Väter Perfekte MannsbilderSeite 2/2
Die neue »Väterbewegung« mag in vielem Recht haben: Ein brauchbares, ermutigendes Vaterbild schafft auch sie nicht. In ihren Pamphleten werden Väter als benutzte und ausgegrenzte Opfer dargestellt, die vor allem im Scheidungsfall oft den Kürzeren ziehen. Es ist wichtig, solche Ungerechtigkeit anzuprangern. Aber die Väterbewegung hat sich von der Frauenbewegung den Opferdiskurs abgeschaut, und nun steckt sie darin fest. Man protestiert allen Ernstes gegen »männerfeindliche Werbung«, ganz so wie es der Feminismus für das andere Geschlecht vorgemacht hat: Es gab zum Beispiel einen Spot für den VW Sharan, in dem der getrennt lebende Vater mit dem Auto davonbraust, das die Kinder und die Mutter für sich reklamieren wollen. Aktivisten der Väterbewegung haben tatsächlich einen Briefwechsel mit dem VW-Vorstand geführt, in dem sie sich darüber beschweren, das Verhältnis der Werbepapas zu den Kindern sei zu negativ gezeichnet. Eine Opferkonkurrenz zwischen Müttern und Vätern ist das Letzte, was die ohnehin schon gestressten Familien heute brauchen können.
Wie aber kommt man zu einem positiven und realistischen neuen Vaterbild, das der Komplexität der neuen Geschlechterverhältnisse gerecht wird? Die Kritik der Väterlichkeit ist gerade in der Pop-Mythologie weit verbreitet. Unsere Populärkultur kennt überraschend viele Geschichten, in denen mörderische Väter eine Rolle spielen. Man denke nur an Jack Nicholson, der in The Shining seine Familie mit der Axt heimsucht, oder an die ersten beiden Terminator- Filme – Fabeln über das zerstörerische und behütende Potenzial von Männlichkeit. Im ersten Teil wird Arnold Schwarzenegger als gefühllose Mensch-Maschine aus der Zukunft gesandt, um die Mutter des Erlösers zu töten, der den Aufstand der Menschen gegen die Maschinen anführen soll. Im zweiten Teil allerdings muss er den Jungen, dessen Geburt er nicht verhindern konnte, gegen einen Terminator neueren Typs beschützen und entwickelt dabei Vaterinstinkte, die ihm allerdings selbst zum Untergang gereichen.
Eine der eindrucksvollsten Inkarnationen der Figur des »bösen Vaters« ist Darth Vader(!) aus dem Epos Krieg der Sterne: Er hat sich von der »dunklen Seite der Macht« verführen lassen, schwere seelische Verletzungen davongetragen und kann nur durch Einpanzerung der eigenen Gefühle überleben – seine an die SS erinnernde schwarze Montur und das asthmatische Pfeifen seines Atems stehen dafür. Gegen diesen zerstörerischen Vater müssen die Söhne und Töchter – in der Fabel der Filmtrilogie vetreten durch Luke Skywalker und Leia Organa – sich erheben. Die drei Teile von Francis Ford Coppolas Der Pate sind nicht zuletzt ein melancholischer Abgesang auf die integrierende, behütende Macht des Paterfamilias. Vito Corleone, der Pate, konnte die Ordnung seiner Familie noch zusammenhalten, zur Not mit Hilfe von Gewalt und Angeboten, die man nicht ablehnen kann. Sein Sohn Michael vermag ihren Zerfall nicht mehr zu verhindern, ja sein Festhalten an den alten patriarchalen Verhaltensweisen beschleunigt sogar noch den Untergang der Familie Corleone und am Ende seinen eigenen.
Es wäre wohl schon viel gewonnen, wenn die Dämonisierung endlich aufhört. Nach dem letzten Jahrhundert mit seinen Kriegen und Blutbädern, das voller scheiternder, abwesender, kaputter, traumatisierter, depotenzierter Väter war, gibt es nun eigentlich nichts mehr weiter zu dekonstruieren. Noch bevor die feministische Kritik am Patriarchat dem alten Vaterbild den Rest geben konnte, hatte der Gang der Geschichte es schon außer Kurs gesetzt. Man kann durchaus bereits Anzeichen einer Neubewertung der Väterwelt erkennen: Wir beugen uns heute voller Empathie über die Wunder von Bern und Lengede und erkennen eine Generation von Vätern, die es nach Krieg, Gefangenschaft und Heimkehr nicht leicht hatte, ihre Rolle wie erwartet zu spielen.
Die alte Vaterwelt des exklusiven Beschützers, Versorgers und Entscheiders ist unrettbar verloren. Leitbilder einer postheroischen Väterlichkeit aber wachsen nur langsam nach. Zwischen den glamourös idealisierten Ikonen neuer Väterlichkeit und der Situationskomik des Vaterversagens klafft eine Lücke.
Die neuväterliche Entdeckung des familiären Alltags braucht eine eigene Erzählform, die sich die leichten Auswege in Idealisierung und Komik verkneift. Der Rollenwandel der Väterlichkeit schafft eine Gefühlswelt zwischen Erhabenem und Furcht vor der Lächerlichkeit, zwischen Pionierstolz und Statusangst.
- Datum 13.05.2004 - 14:00 Uhr
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- Quelle (c) DIE ZEIT 13.05.2004 Nr.21
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