Im P100 chauffiert Carl Borgward seine Frau Elisabeth durch den abendlichen Bremer Vorstadtwald. Im Radio läuft "Du und ich / ich und du / und dein Auto dazu". Sie singen, als plötzlich die 19-Uhr-Nachrichten auf Radio Bremen melden: "Auf einer Pressekonferenz des Bremer Senats erklärte Wirtschaftssenator Karl Eggers, die Borgward-Werke seien erheblich verschuldet. Angesichts dieser Situation plane der Senat die Errichtung einer Auffanggesellschaft. Es würde nun mehr an Dr. Borgward liegen, der neuen Gesellschaft die Geschäftsführung zu übertragen."

Vier Tage später, am 4. Februar 1961, sitzt der Autofabrikant Borgward im Haus des Reichs der Bremer Bürgerschaft, gegenüber von Eggers und seinem Gefolge. Es geht um die Zukunft seines Unternehmens. Borgward kämpft um einen letzten Überbrückungskredit, doch der Bremer Senat dreht ihm den Geldhahn zu – endgültig. Nach zwölf Stunden zäher Verhandlungen gibt Borgward entnervt auf.

Seine drei Firmen Borgward, Goliath und Lloyd übereignet er dem Bremer Senat, der sie vor der drohenden Pleite bewahren soll. Borgward sieht dafür keinen Pfennig. Er denkt an seine Mitarbeiter – 23000 sind es. Er führte damals das viertgrößte Automobilunternehmen in Deutschland.

Bis heute ranken sich die Gerüchte um die Frage, ob Borgward Täter oder Opfer war. Es lässt sich nicht zweifelsfrei sagen, ob er als Geschäftsmann versagte oder in einem politischen Machtspiel unterlegen war. Beratungsresistent, ohne starken Partner und ohne finanzielle Reserven steuerte Borgward sein Unternehmen an den Rand des Abgrunds. Die Politiker, die in den folgenden fünf Monaten 50 Millionen Mark in der maroden Autoschmiede versenkten, trieben es dann in die Pleite.

Carl Friedrich Wilhelm Borgward wird am 10.November 1890 in Hamburg-Altona geboren. Er stammt aus einfachen Verhältnissen – sein Vater, ein Kohlehändler, muss 13 Kinder ernähren. Schon als Kind bastelt Borgward aus einem Uhrwerk, einem Zahnradgetriebe und einer Zigarrenkiste ein selbstfahrendes Auto – 25 Jahre bevor die Spielzeugindustrie auf die Idee kommt, Autos mit einer Feder anzutreiben. Nach einer Schlosserlehre studiert Borgward 1910 Maschinenbau. Er arbeitet sich nach oben: 1919 ist er Teilhaber der Bremer Reifen-Industrie-GmbH, eines 20-Mann-Betriebs, der Kühler und Kotflügel für den benachbarten Luxuswagenhersteller Hansa-Werke fertigt.

Um den Materialtransport zwischen Lager und Werkstatt auf dem Werksgelände zu erleichtern, kommt er 1924 auf die Idee, einen motorisierten Karren zu bauen. So entsteht Borgwards erstes Automobil – ein offenes Dreirad mit 2,2 PS und einer Ladekapazität von fünf Zentnern: der Blitzkarren. Borgwards Teilhaber, der Kaufmann Wilhelm Tecklenborg, verkauft die Lizenz für den Blitzkarren an die Reichspost, die damit die Bremer Briefkästen leert. Vier Jahre später – als der Blitzkarren Goliath heißt – fährt eine ganze Generation von Gemüsehändlern, Bäckern, Bauern und Handwerkern mit dem Gefährt auf Deutschlands Straßen. Mit dem Gewinn aus der Karrenproduktion übernimmt Borgward 1929 die Aktienmehrheit der Hansa-Lloyd-Werke.

Nach der Weltwirtschaftskrise liegt die Pkw-Produktion in den Hansa-Werken danieder. Borgward stoppt den Bau der Luxuswagen und konzentriert sich auf den Bau von Lkw für die Rüstungsindustrie.

Borgward expandiert – zu schnell für seinen Partner Tecklenborg, der die Ideenfreudigkeit Borgwards mit der Finanzkraft der Firma immer in Einklang zu bringen versuchte. "Wer nicht schwindelfrei ist, der sollte nicht auf Berge klettern", spottet Borgward, als Tecklenborg 1937 aus der Firma scheidet. Mit 47 Jahren wird Borgward zum Alleininhaber der größten deutschen privaten Autofabrik. Einen Partner duldet er fortan nicht mehr an seiner Seite.