Väter Perfekte Mannsbilder
Muskulös und mütterlich: Boulevardpresse und Kino preisen den sorgenden Superpapa
Einer der populärsten Filme der letzten Zeit handelt von einem alleinerziehenden Vater. Dieser Vater verliert seinen einzigen Sohn durch eine Entführung. Er hat allerdings eine Mitschuld an diesem Schicksal: Seine überbehütende Art hat den Sohn geradezu angetrieben, sich zu beweisen und leichtsinnig der Gefahr auszusetzen. Der überaus spannende und unterhaltsame Film erzählt davon, wie der Vater sein Versagen wieder gutmacht, seine eigenen Ängste überwindet und seine Väterlichkeit unter Beweis stellt, indem er den Sohn rettet.
Dieser Vater in Nöten ist ein kleiner orangefarbener Fisch namens Marlin, der seinen Sohn Nemo sucht.
Findet Nemo berührt Fragen, die Kinder und Eltern im Publikum gleichermaßen bewegen: Wie fürsorglich sollen, dürfen, müssen Väter sein? Wie streng? Sollen sie etwas Eigenes, Männliches in die Erziehung einbringen, oder geht es heute mehr darum, mütterliche Fähigkeiten zu erwerben? Wozu sind Väter eigentlich noch gut, wenn die Mütter alles das auch können, was Männer können? Väter werden umgekehrt doch niemals alles können, was Mütter können. Muss man das als Beweis für ein männliches Defizit sehen? Oder als Entlastung begrüßen?
Nicht nur der alleinerziehende Clownfisch ist mit diesen Fragen überfordert. Der gestresste, inkompetente Vater ist seit langem ein bewährtes Comedy-Schema. Eine seiner ersten und charmantesten Inkarnationen war Cary Grant als Witwer mit drei Kindern in Hausboot (1958). Die Erlösung kam hier noch in Gestalt von Sofia Loren, die mit Temperament und Humor die Patchwork-Familie mütterlich vervollständigte. In den jüngeren Komödien fällt die Mutter ex machina meist aus, die Väter bleiben allein zu Haus. Ihre moralische Bildung zu besseren Menschen ist das eigentliche Thema. Über Michael Keaton als Mr. Mom (1983) brach das Chaos zusammen, nachdem er sich, arbeitslos geworden, zum Hausmanndasein entschlossen hatte. Seither wird dieses Muster immer wieder zum großen Amüsement des Publikums variiert, am wirkungsvollsten in Drei Männer und ein Baby (1989). Immer wieder geht es bei allem Slapstick (stinkende Windeln! zu heiße Breigläschen!), der sich um mangelnde männliche Fürsorglichkeit dreht, in Wahrheit um die Erziehung des Gefühls. Aus arbeitssüchtigen Beziehungskrüppeln sollen einfühlsame, mütterlich-zugewandte Männer werden: Filme wie Big Daddy (1999), About a boy (2002), Kindergarten Dad (2003) sind nur die jüngsten Beispiele. Robin Williams verkleidete sich in Mrs. Doubtfire (1993) gar als ältliche Hauhaltsperle, um bei seinen Kindern sein zu können, die ihm von seiner geschiedenen Frau entzogen worden waren. Die Austauschbarkeit der Geschlechterrollen wird hier mit den absurden Mitteln der Travestie gefeiert. Etwas an diesem komischen Ausweg ist allerdings ziemlich unheimlich: Der Vater muss sich symbolisch kastrieren, um sich den Respekt seiner Familie zurückzuerobern. Nur als die bessere Mutter hat er im Kampf um die Kinder eine Chance. Das ist eine ziemlich bedrohliche Botschaft.
Im Gegensatz dazu inszeniert ein beliebtes Poster- und Reklame-Motiv den neuen Vater als Versöhnung von Männlichkeit und Fürsorge. Man sieht sehr wohltrainierte Männer, meist mit nacktem Oberkörper und Waschbrettbauch, muskulös wie die Chippendales, beim Halten oder gar beim Windeln eines Babys. In diesem Motiv kommen die Wünsche der Frauen nach einem zugewandten Mann zum Ausdruck, der aber bitte kein Weichling sein möge. Der Sich-Kümmerer mit gestähltem Body steht aber auch für den Wunsch der neuen Väter, man möge ihnen das einfühlsame Interesse am Kind nicht als Defizit an Virilität auslegen. So kitschig diese Poster anmuten: Es ist nichts Lächerliches an dem Bedürfnis, als Vater mit Kind bella figura machen zu wollen. Wenn es mit der Arbeitsteilung der Geschlechter in der Elternschaft vorangehen soll, muss dieses Bedürfnis sogar als zentrale Frage erkannt werden. Auf hoch moralische Appelle, sich mehr zu engagieren, reagieren die meisten Väter bockig. Es ist womöglich viel aussichtsreicher, hier auf Anreize als auf Schuldzuweisungen zu setzen. Ein anderes Vaterbild muss auch zur Prestigefrage werden, um sich durchzusetzen.
Unübersehbar sind die Anzeichen für einen Wertewandel in dieser Richtung in den Boulevardmedien. Der Schauspieler Jude Law wurde von Paparazzi zuletzt nicht etwa mit einer neuen Geliebten, sondern mit seinem Sohn Rudy, 19 Monate, und seiner Tochter Iris, drei Jahre alt, im Londoner Regent’s Park beim Spiel erwischt. Und er schafft es irgendwie – den Sohn tragend, die Tochter in einem Wägelchen hinter sich herziehend –, erstaunlich cool dabei auszusehen. Gala vermerkt erfreut, dass der Mann, »von dem nachweislich Millionen Frauen träumen«, mit seiner Exgattin ums Sorgerecht streitet. Er scheine sich »in der Rolle des treu sorgenden und praktisch-nachlässig gekleideten Familienvaters bereits pudelwohl zu fühlen«. In Mel Gibsons altkatholischer Welt gibt es solche Konflikte zwar, soweit bekannt, nicht. Aber auch er ist ein engagierter Vater. Nach Rom reist er in Begleitung dreier seiner sieben (!) Kinder. Chris Martin, der Sänger von Coldplay und Ehemann von Gwyneth Paltrow, demonstriert seine Vorfreude auf das im Sommer zu erwartende Kind, indem er seine rechte Hand deutlich sichtbar mit dem Schriftzug »Baby« verziert. Er hat sich ein ganzes Jahr Auszeit vom Geschäft genommen. Inzwischen arbeitet er an einem Wiegenlied, das pünktlich zur Geburt auf den Markt kommen soll. Und ins endlose Drama um Heidi Klums Mutterschaft ist, nachdem sie von dem alternden Playboy Flavio Briatore verlassen wurde, endlich neuer Schwung gekommen. Sie ist jetzt immer häufiger mit dem britischen Soul-Star Seal zu sehen. Alles spricht dafür, wissen die Auguren, dass dieser »sich auf das Baby genauso freut wie Heidi. Plötzlich wird gemunkelt: Ist er etwa auch der Vater?« Dafür spreche, »dass er inzwischen heimlich seinen Lebensmittelpunkt nach New York verlegte«. Wie dominant der neue Konsens ist, nach dem nur ein hingebungsvoller Vater ein ganzer Mann ist, zeigt sich auch im Scheitern: Wer erinnert sich nicht an den Schreckensmoment, als Michael Jackson – durch seine entstellenden Operationen schon rein physiognomisch ein monströses Inbild missratener Männlichkeit – seinen Sohn der vor dem Hotel Adlon wartenden Menge präsentierte und ihn dabei beinahe aus dem Fenster fallen ließ!
Die prominenten Väter teilen sich in zwei Lager, die idealtypisch im Fall von Frau Klum zu beobachten sind: einerseits verantwortungslose Hedonisten vom Typ Briatore, ewige Jungs, deren Grauhaar ihre seelische Unreife nicht kaschieren kann; andererseits die empfindsamen, gleichwohl aber beschützerischen Väter neuen Typs, für die der zwei Meter große, athletische »Schmusesänger Seal« (Gala) stehen mag. Die neuen Väter freuen sich demonstrativ auf die Geburt ihrer Kinder (sogar noch, wenn sie nicht die leiblichen Väter sind). Und sie beweisen dies, indem sie den Müttern im Zerrüttungsfall den Sorgerechtsanspruch streitig machen wie Jude Law. Die Traumväter der Bewusstseinsindustrie sind Gegenbilder zur Krise der Väterlichkeit, die den Normalmann ergriffen hat.
Diese Krise hat nicht zuletzt kulturelle Gründe: Für den Wandel der Mütterlichkeit gibt es ein heroisches Erzählmuster. Die Frau zieht hinaus in die Welt und erobert gegen heftige Widerstände der Gesellschaft neue, männliche Kompetenzen, ohne dabei ihre weiblichen Sonderfähigkeiten aufzugeben. Weibliche Aggressivität gilt heute als fortschrittlich und wird ausdrücklich ermutigt (»Böse Mädchen kommen überall hin«). Im Gegenzug wird männliche Aggressivität selbst von Männern zunehmend kulturell geächtet. (Klaus Theweleit und Herbert Grönemeyer haben ihre Karrieren auf männlichen Selbsthass gebaut.) Der sich wandelnde Vater soll sich von der Außenwelt weg auf den Binnenraum der familiären Fürsorge hin orientieren, um hier seine eigenen mütterlichen Potenziale zu entdecken und zu kultivieren und so vom Mann zum ganzen Menschen zu werden. Es fällt Männern schwer, auch wenn sie es selten zugeben mögen, dies nicht als Rückzug und Beschränkung zu begreifen. Wie denn auch nicht: Suchen die Mütter nicht gerade nach Auswegen aus jenem Reich der Innerlichkeit, in dem die Väter sich nun zum eigenen Wohl tummeln sollen? Sehr sprechend war das Beispiel Oskar Lafontaines, der sich erst nach seinem Scheitern in der Politik als Privatier mit seinem Sohn ablichten ließ.
Die neue »Väterbewegung« mag in vielem Recht haben: Ein brauchbares, ermutigendes Vaterbild schafft auch sie nicht. In ihren Pamphleten werden Väter als benutzte und ausgegrenzte Opfer dargestellt, die vor allem im Scheidungsfall oft den Kürzeren ziehen. Es ist wichtig, solche Ungerechtigkeit anzuprangern. Aber die Väterbewegung hat sich von der Frauenbewegung den Opferdiskurs abgeschaut, und nun steckt sie darin fest. Man protestiert allen Ernstes gegen »männerfeindliche Werbung«, ganz so wie es der Feminismus für das andere Geschlecht vorgemacht hat: Es gab zum Beispiel einen Spot für den VW Sharan, in dem der getrennt lebende Vater mit dem Auto davonbraust, das die Kinder und die Mutter für sich reklamieren wollen. Aktivisten der Väterbewegung haben tatsächlich einen Briefwechsel mit dem VW-Vorstand geführt, in dem sie sich darüber beschweren, das Verhältnis der Werbepapas zu den Kindern sei zu negativ gezeichnet. Eine Opferkonkurrenz zwischen Müttern und Vätern ist das Letzte, was die ohnehin schon gestressten Familien heute brauchen können.
Wie aber kommt man zu einem positiven und realistischen neuen Vaterbild, das der Komplexität der neuen Geschlechterverhältnisse gerecht wird? Die Kritik der Väterlichkeit ist gerade in der Pop-Mythologie weit verbreitet. Unsere Populärkultur kennt überraschend viele Geschichten, in denen mörderische Väter eine Rolle spielen. Man denke nur an Jack Nicholson, der in The Shining seine Familie mit der Axt heimsucht, oder an die ersten beiden Terminator- Filme – Fabeln über das zerstörerische und behütende Potenzial von Männlichkeit. Im ersten Teil wird Arnold Schwarzenegger als gefühllose Mensch-Maschine aus der Zukunft gesandt, um die Mutter des Erlösers zu töten, der den Aufstand der Menschen gegen die Maschinen anführen soll. Im zweiten Teil allerdings muss er den Jungen, dessen Geburt er nicht verhindern konnte, gegen einen Terminator neueren Typs beschützen und entwickelt dabei Vaterinstinkte, die ihm allerdings selbst zum Untergang gereichen.
Eine der eindrucksvollsten Inkarnationen der Figur des »bösen Vaters« ist Darth Vader(!) aus dem Epos Krieg der Sterne: Er hat sich von der »dunklen Seite der Macht« verführen lassen, schwere seelische Verletzungen davongetragen und kann nur durch Einpanzerung der eigenen Gefühle überleben – seine an die SS erinnernde schwarze Montur und das asthmatische Pfeifen seines Atems stehen dafür. Gegen diesen zerstörerischen Vater müssen die Söhne und Töchter – in der Fabel der Filmtrilogie vetreten durch Luke Skywalker und Leia Organa – sich erheben. Die drei Teile von Francis Ford Coppolas Der Pate sind nicht zuletzt ein melancholischer Abgesang auf die integrierende, behütende Macht des Paterfamilias. Vito Corleone, der Pate, konnte die Ordnung seiner Familie noch zusammenhalten, zur Not mit Hilfe von Gewalt und Angeboten, die man nicht ablehnen kann. Sein Sohn Michael vermag ihren Zerfall nicht mehr zu verhindern, ja sein Festhalten an den alten patriarchalen Verhaltensweisen beschleunigt sogar noch den Untergang der Familie Corleone und am Ende seinen eigenen.
Es wäre wohl schon viel gewonnen, wenn die Dämonisierung endlich aufhört. Nach dem letzten Jahrhundert mit seinen Kriegen und Blutbädern, das voller scheiternder, abwesender, kaputter, traumatisierter, depotenzierter Väter war, gibt es nun eigentlich nichts mehr weiter zu dekonstruieren. Noch bevor die feministische Kritik am Patriarchat dem alten Vaterbild den Rest geben konnte, hatte der Gang der Geschichte es schon außer Kurs gesetzt. Man kann durchaus bereits Anzeichen einer Neubewertung der Väterwelt erkennen: Wir beugen uns heute voller Empathie über die Wunder von Bern und Lengede und erkennen eine Generation von Vätern, die es nach Krieg, Gefangenschaft und Heimkehr nicht leicht hatte, ihre Rolle wie erwartet zu spielen.
Die alte Vaterwelt des exklusiven Beschützers, Versorgers und Entscheiders ist unrettbar verloren. Leitbilder einer postheroischen Väterlichkeit aber wachsen nur langsam nach. Zwischen den glamourös idealisierten Ikonen neuer Väterlichkeit und der Situationskomik des Vaterversagens klafft eine Lücke.
Die neuväterliche Entdeckung des familiären Alltags braucht eine eigene Erzählform, die sich die leichten Auswege in Idealisierung und Komik verkneift. Der Rollenwandel der Väterlichkeit schafft eine Gefühlswelt zwischen Erhabenem und Furcht vor der Lächerlichkeit, zwischen Pionierstolz und Statusangst.
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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