frankreich Rubens kommt auch

Die diesjährige Kulturhauptstadt Lille feiert ausgelassen und widerlegt das Klischee vom tristen Nordfrankreich

Der beste Riecher von Marrakesch kam in Frankreichs Norden zur Welt, wo die Schlote der Textilfabriken qualmten und das Land flach wie ein Frühstücksbrett ist. Serge Lutens, 1942 in Lille geboren, zog es nach seiner Friseurlehre in Richtung Süden. Zuerst in die Pariser Schönheitssalons, später nach Marokko in die Nachbarschaft von Mandelbäumen, Rosen und Jasmin. Dort komponiert er für Shiseido weltberühmte Parfüms, ist aber – nachdem Lille zur Kulturhauptstadt 2004 gewählt wurde – noch einmal in die alte Heimat zurückgekehrt. In der oberen Etage des Einkaufszentrums Euralille lässt er nun seinen »winzigen Wahnsinn« toben. Da findet bis November die Ausstellung statt, die in das Reich der Geruchserinnerungen entführt.

»Niemals wird man einen Geruch intensiver empfinden als am Anfang des Lebens«, weiß Lutens. Als Hommage an all die Witterungen der frühen Jahre entwarf der zierliche Kreateur sein mächtiges »Olfaktorisches Labyrinth«: ein begehbares Sperrholzgewölbe mit verschlungenen Gängen, in denen wärmflaschenartige Essenzbehälter ziemlich viel Dampf machen. Jede Schnüffelnische gibt ein Geruchsrätsel auf. Aha, das riecht nach kalter Kirche, nach Zichorie oder Bohnerwachs – so wie damals, als Serge Lutens ein kleiner Junge war und im Lille der Nachkriegszeit sein Duftgedächtnis schärfte.

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Stadtrundgang für Nasen: Das Olfaktorische Labyrinth

Wer nicht gut schnuppern kann, muss lesen. Schautafeln erklären, dass sich hier der Mief von Mottenkugeln mit einem Hauch von Veilchenseife mischt – wie eine Nase voll Luft aus Tante Célestines Waschkommodenschublade. Gleich nebenan wird einem warmen Tag von einst im Mai nachgespürt, als sich der Regen auf dem Kopfsteinpflaster der Altstadt und der Straßenstaub vermengten. Mit diesen Kreationen aus 350000 Einzelaromen, mit seinen ebenso betörenden wie verstörenden Mixturen, regt Lutens die Erinnerung an. Aber auch als Einstimmung auf die Stadtbesichtigung dient das Olfaktorische Labyrinth.

Denn wenn man den gläsernen Einkaufspalast Euralille des Stararchitekten Rem Koolhaas verlässt und die frisch gepflasterte Hauptgeschäftsstraße Rue Faidherbe hinaufschlendert, landet man bald im historischen Zentrum, wo vor einem halben Jahrhundert die Sinne des Serge Lutens erwachten. Aus den Estaminets, den traditionellen Restaurants, dringt der knoblauchhaltige Dunst von Miesmuschelsud. In den Schaufenstern des Meert, der stadtältesten Konditorei, stapeln sich Europas teuerste Vanillewaffeln, die der geborene Lillois Charles de Gaulle sogar in den Pariser Präsidentenpalast orderte. Vom stolzen Belfried der Handelskammer klingt ein Glockenspiel zur vollen Stunde, und unter den Arkaden im Innenhof der alten Börse schieben die Schachspezialisten schon wieder Bauern und Könige über das Brett. In neuem Glanz erstrahlen die prächtig renovierten Fassaden aus Renaissance und Barock, die den Grand’ Place – Lilles mittelalterlichen Präsentierteller – einrahmen.

Inmitten dieser typisch flandrischen Kulisse brummt die Szene. Hunderttausend Studenten bringen Drive in die 200000-Einwohner-Stadt. Junge Mode, reges Kneipenleben, internationales Flair. Künstler aus der Partnerstadt Shanghai haben am Theaterplatz einen Teepavillon installiert und eine Videoleinwand, auf der gerade ein chinesisches Feuerwerk Funken sprüht. Lille passt kein bisschen zu dem Negativimage, das über der Region Nord-Pas-de-Calais lastet. Victor Hugos Lamento von den Kellergewölben der Stadt, unter denen das rachitische Industrieproletariat dahinvegetiert, ist Literaturgeschichte. Vorbei die Ära von Kohle, Stahl und Textilindustrie. Seit 40 Jahren schon.

»Lille bildet den Knotenpunkt, an dem sich Moderne, ein reiches Kulturerbe und industrielle Tradition kreuzen«, sagt die sozialistische Oberbürgermeisterin Martine Aubry zum Auftakt der Vernissage von On a choisi Rubens! (»Wir haben Rubens gewählt!«). Und fordert: »Schluss mit der Schwarzweißmalerei! Mut zur Farbe!« Mit Verve hat sich die resolute Aubry für diese Ausstellung der knalligen Töne engagiert, in der 30 internationale Künstler ihre ästhetische Auseinandersetzung mit dem Antwerpener Genie feiern. »Rubens ist unter uns. Sein Licht leuchtet in Lille, hier hat er mit seinem kreativen Potenzial die Maler von heute angesteckt«, beschließt »Madame le Maire« mit glühenden Wangen ihre flammende Rede. Und ähnelt von fern und nur für einen Wimpernschlag einer der rosigen, pausbäckigen Putten des alten Meisters aus Flandern.

Künstlerische Vielfalt, Ausweitung des Kulturhauptstadtprojekts auf das nordfranzösische Dreieck Lille-Arras-Roubaix mit seinen 85 Gemeinden und 1,1 Millionen Einwohnern – dieser Ehrgeiz treibt die Organisatoren um. 76 Millionen Euro wird das Unternehmen »Lille 2004« kosten. Tausend Veranstaltungen mit 8000 Künstlern werden voraussichtlich doppelt so viele Touristen anlocken wie im vergangenen Jahr.

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