurde und wo alle Stationen seines Lebens zu finden sind – Tübingen und Schwäbisch Hall, Bad Mergentheim, Lorch oder Nürtingen, Cleversulzbach, natürlich Stuttgart, wo er 1875 starb . Allein die Dichter unter seinen Zeitgenossen – Keller, Storm, Geibel – zählten ihn zu den großen deutschen Lyrikern.
Erst nach Mörikes Tod verbreitete sich sein Ruhm unter den Gebildeten, vor allem durch Hugo Wolfs Vertonung seiner Gedichte. Nun wurde auch seinen schwäbischen Landsleuten bewusst, wen sie übersehen und vergessen hatten. Um dieses Versäumnis wieder gutzumachen, benannten alle württembergischen Städte eine Straße, eine Schule und eine Apotheke nach Mörike. Diese Lokalitäten färbten leider das Bild des Gefeierten: Sein Werk wird von denen, die es nicht gelesen haben, einem schwäbischen Biedermeier zugeschlagen, das man aus Heines Polemik zu kennen glaubt. Deshalb ist Mörikes Werk in der Gegenwart kaum noch gegenwärtig. Zwar gehört es für Kenner der deutschen Lyrik in jene höchste Klasse, die durch die Gedichte Goethes, Hölderlins, Brentanos und Rilkes bezeichnet wird. Die Bürger seiner Heimat jedoch fürchten mittlerweile, durch Anhänglichkeit an diesen Dichter sich als provinziell zu verraten. Bei dem größeren Publikum, das von der Lyrik und von der deutschen Literatur vor Fontane keine Notiz nimmt, ist der Name Mörike ein verschollener Klang.
Aus Elementen von Mörikes Biografie, die zunächst in das Tübinger Stift führt, zum Studium der Theologie, dann in Serie zu verschiedenen Anstellungen, die also Pfarrhäuser zum Hintergrund und den Familienkreis zur Grenze hat, und aus einigen Gedichten, die den Lesebüchern willkommen waren (wie Gebet oder Er ist’s), aus Titeln wie Das Stuttgarter Hutzelmännlein , Die schöne Buche , Der alte Turmhahn stellte sich das idyllische Bild einer Existenz und Dichtart her, das den vergangenen Ruhm wie die heutige Bedeutungslosigkeit zu erklären scheint. Wer aber seine sämtlichen Werke liest (es sind nicht viele), wird dieses geschlossene Bild nicht bestätigt finden. Sie bieten so viele verschiedene Themen, Stile, Formen, Töne, als ob sie von mehreren Dichtern wären.
Unter den Gedichten wechseln Stimmungsbilder der Tageszeiten, Lieder im Volksliedton, Klagen über das verfehlte Leben, romantische und scherzhafte Liebesgedichte, Nachahmungen antiker Gattungen, Gelegenheitsverse, Satiren auf Typen der Gesellschaft („Schnurrbartsbewusstsein trug und hob den ganzen Mann / Und glattgespannter Hosen Sicherheitsgefühl“), die frühesten Nonsensverse der deutschen Literatur („Der Kehlkopf, der im hohlen Bom / Als Weidenschnuppe uns ergötzt, / Dem kam man endlich auf das Trom,/ Und hat ihn säuberlich zerbäzt, / Man kam von hinten angestiegen, / Drauf ward er vorne ausgezwiegen“) – diese Vielfalt der Redeweisen ist nicht durch die Virtuosität zitierender Bildung hervorgebracht wie bei den Zeitgenossen Platen und Rückert. Mörikes Dichtung ist originär, weil sie sich einer einzigen Konstellation verdankt: dem poetischen Mythos eines „Geheimnisses“, wie er und seine Jugendfreunde es scheu und respektvoll nannten. Es bestand in einer erotischen Versuchung, der nur die Furcht widerstand, aus dem „Kelch der Sünden“ zu trinken und so der Bürgerwelt, dem Pfarrberuf, der Familie abtrünnig zu werden.
In der Lebenskrise des jungen Mörike, in die ihn sein Verhältnis zu Maria Meyer führte, konnte eine poetische Darstellung, die sich an mythische Bilder anlehnte, heilend oder wenigstens mildernd wirken. Der Leidenschaft zu diesem Mädchen von zweifelhafter Herkunft, einer geistreichen Landstreicherin, die allgemein als Schönheit gepriesen wurde und als Kellnerin diente, wäre der Achtzehnjährige nicht ohne Nachhilfe seiner Lektüre verfallen. In der wirklichen Maria glaubten Mörike und seine Freunde die erdichtete Mignon aus Goethes Roman Wilhelm Meisters Lehrjahre wiederzuerkennen. Die Romantiker, die diesen Roman variierten, verkörperten den Einbruch einer fremdartigen Poesie und Erotik in die prosaische bürgerliche Ordnung mit Vorliebe in der Gestalt einer Zigeunerin – wie auch Mörike in seinem Roman Maler Nolten . Unter dem Namen Peregrina, als fremde Pilgerin, kehrt sie in seinen Gedichten wieder.
Doch anders als Brentano, Arnim oder Eichendorff, die aus Goethes erdachter Figur ähnliche Figuren erdichteten, hatte Mörike die mignonhafte Maria mit eigenen Augen in Ludwigsburg und Tübingen gesehen, mit ihr gesprochen, mit ihr Liebesbekenntnisse getauscht. Wenn Traumbilder aus dem Buch ins Leben treten, steigert sich das Glück zum Schrecken. Was den Leser Mörike, dessen Fantasie von allen Umständen seiner eigenen Existenz absehen konnte, fasziniert hatte, verwirrte in der Wirklichkeit, in der Enge seines Daseins, die gewohnten, herrischen und doch lieb gewonnenen Verhältnisse. Für den Tübinger Stiftler, der Pfarrer werden sollte, den Sohn einer Familie, die auf ihre weitere Zugehörigkeit zum soliden Bürgertum setzte, war ein hergelaufenes Schankmädchen nicht der rechte Umgang. Weil Mörike dies selbst wusste, gab er dem Drängen der Verwandten nach, trennte sich von der „Zigeunerin“, flüchtete sich in eine Krankheit und wurde darüber zum Dichter, um so das entschwundene Leben in der Vorstellung für immer fest- oder fern halten zu können.
Damit diese Erfahrung des Wunsches, der Angst und des Verzichts zu Poesie, zu Mörikescher Poesie werden konnte, bedurfte es einer Umgebung, die diesen Traumgewinn und Realitätsverlust mit ihm teilte und in einer privaten Mythologie fortspann. Solche Mitdichter fand Mörike unter den Freunden im Tübinger Stift, die wie er Theologie studierten, aber von Dichtung und Erdichtung lebten, vor allem Wilhelm Waiblinger und Ludwig Amandus Bauer. Sie kannten das „Geheimnis“ und erfanden gemeinsam die Figuren, unter deren Namen es Mörike in einem Werk versteckt und enthüllt: Peregrina, Ulmon, Thereile, Wispel, der sichere Mann. Auch sie bewohnen das Fantasieland Orplid, das Mörike im Gesang Weylas beschwört:
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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